Herr Iturra, das Wichtigste zuerst: Wie geht es den Männern?
Sie sind zurzeit gut drauf und zufrieden, sie sehen im Augenblick gerade Fernsehen. Allerdings haben sieben von ihnen Zahnschmerzen.
Das ist ja ungünstig …
Na ja, wir haben einen Zahnarzt vor Ort, der ihnen mit einer hochauflösenden Kamera in den Mund schaut, und dann muss es eben mit Antibiotika und Mundspülung gehen.
Wie oft reden Sie als Psychologe mit den Verschütteten?
Jeden Tag. Meistens nehmen wir morgens Kontakt zu ihnen auf. Dann rede ich mit jedem Einzelnen. Ich frage nach dem Befinden, der Stimmung. Mein Eindruck ist, dass es jeden Tag besser wird.
Es geht ihnen besser – trotz der bedrückenden Enge und der Aussicht, erst in drei Monaten wieder Tageslicht zu sehen?
Natürlich. Sie dürfen nicht vergessen, dass die da unten ja nicht krank sind. Ich habe gelesen, dass jemand zur Vergabe von Beruhigungsmitteln und Drogen geraten hat. Das ist doch Quatsch. Die sind gut drauf – mit ganz normalen menschlichen Stimmungsschwankungen.
Die Situation ist für die 33 Männer doch alles andere als ganz normal.
Aber vergessen Sie nicht: Die Männer sind erfahrene Bergleute, und und das erleichtert die Sache. Dass sie in ihrem beruflichen Umfeld gefangen sind, macht ihre Gefangenschaft weniger furchtbar – so furchtbar sie im Grunde genommen ist.
Das wird die Männer aber auf Dauer kaum vor Konflikten schützen.
Ja, bis sie wieder nach oben kommen, werden sie wohl alle Konflikte durchmachen, die in Gruppen auftreten. Aber das ist normal. Das Schwierigste für sie kommt jedoch später, wenn sie wieder mit ihren Familien zusammentreffen.
Aber wird das nicht der Augenblick der größten Freude sein? So stellt man sich das als Außenstehender zumindest vor ...
Am Anfang ja, natürlich. Aber alle Beteiligten werden sich verändert haben. Die Familie hat es gelernt, ohne den Mann zu leben, sie hat neue Strategien zur Überwindung der Alltagsprobleme entwickelt. Aber die Bergleute stellen sich vor, mit ihrem Leben dort anzuknüpfen, wo es am 5. August, dem Tag des Unglücks, unterbrochen wurde. Ihre Lage ist vergleichbar mit der von Soldaten, die aus dem Krieg heimkehren: Alles hat sich verändert, und sie vielleicht am meisten.
Mehr als einen Monat sind die Kumpel jetzt im eingestürzten Stollen eingeschlossen. Gestern erreichten die Bohrer eine Tiefe von 123 Metern – die Rettungshelfer äußerten die Hoffnung, dass die Bergleute die Bohrgeräusche in 700 Meter Tiefe inzwischen sogar hören können. Doch die Rettung ist für sie immer noch in weiter Ferne. Mit welchen Spannungen rechnen Sie bis dahin unter Tage?
Mit Spannungen aller Art. Sie werden um die Führung, um die Ziele, um die Normen streiten, sie werden Gruppenkonflikte durchleben, den einen wird der Gemütszustand der anderen auf die Nerven gehen, es wird Rivalität und Auflehnung geben – einfach alles. So wie in einer Fußballmannschaft auch. Es ist grundsätzlich eine ganz normale Lage, und wir als Betreuer versuchen , diese Konflikte so schnell wie möglich zu erkennen und zu entschärfen.
Wie halten denn die Hierarchien unter den Bergleuten in so einer extremen Situation?
Bisher halten sie. Glücklicherweise sind die Arbeitsverhältnisse im Bergbau auf strikter Hierarchie aufgebaut, und das hilft uns jetzt. Grundsätzlich gilt das Autoritätsprinzip. Aber es besteht natürlich eine latente Gefahr: Durch die Dynamik der Gruppe könnten sich neue Hierarchien bilden. Aber im Bergbau ist der Chef der Chef. Und wir passen auf und tun alles, damit das auch hier so bleibt. Wir versuchen, die Kumpel zu beschäftigen, damit sie für die Gruppe arbeiten. Damit bloß keiner auf die Idee kommt, da unten eine Revolution anzuzetteln.
Aber wenn Sie von Rivalität und Auflehnung reden, dann heißt das ja wohl, dass es auch mal ordentlich knirschen kann.
Selbstverständlich. Sie werden streiten, ob es so oder anders richtig ist, sie werden alles Mögliche in Zweifel ziehen und anders machen wollen.
Besteht nicht die Gefahr, dass irgendwann einer durchdreht und gewalttätig wird?
Immer. Das passiert schließlich zu Hause, im normalen Alltag, auch mal, dass einen die Wut packt. Warum soll das da unten anders sein? Aber sie haben einander ganz gut unter Kontrolle, sie kümmern sich um einander.
Warum dürfen sie eigentlich nicht gelegentlich mal eine Zigarette rauchen und eine Dose Bier trinken? So schlimm kann das doch nicht sein.
Im Stollen herrschen zwar ganz ordentliche Luftverhältnisse, aber wir haben die Erkrankungen der Atemwege zurzeit noch nicht im Griff. Ihre Abwehrkräfte sind ja deutlich geschwächt, und wir können es nicht riskieren, dass einer von ihnen irgendeine Bronchialerkrankung bekommt.
Und später mal?
Später kann sich das natürlich ändern, dann sind die Risiken klein im Vergleich zu den Vorteilen, die ihnen durch diesen Genuss erwachsen. Ein, zwei Zigaretten am Tag – daran kann man vielleicht in der kommenden Woche denken. Aber bis dahin gilt: kein Alkohol, keine Drogen. Wir können ja auch die Menge nicht kontrollieren. Stellen Sie sich vor, der eine oder andere gibt seine Ration im Tausch gegen etwas anderes.
Einige der Kumpel haben ein Alkoholproblem. Wie geht es denen nach mehr als einem Monat?
Das macht denen keine Probleme mehr. Ihr Entzug ist ja nun vorbei. Das dauert normalerweise um die zehn Tage. Das Thema war schon erledigt, als wir die Männer geortet haben. Die haben jetzt andere Probleme wie zum Beispiel die andauernde Hitze, die Feuchtigkeit, die Dehydrierung. Wir müssen sehen, dass wir ihnen genügend zu trinken geben.
Herr Iturra, wie kann man sich Ihre Arbeit eigentlich vorstellen – sind Sie der einzige Psychologe für die gesamte Mannschaft?
Nein, wir sind hier zu viert an der Mine. Hinter uns stehen noch zehn in Copiapo und rund 100 in der Hauptstadt Santiago. Sie beraten uns und entwerfen Lösungen und Handlungsanweisungen für unterschiedliche Krisenszenarien. Dazu bekommen wir Hilfe vom nationalen Psychologenverband und den besten Experten von vier Universitäten des Landes. Ach ja, von der Nasa gibt es auch Hilfestellungen.
Haben Sie von morgens an dauernd Kontakt mit den Männern, oder gibt es festgelegte Stunden, also eine Art Gruppentherapie-Sitzung?
Das Problem ist, dass wir zurzeit entweder mit ihnen sprechen oder ihnen Nahrung schicken können. Momentan haben Essen und die materielle Versorgung natürlich Vorrang. Aber das wird sich in den nächsten Tagen ändern, wenn die Verbindungen verbessert werden. Dann können wir leichter und öfter mit ihnen sprechen.
Sie betreuen auch die Familien und wirken als Mittler zwischen Angehörigen und Eingeschlossenen?
Jeden Abend um 19 Uhr geben wir den Angehörigen einen kompletten Bericht über den Zustand der Männer. Die Familien arbeiten sehr eng mit uns zusammen. Oft bitten sie uns, die Briefe der Männer zu analysieren, wenn ihnen eine Formulierung komisch vorkommt oder sie einfach wissen wollen, welche Rückschlüsse man auf ihre Stimmung ziehen kann. So gelingt es, uns und den Familien ein recht wirklichkeitsnahes Bild der Lage der 33 Männer da unten zu zeichnen.
Gerade bei den Briefen hat es doch einige Verwirrung gegeben. Manche Männer sollen an mehr als an eine Frau Briefe schreiben ...
Ach, wissen Sie: Alle Minenarbeiter haben Frauengeschichten. In Chile haben wir einen Spruch, der geht so: Die Frau versteht nichts, die Geliebte aber alles (lacht). Drei oder vier der Kumpel haben Beziehungen zu anderen Frauen als ihren eigenen. Aber das wird hier alles sehr korrekt und ohne Stress gehandhabt. Neulich haben sich sogar Gattin und Geliebte nacheinander übers Bildtelefon mit ihrem Mann unterhalten. Es geht hier gerade um Wichtigeres. Das verstehen alle.
Wie wichtig sind eine feste Ordnung und ein geregelter Tagesablauf? Man versucht ja, auf künstlichem Weg den Rhythmus von Tag und Nacht zu simulieren.
Tag und Nacht zu erzeugen, das ist schon aus physiologischen Gründen nötig. Organisation und Ordnung erzeugen eine gewisse psychische Stabilität, die wir, mit der Aufrechterhaltung bestimmter Gewohnheiten zum Beispiel, in unserem normalen Alltagsleben ja auch anstreben.
Haben Sie auch Anleitungen für den schlimmsten Fall – wenn es mit der Rettung doch nicht klappen sollte?
Die Rettung klappt, so oder so, da gibt es kein Vertun. Aber sonst haben wir Handlungsszenarien für alle Fälle, wir hoffen natürlich nicht, die in die Tat umsetzen zu müssen. Es geht vor allem darum, was im Moment der Rettung zu tun ist, wie die Wiedereingliederung anzugehen ist, wie wir die Familien betreuen. Wir machen uns eigentlich um alles Sorgen, und das den ganzen Tag...
Dann kennen Sie im Moment sicher keinen Acht-Stunden-Tag?
Nein, ich arbeite zurzeit jeden Tag 18-Stunden und habe schon sechs bis acht Kilo abgenommen. Ich bleibe hier, so lange ich das körperlich aushalten kann. Uns alle schweißt das hier zusammen. Wenn einer verliert, verlieren wir alle.
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