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Schauspieler Götz George: "Ich brauche den Beruf nicht mehr"

Der Schauspieler Götz George spricht im FR-Interview über seine areligiöse Schicksalsgläubigkeit, was ihn aus der Ruhe bringt und darüber, dass er dem Ende seiner Karriere gelassen entgegen sieht.

Theo (Götz George) ist gerade auf der Jagd, als er vom plötzlichen Tod seiner Frau erfährt.  Foto: Hagen Keller/ZDF

Herr George, mit Theo Winter spielen Sie einen unerträglichen Zyniker. Ist er ein extremes Beispiel des Alterns oder ein typisches?

Er ist das Beispiel eines Einzelnen in einer Gesellschaft, die uns Alten alle Entwicklungsfreiheiten lässt. Deshalb ist mir wichtig, dass Theo eine Wandlung durchmacht, die drei wichtige Arten der Alterung durchspielt: Anfangs egoistisch, selbstgerecht. Als Witwer in sich gekehrt, fast depressiv. Doch mithilfe einer jungen Frau erblühend, voller Träume. Aber stimmt schon: Erstmal ist er unerträglich.

Entdecken Sie diese Unerträglichkeit auch an sich?

Eher nicht, ich werde mit dem Alter immer ruhiger, milder. Aber mein Beruf gibt mir ja auch die Möglichkeit, Dutzende von Leben zu durchleben. Das Altern fällt leichter, wenn man seine Untiefen proben konnte. Das steht man ein wenig auf der Sonnenseite.

Die auch in Ihrem Job schon heller strahlte.

In der Tat. Mir ließ die Branche noch Zeit zur Entwicklung, ich musste nicht unter Hochdruck Geld verdienen und jede Rolle annehmen, um für schlechte Zeiten gerüstet zu sein. Während junge Kollegen heute von Beginn an zu kämpfen haben, bin ich nach 60 Jahren im Geschäft zutiefst gelassen. So sehr, dass ich mir eingestehen kann: Eigentlich brauche ich diesen Beruf gar nicht mehr.

Zur Person

Götz George, 72, ist längst altersmilde. Umso schöner ist es für ihn, ätzende Unsympathen wie den Witwer in der Komödie „Papa allein zu Haus“ zu spielen, die am Montag, 16. Mai 2011, um 20.15 Uhr im ZDF läuft.

Kündigen Sie da den Rücktritt an?

Nein, ich sehe seiner Möglichkeit nur mit größter Entspannung entgegen. Wenn mir Krankheiten oder andere Unglücksfälle die Berufstauglichkeit nähmen, könnte ich es mit Langmut annehmen. Da hilft mir sicher, dass ich mein Leben lang Fatalist war; ich habe nie sonderlich am Leben gehangen, sonst wäre ich pfleglicher damit umgegangen. Tiefschläge haben mich nie aus der Bahn geworfen, sie haben mich nicht verwandelt, sondern gefestigt.

Klingt schicksalsgläubig.

Stark sogar, aber das ist keineswegs religiös fundiert. Ich bin ja nicht mal konfirmiert. Aber wenn man Gutes tut, kommt Gutes zurück.

Sind Sie am Ende Buddhist?

Dazu fehlt mir der Glaube. Aber diese Philosophie hat allzu großen Höhenflügen ebenso vorgebeugt wie allzu tiefen Abstürzen. Ich stand ja öfter auf der Kippe, nach Unfällen, nach Operationen, aber weil ich mir stets vor Augen gehalten habe, dass es auch gute Tage gab und sieder gute kommen werden, hat es mich nie in Trauer versetzt.

Was bringt Sie dennoch aus dieser Ruhehaltung?

Intrigen, Denunziation. Da bin ich ein Elefant, das vergesse ich nie und reagiere durchaus hart. Wenn auch nicht mehr so ungehalten; aus dem Heißsporn von einst ist ein Diplomat geworden. Dabei gäbe es genug Gründe, aus der Haut zu fahren; Verlogenheit und Verrat sind groß in Mode und Zivilcourage am Aussterben. Das ist vielen einfach zu anstrengend.


Glauben Sie da noch an das Gute im Menschen?

Die Zerstörung der Lebensgrundlagen führt immerhin zu sensiblerem Denken. Aber Philanthropie fällt mir zusehends schwer, die Raffer sind in der Mehrzahl und werden doch nicht glücklich. Schauen Sie mal nach Afrika, wo die Menschen noch im Elend herzlicher lachen als wir im Überfluss. Wer sich heute schlecht fühlt, dem sag ich gern: Leute, schaut auf Japan nach dem Beben! Die Demut gegenüber dem Gegebenen fehlt uns in Europa völlig.

Wir denken zu viel?

Wir kommen aus dem Denken gar nicht mehr raus!

Zumindest diejenigen, denen es nicht so gut geht.

Ich weiß, es ist leicht, das aus einer Situation wie meiner heraus zu sagen, in der alles gut läuft und die Sorgen überschaubar sind. Das macht es aber nicht weniger richtig. Denken hilft nicht immer, manchmal muss man einfach fühlen. So wie Theo Winter auch erst gütiger wird, als er plötzlich allein ist. Da trägt er es sogar mit Fassung, dass sein Sohn sich als schwul outet. Ohne die Überwindung seiner Einsamkeit wäre ihm das kaum gelungen.

Kennen Sie das – Einsamkeit?

Nein. Ich bin gern alleine, das ist meine große Qualität. In der Abgeschiedenheit auf Sardinien kann man sich aufs Wesentliche konzentrieren und findet zu sich selbst. Aber es kommt leicht zu Alibihandlungen: Hier noch das von da nach da räumen, da das Bäumchen stutzen, noch mal und noch mal. Bis nichts mehr zum Stutzen übrig bleibt. Du musst dich beschäftigen.

Klingt nach Seniorenleben.

Dafür steckt noch zu viel Arbeit drin. Ich hab immer drei Drehbücher auf dem Tisch, das Lernen hört nie auf. Weil ich morgens oder abends arbeite, muss ich nur schauen, wie ich die Tage rumkriege. Aber mit 72 Jahren darf ich ja wohl Senior sein.

Interview: Jan Freitag

Datum:  15 | 5 | 2011
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