Spricht man Christian Pfeiffer auf Deutschenfeindlichkeit an, gibt der eine sehr eigene Antwort. „Wenn man deutsche Jugendliche fragt, neben wem sie wohnen wollen,“ sagt Pfeiffer, „dann passiert folgendes: Erst wollen sie den Schweden als Nachbarn, dann den Italiener, dann den Afrikaner, dann noch einige andere. Ganz am Ende stehen die Türken.“ Nur 9,2 Prozent fänden türkische Nachbarn „sehr angenehm“; 38 Prozent unangenehm. Den Gleichaltrigen aus türkischen Familien geht es ganz anders: Am allerliebsten – außer unter ihresgleichen – wohnen sie neben Deutschen. „Das mit der Deutschenfeindlichkeit,“ erklärt der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN), „wird doch stark übertrieben.“
Die Zahlen aus den bundesweiten Schülerbefragungen des Hannoveraner Forschungsinstituts sind nicht neu; und genauso wie die zu ähnlichen Ergebnissen kommende aktuellere Shell-Studie wurden sie lange vor der derzeitigen Debatte über Integration und Islam erhoben. Sie werfen aber ein interessantes Licht auf das, was seit neuestem als „Deutschenfeindlichkeit“ Schlagzeilen macht: Dass Schüler mit anderen – häufig türkischen oder arabischen – Wurzeln deutsche Mitschüler als „Kartoffeln,“ „Schweinefleischfresser“ oder ähnliches titulieren.
Dass sich die Debatte bisher ausschließlich um Berliner Schulhöfe dreht, hat einen ganz simplen Grund: In die Welt gesetzt hat den Begriff der Berliner Landesverband der Lehrergewerkschaft GEW, der am 2. Oktober zu einer Tagung über „so genannte Deutschenfeindlichkeit“ an Schulen lud. Der Anlass für die Tagung war ein Artikel von zwei Kreuzberger Lehrern, der vor beinahe einem Jahr in der Berliner GEW-Mitgliederzeitung erschienen war. Die ständig zunehmende Segregation an Schulen führe zu immer mehr „wechselseitiger Abschottung.“ Die wenigen verbliebenen deutschen Schüler empfänden sich als „abgelehnte, provozierte, diskriminierte Minderheit.“ Der Aufenthalt auf dem Schulhof werde zuweilen als „Spießrutenlaufen mit diversen Beschimpfungen“ erlebt.
Vor einem halben Jahr wäre die Tagung an der Öffentlichkeit vielleicht ebenso unbeachtet vorbeigegangen wie der ein Jahr alte Artikel. Angesichts einer Debatte, in der jeder Bestandteil der Gesellschaft wieder neu verhandelt wird, ist stattdessen die Hölle los – und weite Teile der GEW heilfroh, dass nun erst einmal Herbstferien sind.
In der vergangenen Woche diskutierte das Abgeordnetenhaus über die Deutschenfeindlichkeit an Berliner Schulen. Die sonst eher ruhige Integrationsbeauftragte Maria Böhmer äußerte sich; auch Familienministerin Kristina Schröder, die bereits einmal als „deutsche Schlampe“ beschimpft wurde. Gerhard Weil, einer der Initiatoren der Tagung, stöhnt: „Und schauen Sie nur, was in rechtsextremen Foren im Internet los ist!“
Dass seine Gewerkschaft sich des Themas annehme, hält Weil dabei nach wie vor für richtig: „Existierende Phänomene müssen aufgegriffen werden – auch und gerade von einer linken Gewerkschaft.“ Der pensionierte Lehrer mit Jahrzehnten Erfahrung sagt aber auch, dass das Phänomen komplexer ist als der Begriff „Deutschenfeindlichkeit“: „Vor allem in Kiezen und an Schulen mit wenig Perspektiven sind alle, die anders sind, in Mobbing-Gefahr. Das können Deutsche sein, aber auch jeder, der noch etwas lernen will zum Beispiel.“
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