Sie besetzten Hörsäle, marschierten durch Innenstädte, eroberten Bankfilialen und sprangen der obersten Rektorin Margret Wintermantel auf den Tisch: Studierende im Herbst 2009. Nicht nur für Außenstehende unerwartet war es zum ersten Mal seit Jahren gelungen, den Protest einer „Bildungsstreik“-Woche im Juni über die Semesterferien zu retten und sich auch in der Politik so viel Gehör zu verschaffen, dass es fast unheimlich war.
Von Kultusministern über Rektoren bis zum Bürgermeister – alle waren plötzlich Studi! Im Zentrum der Kritik stand eine ganze Serie mit der Bologna-Reform eingeführter Probleme: Überladene Studienpläne, Prüfungshetze, zu wenig Zeit für Auslandsaufenthalte, erschwerte Mobilität auch im Inland, regulierter Zugang zum Master. In Kürze: Die „Studierbarkeit“, ein Wort das vorher kaum jemand kannte.
Und nun? Hat sich etwas getan? Im Kleinen schon: Von Berlin bis Duisburg-Essen, von Münster bis Passau haben Hochschulen die Anwesenheitspflicht abgeschafft. Übrig blieb sie dort nur für Veranstaltungen, die schon immer besucht werden mussten; zum Beispiel Laborpraktika für Mediziner. Auch manche Länder sind aktiv geworden: Hamburg hat das Landesgesetz so geändert, dass das ständige Überprüfen der Anwesenheit dort nun unzulässig ist. In Sachsen-Anhalt stellte die Regierung klar, dass das Gesetz keine Rechtsgrundlage für obligatorische Teilnahme an Vorlesungen biete.
Auch bei der Prüfungsdichte hat sich etwas verändert: Aus „Eine Prüfung pro Veranstaltung“ wurde an vielen Universitäten „Eine Prüfung pro Modul.“ Besonders kompliziert scheint die Entzerrung dabei nicht gewesen zu sein: Die Ludwig-Maximilians-Universität in München reformierte binnen weniger Monate die Prüfungsdichte in 80 Studiengängen. Ebenso haben sich Unis auf den Weg gemacht, die Termine zu flexibilisieren. Die Folge: Wer durchfällt, muss bis zur Wiederholung der Prüfung nicht ein Jahr warten.
Was bleibt, ist die Uneinheitlichkeit. Der Zwischenbericht einer Studie des Bayerischen Staatsinstituts für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF) in München fand jüngst allein in Bayern 29 verschiedene Modulgrößen – also Punkte pro Modul. Auch die Prüfungsdichte variiert in 20 untersuchten Fächern nach wie vor deutlich. Ein Gesamtüberblick fehlt. „Dabei wäre er überfällig,“ sagt Klemens Himpele, der 2009 im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung den klassischen Bologna-Studenten erforschte – und ihn dauergestresst und völlig unnötig unter Druck stehend fand. Himpeles Eindruck heute: „Bei weichen Themen hat sich etwas getan − das sind aber auch jene, die nichts kosten.“ Bei nötigen, komplexeren Reformen, wie der Einführung von Teilzeit-Studien, passiere immer noch sträflich wenig.
Immerhin richten immer mehr Universitäten Stellen zum Qualitätsmanagement ein – also Menschen, die gezielt hingucken: Wo stehen wir, was fehlt uns? Alleine 30 solcher Menschen kamen vergangene Woche zum „Workshop Studierbarkeit“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main zusammen. „Die Hochschulen setzen sich wesentlich mehr als vor der Bologna-Reform mit Qualitätssicherung auseinander,“ konstatiert Isabel Steinhardt, die Organisatorin des Workshops.
An manchen Universitäten hören die Reformer nicht nur sporadisch Studierenden zu. In Frankfurt flossen die Ergebnisse der Bologna-Werkstätten von Studierenden und Lehrenden in neue Hochschul-Richtlinien ein. Auch in Berlin und Trier tagen Runde Tische; in Münster sammelt eine Beschwerdestelle die Nöte der Studierenden.
An der Uni Rostock, deren Leiter Wolfgang Schareck auch „Rektor des Jahres“ ist, sitzt bei Entscheidungen auf höchster Ebene immer ein Studentam Tisch. Heiko Marski ist 26 Jahre alt und will einmal Lehrer werden. Bis April 2011 ist er beurlaubt – und studentischer Prorektor. „Natürlich,“ sagt er, „setzt man in einem solchen Amt nicht auf Konfrontation – sondern auf Konsens.“ Ob Studi-Angelegenheiten ein höheres Gewicht bekommen, wenn ein Kommilitone im Rektorat sitzt? Dazu sagt er nur: „Ich kann mich deutlich besser in all’ die Dinge hineinfühlen, die den Alltag von Studenten bestimmen.“
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