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Schriftsteller Reinhard Jirgl: „Das ist keine Planwirtschaft“

Für Büchnerpreisträger Reinhard Jirgl ist Sprache ein Kunstträger, wie für manche Maler die Leinwand. Er spricht im FR-Interview übers Lesen, Schreiben und Laufen.

„Ich schreibe, wenn es so weit ist“, sagt Jirgl.  Foto: dpa

Herr Jirgl, Sie haben bereits wichtige Auszeichnungen wie den Alfred-Döblin- oder den Joseph-Breitbach-Preis für Ihr literarisches Werk erhalten. Welchen Stellenwert hat der Georg-Büchner-Preis für Sie?

Es ist ganz eindeutig der bedeutendste Preis im deutschsprachigen Raum. Über das Materielle brauchen wir nicht zu reden. Jemand, der vom Verkauf seiner Bücher nicht leben kann, freut sich über diese Summe. Das bedeutet Arbeitssicherheit für die nächsten Jährchen. Aber es ist natürlich immer eine kindliche Freude bei einem solchen Preis dabei. Es ist die beste und in diesem Fall auch die höchste Bestätigung dessen, was man gemacht hat, und diese Ermutigung ist ein guter Impuls fürs Weitermachen: Dass man sozusagen durch diesen Preis dieses kindliche Spiel bestätigt bekommt und dass man sieht, man hat es nicht umsonst geschrieben.

Werden Sie in Ihrer Dankesrede auf Büchner eingehen?

Das ist ja das Verrückte: Das Problem mit den Namen großer Preise ist ja immer, welche Beziehung der ausgezeichnete Autor zum Namensgeber hat. Man wird, ob man will oder nicht, in Beziehung gesetzt. In diesem Fall – wie auch bei Döblin -– hat es für mich in der Tat eine Bedeutung. Mit fünfzehn oder sechzehn habe ich im Bücherregal der Eltern ein schmales Bändchen entdeckt: „Georg Büchner: Dichtungen“. Und ich las einen Satz aus dem „Woyzeck“: „Haben Sie schon gesehn in was für Figuren die Schwämme auf dem Boden wachsen. Wer das lesen könnt.“ Das sind solche Sätze, die gehen mittenrein. Ich hab mir damals schon gesagt: Wer so schreiben kann, der kann nicht enttäuschen. Das hat sich bewahrheitet. Und natürlich haben Büchners Sprachart und seine Aufbereitung des Duktus für mich eine enorme Bedeutung bekommen, weil das ein sehr geschliffener Sprachbau ist, sehr formbewusst und ohne Redundanzen.

Es ist die Sprache eines erratischen Einzelgängers…

…ja, er hat auch etwas betrieben, das ich später erst begriffen habe. Es ist nämlich eine Versuchsanordnung in seinen Schriften zu erkennen: Er prüft die Wirklichkeit auf ihre schlimmsten Übel und bereitet sich auf diese vor, indem er eine literarische Versuchsanordnung herstellt und sich selbst, etwa in Gestalt des Lenz, in die Geschichte mit einbringt. Das ist das Einzigartige an dieser Prosa, die er schreibt: Dass er einen Text nicht nur lesbar, sondern auch erfahrbar machen kann. Er hat damit fürs 20. und 21. Jahrhundert vorweg geschrieben.

Zur Person

Reinhard Jirgl, 1953 in Ost-Berlin
geboren, bekommt am Samstag von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt den mit 40000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis verliehen. Jirgl hat österreichisch-
böhmische Vorfahren. Zum Schreiben ermuntert wurde der gelernte Ingenieur einst von Heiner Müller. Sie hatten sich an der Ost-Berliner Volksbühne
kennengelernt, wo Reinhard Jirgl als Beleuchtungstechniker arbeitete.
Zu Jirgls Werk gehören große Romane wie „Abschied von den Feinden“,
„Die atlantische Mauer“ oder
„Abtrünnig. Roman aus der nervösen Zeit“, aber auch der Essayband „Land und Beute“. Im vergangenen Jahr hat Jirgl, der sich einer „Privatorthographie“ mit aufklärerischem Impetus bedient („Glüxritter“), die Familiensaga „Die
Stille“ vorgelegt. Reinhard Jirgls Bücher
erscheinen im Carl Hanser Verlag,
München. K.H.

Fühlen Sie sich durch den Büchner-Preis auch in Ihrer speziellen Schreibweise bestätigt, die häufig als schwer lesbar kritisiert wird?

Wenn man das als so als störend oder abartig empfunden hätte, hätte man mir diesen Preis bestimmt nicht gegeben. Aber ich glaube, da steckt noch etwas anderes dahinter. Vielleicht hat man im Lauf der Zeit erkannt: Mir geht es nicht um Avantgarde. Das sind Etiketten, die man mir angehängt hat. Nein, mir geht es darum, dass die Sprache selbst ein Material ist, mit dem man Kunst machen kann, die also ein Kunstträger in sich ist, so wie für manche Maler die Leinwand. Denken Sie an Francis Bacon, er hat die Struktur und Textur der Leinwand als Farb- und Inhaltsträger genommen, und so kann man auch mit der Sprache verfahren. Die Sprache selbst ist also ein formbares Material und wartet darauf, geformt zu werden. Sie dient nicht nur als Lastwagen für den Inhalt.

Notieren Sie gleich alles in Ihrer Orthographie?

Ja, absolut, es würde auch gar nicht anders gehen, zumal ich Peripatetiker bin, also mir die Texte erlaufen muss. Und dabei spielt natürlich auch die Zeichengebung eine ganz bestimmte Rolle. Ich habe festgestellt, wenn es irgendwann nicht weitergeht mit dem Schreiben, dass es am Rhythmus liegt. Das muss dann geändert werden.

Dann sind Sie also jeden Vormittag unterwegs?

Nein, ich habe keinen Arbeitsplan. Schreiben ist für mich keine Planwirtschaft. Ich schreibe, wenn es so weit ist, und da ist die Tageszeit völlig egal. Das kann ich mir Gott sei Dank erlauben als sogenannter freier Schriftsteller. Wenn ein Text so weit ist, dass er geschrieben werden will, dann mache ich das auch.

In „Die atlantische Mauer“ aus dem Jahr 2000 haben Sie neben Berlin New York als Schauplatz gewählt. Warum sind Ihre Romane ansonsten eher inländisch?

Ich schreibe natürlich aus dem Raum, den ich am besten kenne. Das ist ja eine Grundregel, die man befolgen sollte. Das heißt natürlich nicht, das in diesem Raum, den man am besten kennt, nicht auch Figuren auftreten, die von woanders her kommen, Biografien aus allen möglichen Teilen der Welt. Oder man geht selbst mal in diese Welt hinaus oder wird dorthin verschlagen. Das sind natürlich alles Materialien, die ich verwenden kann. Und da spielt dann der Ort für mich keine Rolle, ich muss ihn nur sprachlich aufbereiten können. Ich suche also nicht den Exotismus. Wenn er mir begegnet, nehme ich ihn, soweit ich ihn verwenden kann, aber ich suche ihn nicht.

Sie haben sich in Ihrem Roman „Die Unvollendeten“ von 2003 mit dem Schicksal der Sudetendeutschen, mit dem Thema Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg befasst. Was sagen Sie vor diesem Hintergrund zur aktuellen Migrationsdebatte?

Das interessiert mich in dem Sinne, in dem mich auch die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg interessiert haben. Aber es geht nicht immer um die Aufrechnung. Ich bin ja in einer Generation geboren nach dem Krieg, die sich diese Problematik erarbeiten musste. Mir geht es nicht darum, Schuldzuweisungen zu machen oder eine Kollektivschuld zu vertreten, sondern darum, dass diese Problematik nicht nur am geschichtlichen Gegenstand haften bleibt, sondern auch für die Gegenwart und Zukunft wichtig ist. Bleiben wir meinetwegen bei der Vertreibung der Sudetendeutschen nach 1945: Wie war es überhaupt möglich, dass in einer zivilisierten Gesellschaft solche Dinge wie Vertreibung oder Völkermord akzeptabel wurden? Was musste da passieren, wie musste eine Bevölkerung dirigiert oder regiert werden, damit solche Dinge durchführbar wurden? Das interessiert mich, und das weist in der Tat über die Geschichte hinaus. Insofern sind dann alle anderen Dinge für mich Spiegelfechtereien.

Haben Sie schon ein neues Buch in Arbeit?

Ja, aber fragen Sie mich nicht danach. Raymond Chandler hat gesagt: Rede nie über unfertige Sachen.

Interview: Katrin Hillgruber

Datum:  20 | 10 | 2010
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