Was ist eigentlich der Anlass für dieses Interview?
Also, erst mal bin ich froh, dass wir eines bekommen haben. Ihr Büro hatte gesagt, Sie wollten sich nur noch sehr dosiert äußern.
Was heißt, „äußern wollen“? Ich bekomme so viele Anfragen. Die meisten lehne ich ab. Ich habe kein Amt und kein Mandat mehr, ständig Stellung zu nehmen. Muss ich auch dienstlich nicht. Warum sollte ich dann ständig Interviews geben?
Immerhin haben Sie eine neue Funktion. „Frau Professorin Käßmann“, wie klingt das für Sie?
Ungewohnt am Anfang – nach zehn Jahren im Bischofsamt. Im Alltag an der Uni redet mich aber ohnehin keiner mit Titel an, und die Studierenden schon mal gleich gar nicht. Die sind sehr unprätentiös.
Was, glauben Sie, suchen die Studenten bei Ihnen? Ihren Promi-Status? Die Seelsorgerin?
Margot Käßmann, geb. 1958, ist die bekannteste deutsche evangelische Theologin. Bis 2010 war sie Bischöfin der hannoverschen Landeskirche und Ratsvorsitzende der EKD.
Sie trat im Februar 2010 von ihren Ämtern zurück, nachdem sie betrunken Auto-gefahren und dabei erwischt worden war. Ihrer Beliebtheit hat das nicht geschadet. Auf dem Ökumenischen Kirchentag 2010 wurde sie von Zehntausenden beklatscht.
An der Universität Bochum ist Käßmann zurzeit als Gastprofessorin tätig.
Ein Tagebuch über einen vorangegangenen mehrmonatigen USA-Aufenthalt ist unter dem Titel „Zu Gast in Amerika“ (edition chrismon, 175 Seiten, 16,90 Euro) vor wenigen Wochen erschienen. jf
Davon nehme ich nichts wahr. Die Studierenden haben zu mir das gleiche Verhältnis wie zu anderen Professoren auch. Bisweilen fragen Sie nach bestimmten Lebensstationen, nach meiner Zeit als Bischöfin. Mehr aber auch nicht. Im Seminar sind wir auch nur ein ganz kleiner Kreis von 20 Leuten, alles völlig normal.
Was behandeln Sie da?
Die Geschichte der ökumenischen Bewegung. Wir sind gerade bei Nairobi 1975 angelangt.
Puh.
Typisch, Ihre Reaktion! Für mich war der Aufbruch der christlichen Konfessionen zu einem neuen Miteinander in den 1970er und 1980er Jahren etwas hoch Spannendes. Ich habe hier in Bochum über den Ökumenischen Rat der Kirchen promoviert. In die Ratsarbeit ist seit 1981 mein ganzes Herzblut geflossen. Einige der Studierenden heute aber hören von alledem im Seminar zum ersten Mal. Ich meine, die Ökumene kommt in der theologischen Ausbildung viel zu kurz. Dabei spielt sie für die Pfarrerinnen und Pfarrer später eine zentrale Rolle: Wie gehen wir Protestanten mit den Katholiken um? Was können wir gemeinsam gestalten?
Wie ist das für Theologiestudenten 2011?
Sie stehen ein bisschen staunend vor all den konfessionellen Differenzen, die in ihrem Leben praktisch keine Rolle spielen. Dort geht es wesentlich darum, ob einer Christ, Christin ist oder nicht.
Dann beantworten Sie in Ihrem Seminar also Fragen, die keiner stellt.
In einer globalisierten Welt ist die ökumenische Stimme der Christen ungeheuer wichtig – die eben nicht nur die römisch-katholische Stimme oder noch personalisierter, die Stimme des Papstes ist. Es braucht das globale Zeugnis für den Frieden, für Menschenrechte, für den Dialog der Religionen. Es liegt eine ganz große Chance darin, dass die Kirchen ihre Positionen gemeinsam formulieren und dann auch gemeinsam standhalten. Ich wünsche mir mehr davon, etwa beim Thema Gewaltfreiheit.
Spüren Sie nach Ihren zehn Jahren als Bischöfin noch Wehmut oder Abschiedsschmerz?
Mein Rücktritt liegt mehr als ein Jahr zurück. In der Seelsorge sprechen wir gern vom „Trauerjahr“, an dessen Ende die Phase der intensiven Verlustempfindung auch abgeschlossen ist. Ich war gerne Bischöfin, der Abschied aus diesem Amt war bitter. Aber die Monate in Amerika haben mir geholfen, Abstand zu gewinnen und zu sagen, „okay, nun machen es andere“. Das finde ich in der evangelischen Kirche ohnehin gut: Ämter gibt es nur auf Zeit, und die Kirche steht oder fällt nicht mit einer einzigen Person.
Aber die angekündigte „Auszeit“ waren die Monate in den USA dann doch nicht. Der Blog fürs deutsche Publikum ist gerade als Buch erschienen. Sie waren fort, aber nie weg.
Doch, doch. Ich war schon ziemlich ’raus, habe im Studentenwohnheim gelebt, ohne alle Verpflichtungen. Das Tagebuch im Internet habe ich auf Bitten der Zeitschrift Chrismon geschrieben, die ich mit herausgebe. Dahinter stand keine Sehnsucht, dauernd in Deutschland vorzukommen.
Der Effekt war genau dieser.
Viele haben gesagt, „Margot, wir wollen wissen, wie’s dir geht. Schreib doch mal was!“ Ich bin da viel unbefangener rangegangen als manche Journalisten schon wieder vermutet haben.
Den Europäischen Kulturpreis für Zivilcourage haben Sie erst angenommen, dann aber doch nicht entgegengenommen...
Was als Ehrung für meine Arbeit als Bischöfin gedacht war, mein Engagement für Flüchtlinge im Land Niedersachsen, mein Eintreten für den Frieden, wurde verkürzt zu einem „Preis für meinen Rücktritt“. Das war Unsinn! Das wollte ich nie und muss ich nicht haben. Ich persönlich sehne mich ohnehin nicht nach einem Preis, sondern hätte ihn als stellvertretende Würdigung für alle gesehen, die Zivilcourage zeigen ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Aber bei mir wird offenbar inzwischen alles bloß noch im Zusammenhang mit meinem Amtsverzicht gesehen. „Margot Käßmann, die wegen einer Alkoholfahrt zurück getreten ist.“ Warum schreibt keiner „Margot Käßmann, die vier Töchter großgezogen hat“, oder irgend etwas anderes? Das ist doch eine ziemliche Festlegung auf vier Minuten in meinem Leben.
Das nervt Sie?
Noch nicht mal das. Ich verstehe es einfach nicht, warum das wieder und wieder geschrieben und gesagt werden muss. Ich habe eher ein Gefühl von Überdruss: „Nu isses doch mal gut“. Ich hoffe, dass es den Menschen irgendwann genauso geht, und dass das Ganze dann aufhört. Allerdings bin ich wesentlich gelassener geworden im Bezug auf mein Bild in den Medien Ändern kann ich es ja nicht. Journalisten schreiben am Ende ohnehin, was sie wollen. Und nach dem vorigen Jahr bin ich so schnell nicht mehr zu erschüttern.
Werden Sie an der Uni bleiben?
Schon möglich. Oder ich werde irgendwo im Raum der Kirche arbeiten. Ich sehe mich als Mensch in der Kirche – nicht im politischen Metier. Und ganz sicher werde ich nicht TV-Moderatorin, was jetzt auch schon wieder einige schreiben, bloß weil ich am 13. Mai mit Giovanni di Lorenzo den Talk „3 nach neun“ moderiere. Ich mache das einmal. Mehr nicht.
Als Bischöfin haben Sie regelmäßig gegen den Weihnachtsmann und sinnentleertes Brauchtum gewettert. Haben Sie auch was gegen den Osterhasen?
Nicht, solange klar ist, dass die Ostersymbole etwas mit dem Inhalt dieses Festes zu tun haben: neues Leben. Ich habe aber schon manchmal die Sorge, dass dieses Wissen bei den Menschen verloren geht.
Denen können Sie sicher nicht mit Martin Luthers Katechismus kommen.
Wenn er in die Sprache der Menschen übersetzt wird, schon! Es geht darum, zu sagen, dass der Tod nach christlicher Überzeugung nicht das letzte Wort hat. Leid und Sterben gehören zum Leben. Karfreitag kommt in jedem Leben vor. Aber Tod ist – wie der Theologe Heinz Zahrnt einmal gesagt hat – „kein hoffnungsloser Fall“.
Wirkt das nicht zu verkopft, zu glaubensgewiss auf Menschen, die einfach nur noch verzweifelt sind?
Ich meine nicht. Für eine ZDF-Sendung zu Karfreitag bin ich einer Familie begegnet, die Drillinge erwartete, durch Frühgeburt aber zwei der Kinder verloren hat. Das war eine schreckliche Situation für die Eltern, in die ich mich so gut ich konnte einzufühlen versucht habe. Niemand muss intellektuell sein, um noch in einem solchen Moment die Lebensverheißung des Glaubens zu erfahren. Schauen Sie auf Christen in Afrika, Asien oder Lateinamerika, die in Armutsverhältnissen leben, aber die Lebenszusage ihres Glaubens genau begreifen. Und zwar nicht als Vertröstung auf das Jenseits – Religion als Opium des Volkes –, sondern als Zusage für diese Welt.
Ihr eigener sehr gefasster Umgang mit Schicksalsschlägen wie Ihrer Krebserkrankung schüchtert andere nicht ein, glauben Sie?
Das denke ich nicht. Den Erfolg meines Buches „In der Mitte des Lebens“ führe ich darauf zurück, dass Menschen sich getröstet fühlen, wenn sie ihre Erfahrungen von Leid und Scheitern mit anderen teilen können, die Ähnliches erlebt haben. Das lese ich auch immer wieder in Briefen, die ich erhalte. Und die Absender sind keine Universitätsprofessoren. Neulich traf ich eine Frau in der Buchhandlung, die zu mir sagte: „Frau Käßmann, ist das Buch theologisch, oder kann ich es verstehen?“
Und?
Ich fand dieses Entweder-Oder schade. Theologie, in den Alltag übersetzt, ist doch auch heute relevant. Also habe ich gesagt, „nehmen Sie das Buch – und wenn Sie es nicht verstehen, erstatte ich Ihnen persönlich den Kaufpreis.“
Hat sich die Leserin gemeldet?
Nein. Offenbar wollte sie es behalten.
Die Stadt Frankfurt pocht dieses Jahr heftig auf ein fast 60 Jahre altes Verbot von Tanzveranstaltungen an den Kar- und Ostertagen. Was halten Sie davon?
Den Karfreitag auszuhalten als einen von ganz wenigen Tagen, wo ausnahmsweise einmal Trauer und Tod im Zentrum stehen, und die Stille dieses Tages nicht schon wieder mit den Lachsalven einer karnevalisierten Gesellschaft zu füllen – das halte ich für wichtig. Ostern ist der Tag der Freude schlechthin. Es spricht nichts dagegen, an solch einem Tag auch zu tanzen.
Karfreitag als Tag kollektiver Trauer auch für die, die der Tod Jesu in keiner Weise berührt?
Feiertage einer Gesellschaft sind festgelegt durch Tradition und Kultur einer Gesellschaft. Und mehr als 50 Millionen Menschen in Deutschland gehören nun einmal einer christlichen Kirche an. Darum finde ich es angemessen, dass die Karfreitagsruhe auch gesetzlich geregelt ist.
Klingt verdächtig nach christlicher „Leitkultur“.
Wollen Sie so tun, als wären nicht zwei Drittel der Menschen in unserem Land kirchlich gebunden? Ich frage mich manchmal, warum es bisweilen so schwer zu fallen scheint, diese Tatsache zu akzeptieren. Kein Mensch nimmt Schaden, wenn er Karfreitag nicht tanzen gehen kann. Und auch Clubs oder Diskotheken sollten es schaffen, einmal im Jahr zu schließen – um der Gemeinschaft willen.
In Berlin ist das Wort der Kirchen in der Ethik-Kommission zur Energiewende gefragt. Welche Atomkompetenz hat die Kirche?
Keine naturwissenschaftliche, aber dafür eine sozialethische. Seit vielen Jahren spricht sich die evangelische Kirche gegen Atomkraft aus, weil sie es nicht für verantwortbar hält, nachfolgende Generationen mit den Folgen dieser Energieerzeugung zu belasten.
Fukushima ist sozusagen der Anwendungsfall für diese Position.
Stimmt, aber jeden Eindruck der Rechthaberei fände ich angesichts dieser Katastrophe unangemessen. Für mich ist es eher ein Stück Trauerarbeit, weil meine Hoffnung auf ein Umdenken nach Tschernobyl in Diskussionen immer wieder auf eine Arroganz des Machbaren geprallt ist und auf eine Suggestion von Sicherheit. Tschernobyl 1986 war aus meiner Sicht der klare Imperativ zum Ausstieg.
Wie haben Sie diese Katastrophe miterlebt?
Ich erinnere mich gut. Meine Zwillingstöchter Hanna und Lea sind am 7. April 1986 geboren. Weil sie sehr klein waren, kam ich erst ein paar Wochen später mit ihnen aus der Klinik, am 28. April. Im Radio hörte ich, irgendwo sei da irgendwie was passiert, es gebe erhöhte Werte von Radioaktivität, man wisse aber nichts. Am Maifeiertag habe ich die beiden Babys mit einer Decke draußen auf den Rasen gelegt, die große Tochter im Sandkasten spielen lassen, um später zu erfahren: Das war für die Kinder das Allerfalscheste. Ich hatte einen unglaublichen Zorn und zugleich die Angst, meine Kinder geschädigt zu haben. Die unsichtbare tödliche Gefahr dieser Strahlung – die haben damals viele begriffen.
Ist Ihnen mal der Gedanke gekommen, „und in diese Welt habe ich vier Kinder gesetzt“?
Fatalismus war nie meine Sache, das wäre auch völlig unchristlich als Haltung. Eher hat es mich motiviert, gegen Kernenergie anzutreten. Auch hier: keine Vertröstung auf eine andere Welt, sondern der Versuch, die vorhandene besser zu machen. „Weltverbesserin“ lasse ich mich gerne nennen, meinetwegen sogar „naive Weltverbesserin“. Ich glaube, solche Leute braucht es.
Die Regierung wollte noch vor kurzem bessere Politik machen, indem sie die AKW-Laufzeit verlängerte.
Das ist der Irrglaube des Menschen gewesen, er könne alles beherrschen. Er kann aber weder Erdbeben beherrschen noch Tsunamis noch die Atomkraft. Wer die alte biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel kennt, den wird diese Hybris nicht überraschen.
Hat es Sie überrascht, dass die Parteien mit dem C im Namen so eifrig auf Pro-Atomkraft-Kurs waren?
Ich möchte das parteipolitisch nicht werten, aber eine gewisse Tragik hat es schon.
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