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Drehbuchautor Jochen Greve: "Es ist schwer, das Niveau zu halten"

Der Drehbuchautor und Akademiegründer Jochen Greve spricht im FR-Interview über Einfalt im TV-Programm und Ärger um den letztjährigen Fernsehpreis.

Qualität mit Quote: Ein "Tatort" von Radio Bremen. Das Drehbuch schrieb Jochen Greve. Foto: Radio Bremen

Herr Greve, macht das Fernsehmachen keinen Spaß mehr?

Doch. Sonst würde ich das ja nicht tun. Das heißt aber nicht, dass man immer lachen muss.

Warum haben Sie dann die Deutsche Akademie für Fernsehen gegründet? „Die Bodentruppen greifen an“ war zu lesen.

Die Kreativen verstehen sich nicht als Bodentruppen. Die Deutsche Fernsehakademie ist nicht gegen die Sender gegründet worden. Auch Redakteure der Sender sind Mitglieder. Redakteure sind kreativ. Sie schieben Programm an.

Was läuft Ihrer Ansicht nach falsch im deutschen Fernsehen?

Seit einigen Jahren werden die Arbeitsbedingungen für alle Freien – und die Mehrheit derer, die das Programm herstellt, arbeitet frei – immer schlechter. Die Arbeitszeiten werden länger, die Drehzeiten werden kürzer, die Gagen und Honorare werden gedrückt. Ein Beispiel: Das Urhebergesetz hält jeden Verband von Kreativen an, mit den Sendern oder den Auftraggebern Vergütungsregeln abzuschließen. In diesen Verhandlungen bietet die andere Seite uns Drehbuchautoren zum Beispiel effektiv 30 Prozent weniger an als bisher üblich.

Zur Person
Jochen Greve.

Jochen Greve will mit seiner Deutschen Akademie für Fernsehen Debatten über die Qualität im TV anregen.

Der Drehbuchautor verfasste die Scripts für mehrere „Tatort“-Folgen und für die Reihe „Rosa Roth“. Er wurde beim Werbefilmfestival in Cannes mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Mit anderen Freischaffenden des deutschen Fernsehens und Films gründete er die Akademie der sich unter anderem Dieter Wedel, Maria Furtwängler und Axel Milberg angeschlossen haben. (fr)

Jede Berufsgruppe hat ihren eigenen Verband. Sie gehören etwa dem Vorstand des Verbands Deutscher Drehbuchautoren an. Was kann die Akademie, was die Einzelverbände nicht können?

Die Akademie soll keine Berufsinteressen vertreten. Wir sind keine Gewerkschaft. Wir sind eine Akademie, wo sich die Leute, die im Fernsehen arbeiten, treffen und miteinander reden. So etwas gibt es nicht. Man trifft sich vielleicht in seinem Verband. Aber schon die Verbände treffen sich untereinander nur selten und erst Recht nicht die Mitglieder. Es fehlt ein Raum, wo alle miteinander frei reden können, die am Kulturgut Fernsehen arbeiten.

Wie kann es sein, dass es das bisher nicht gibt?

Es hat vielleicht was damit zu tun, dass Künstler oft Einzelgänger sind, sich nur sich und ihren Auftraggebern verpflichtet sehen. Die Akademie soll uns allen ein Bewusstsein geben, was wir eigentlich machen und schaffen. Und natürlich soll es darum gehen, Qualität zu heben.

Fühlen Sie sich als Kreative vom Fernsehen lieblos behandelt?

Die Hierarchien des Fernsehens sind hauptsächlich mit sich beschäftigt. Es wird viel über die Köpfe derer hinweg entschieden, die das Programm machen. Es findet kein Austausch zwischen den Leuten in den Sendern und uns statt. Mittlerweile ist daraus ein Unwohlsein für uns geworden. Der Ärger um den letztjährigen Fernsehpreis (bei dem personale Kategorien wie Bestes Buch und Beste Regie wurden abgeschafft wurden, die Red.) war dann Stein des Anstoßes.

Was störte Sie daran?

Dass diejenigen, die das Fernsehen machen, nicht mehr sichtbar sind. Der Druck für uns wird immer größer. Nehmen Sie die Drehzeiten. Vor 20 Jahren hat man 27 Drehtage für einen Fernsehfilm gehabt. Heute versucht man das unter 20 Tage zu drücken. Oder schauen Sie ins Programm. Die ARD hat bald fünf Talkshows pro Woche. Das heißt, die Vielfalt verschwindet. So nimmt auch der Anteil von Reihen und Serien im Bereich der fiktionalen Stoffe zu.

Sie finden, das Niveau sinkt?

Es wird schwieriger, das Niveau zu halten. Die Öffentlich-Rechtlichen sind für die Film- und Fernsehwirtschaft die wichtigsten Player, weil sie am meisten produzieren. Versetzen wir uns in sie hinein: Die Zuschauer werden immer älter, die Jungen rennen weg. Bei den Überlegungen, das aufzufangen, wird stark auf die Quote geachtet, Quote erreicht man am leichtesten mit dem Gewohnten – und das Gewohnte schauen eher die Alten. Das sind alles Dinge, über die wir diskutieren wollen.

Was von der Kritik bejubelt wird wie etwa „Im Angesicht des Verbrechens“ und „Kriminaldauerdienst“, floppt beim Zuschauer. Wie erklären Sie sich das?

Ich wäre Millionär, könnte ich das erklären. Ein Erklärungsversuch ist: Bestimmte Programme werden auf bestimmten Sendern nicht mehr erwartet. Ihre Beispiele sind dezidiert für ein jüngeres Publikum geschrieben worden. Nur ist genau das den Öffentlich-Rechtlichen inzwischen oft abhanden gekommen.

Interview: Jan-Philipp Hein

Datum:  27 | 1 | 2011
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