Mr. Boyle, in Ihrer Kurzgeschichte „Der Nebelmann“ beschreiben Sie, wie ein elfjähriger Junge mit seiner Schulklasse das Atomkraftwerk Indian Point am Hudson River besucht...
Ja, dieser Junge war ich. Unser Grundschullehrer hatte uns damals mit in dieses Atomkraftwerk genommen. Es war eines der ersten Atommeiler, die weltweit überhaupt gebaut wurden, 1956. Es steht nur 55 Kilometer nördlich von New York entfernt.
Allein in den letzten 15 Jahren gab es dort eine Reihe als „klein“ eingestufter Störfälle: mal brach Feuer in zwei Transformatoren aus, dann waren Teile des Ausflusses für das Notkühlsystem durchgerostet, und es gab ein Leck im Abklingbecken.
Ja, und dennoch ist Indian Point heute immer noch in Betrieb. Als ich den Meiler als Schüler erstmals besuchte, hatten sich der Elektrizitätskonzern noch sehr darum bemüht, den Menschen in den anliegenden Gemeinden einzureden, dass Kernkraft sicher und beherrschbar sei. Und Schulausflüge gehörten zur PR: Kommt ins AKW, da zeigen wir euch einen kleinen Zeichentrickfilm mit Johnny Atom, der sich in zwei Hälften spaltet und die Welt rettet, indem er so Strom erzeugt. Und der dabei noch schön tanzen konnte und uns erklärte, wie prima die Atomkraft sei. Auf den Gedanken, dass diese Technologie gefährlich ist, wäre ich damals nie gekommen. Man hatte uns Atomkraft ja ständig als etwas vollkommen Sympathisches und Gutartiges verkauft. Insofern hatte die PR auf mich gewirkt. Ich weiß noch, wie wir aus dem Bus stiegen und wie beeindruckt ich von der mächtigen Betonkuppel war. Meine Mutter war sogar regelrecht neidisch auf die Menschen, die in der Stadt Bucchanon lebten, wo das AKW stand.
Warum das?
Bucchanon war von unserem Wohnort Peekskill nur etwa zehn Meilen entfernt. Meine Mutter war deshalb neidisch, weil die Bewohner von Bucchanon im Gegensatz zu uns keine Grundsteuer zahlen mussten. Das hatte die Betreiberfirma Con-Ed ihnen netterweise abgenommen. Das war eine sehr effektive Unternehmens-PR.
T.C. Boyle, 62, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen US-Schriftstellern. Er stammt aus Peekskill im US-Staat New York und lebt in Montecito.
In seinen Büchern hat er sich immer wieder mit Umweltthemen auseinandergesetzt. In dem Roman „Ein Freund der Erde“ beschreibt Boyle die Folgen der Klima-Katastrophe, in der Short Story „Der Nebelmann“ den Besuch einer Schüler-Klasse in einem Atomkraftwerk (erschienen in dem Sammelband „Fleischeslust“ ).
Sein neuer Roman „When The Killing is done“ (im Frühjahr 2012 auf deutsch) ist kürzlich auf englisch erschienen und handelt von dem erbitterten Kampf diverser Natur- und Tierschützer. (art)
Sie leben seit Ende der 70er im kalifornischen Montecito. In dem Bundesstaat sind zwei antiquierte Atommeiler in Betrieb: der zwischen San Francisco und Los Angeles gelegene Diablo Canyon, in dessen Nähe Sie wohnen, und San Onofre nahe San Diego. Sie stehen in einer Region, in der Jahren mit einem großen Beben gerechnet wird. Mit Erdstößen, die in der Vergangenheit Metropolen wie San Francisco in Schutt und Asche legten. Die Betreiber wiederholen in den letzten Tagen dennoch gebetsmühlenartig, beide Werke würden einem Beben mit maximaler Stärke von 7,5 standhalten sowie neun Meter hohe Tsunamiwellen.
Mich beunruhigt die Tatsache, dass viele Lobbyisten, aber auch andere Experten, trotz Fukushima nach wie vor davon ausgehen, dass Erdbeben und ihre Folgen vorhersehbar sind. Aber das gehört zumindest für die PR-Leute der Energie-Konzerne zu ihrem Job: Sie müssen die offensichtlichen Risiken kleinreden, beschwichtigen. Man wüsste gerne, was sie wirklich denken.
Es gab zuletzt Meldungen über erhöhte Strahlungen an der kalifornischen Küste als Folge des Gaus von Fukushima. Präsident Obama versicherte daraufhin, die Werte seien nicht gesundheitsgefährdend. Dennoch waren Jod-Tabletten in Kalifornien binnen kruzer Zeit ausverkauft. Haben Sie sich auch eingedeckt?
Nein. Aber diese Hamsterkäufe sind schon bizarr. Es gibt in den Apotheken keine Jod-Tabletten mehr, nicht nur in Kalifornien, auch nicht in anderen Teilen des Landes. Das ist jene Form von Panik, wie ich sie in unterschiedlichen Ausprägungen immer wieder beschrieben habe. Wenn man am Supermarkt ein Schild mit der Aufschrift anbringt „Ab morgen gibt´s kein Essen mehr“, werden am nächsten Tag zunächst die Rehe verzehrt, dann sind die Ratten dran und irgendwann fallen wir über uns selbst her. So sind Menschen nun mal.
Wenn Sie schon keine Jod-Tabletten kaufen, wird ein Mann mit Ihrer Vorstellungskraft doch sicher darüber nachgedacht haben, was wäre, wenn massive Radioaktivität von Japan an die kalifornische Küste gelangte oder wenn, noch schlimmer, einer der US-Reaktoren explodierte.
Ich zerbreche mir ständig den Kopf über alle möglichen Desaster, die hin und wieder tatsächlich über diese Region hereinbrechen, seien es nun Feuerstürme oder Erdbeben. Für den Fall eines nur 200 Kilometer von hier entfernten Gau habe ich nur einen Plan: zu sterben.
Warum ziehen Sie nicht einfach weg?
Sehen Sie, ich habe mal eine Kurzgeschichte über das kalifornische Küstenstädtchen La Conchita geschrieben, das in den letzten Jahrzehnten immer wieder mal von Schlammlawinen zerstört wurde – nur um ein paar Jahre später wieder aus den Ruinen aufzuerstehen. Die neuen Bewohner hatten die nach wie vor drohende Gefahr meist vergessen oder verdrängt. Sie leben dort, weil La Conchita im Vergleich zu anderen Küstenregionen günstig und der Blick auf den Pazifik traumhaft ist. Sie gehen das Risiko ein und hoffen, dass sich solche Katastrophen nicht wieder ereignen – zumindest nicht so lange sie dort leben. Was soll ich sagen? Das liegt in der Natur des Menschen. Ich habe 1987 mit meinen kleinen Kindern in Irland gelebt. Die Folgen der radioaktiven Wolke von Tschernobyl sind mir noch in lebhafter Erinnerung. Ich konnte meinen Kindern damals keine frische Milch mehr anbieten. Die Wolke aus Tschernobyl war auch über Skandinavien und Irland geweht – die Milch der irischen Kühe war mit Strontium 90 belastet. Wir mussten die Milch aus anderen, weit entfernten Gegenden bestellen. Das Thema ist erst im letzten Jahr wieder in mir hochgekommen. Ich schrieb die Kurzgeschichte „In The Zone“, die im Jahr 1999 in der 30-Kilometer umfassenden Sperrzone um Tschernobyl spielt. Sie ist noch nicht veröffentlicht worden und wird – seltsame Koinzidenz – demnächst in der Zeitschrift „Canyon Review“ erscheinen. Ich schreibe über die Tatsache, dass die Behörden es einigen älteren Dorfbewohnern erlauben, in die kontaminierten Gebiete zurückzukehren. Es sind meist Leute über 50, denen es egal ist, wann sie sterben. Diese Sperrzone hat mich vor allem deshalb so fasziniert, weil sie zumindest für viele Tiere einen sehr seltsamen Garten Eden darstellt. Sie können sich dort wieder frei entfalten, weil sich die Natur ihr Terrain zurückerobert und es kaum noch Einwirkung von Menschen gibt.
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