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23. April 2010

Homosexualität in der Kirche: "Ich darf nicht länger schweigen"

 Von David Berger
Verbotenes Zusammenspiel: Homosexualität ist in der katholischen Kirche ein Tabu. Foto: ddp

Er hat in der katholischen Kirche Karriere gemacht - obwohl er schwul ist. Jetzt outet er sich - und legt ein perfides Unterdrückungssystem offen. Ein Bekenntnis des Theologen David Berger.

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Schwule in der Kirche
Zur Person

In Deutschland liegt der Anteil Homosexueller an der Gesamtbevölkerung bei rund zehn Prozent. In der katholischen Kirche liegt der Anteil schwuler Geistlicher nach empirischen Forschungen zwischen 25 und 40 Prozent. Theologen wie Wunibald Müller geben an, Ausbilder in katholischen Priesterausbildungsstätten gingen sogar von 50 Prozent aus.

In den USA wird der Anteil schwuler Priester auch auf 25 bis 50 Prozent geschätzt. Laut einer 2002 veröffentlichten US-Studie gaben sieben Prozent der befragten Geistlichen an, sie hätten ihr Amt niedergelegt, weil sie sich als Homosexuelle von ihrer Kirche unverstanden fühlten.

Der Katechismus von 1992 fordert "Achtung, Mitgefühl und Takt" für Schwule. Homosexuelle Handlungen aber verstießen gegen das "natürliche Gesetz, denn die Weitergabe von Leben bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit und sind in keinem Falle zu billigen".

In der Kongregation für die Glaubenslehre 1986 heißt es: "Die spezifische Neigung der homosexuellen Person ist zwar in sich nicht sündhaft, begründet aber eine mehr oder weniger starke Tendenz, die auf ein sittlich betrachtet schlechtes Verhalten ausgerichtet ist. Aus diesem Grunde muss die Neigung selbst als objektiv ungeordnet angesehen werden. (ber)

David Berger wurde 1968 in Würzburg geboren. Er studierte Philosophie, Theologie und Germanistik in Würzburg, Köln und Dortmund. 1998 promovierte er in Philosophie über Natur und Gnade an der Universität Dortmund. 1998 und 1999 war er Dozent an der Ausbildungsstätte der Diener Jesu und Mariens in der Diözese St. Pölten. Gründung der Zeitschrift "Doctor Angelicus" im Jahr 2000 zusammen mit Rudolf Michael Schmitz. 2003 wurde Berger zum korrespondierenden Professor der Päpstlichen Akademie des Heiligen Thomas von Aquin (Vatikan) ernannt. Wahl zum Herausgeber der katholischen Monatsschrift "Theologisches" 2003. Die führende und auflagenstärkste Zeitschrift konservativer Katholiken im deutschen Sprachraum wurde 1970 von dem Theologen Wilhelm Schamoni begründet. Sie erscheint zweimonatlich und finanziert sich über Spenden. Die Verwaltung der Gelder sowie die Wahl und Abberufung des Herausgebers obliegt einer Fördergemeinschaft. Das Register der Autoren - unter ihnen der Schriftsteller Martin Mosebach, der Philosoph Walter Hoeres oder der Salzburger Weihbischof Andreas Laun - liest sich wie das "Who's Who" des traditionalistischen katholischen Milieus. Habilitation in katholischer Dogmatik an der Universität Lublin 2005. Ein Jahr später wurde Berger Vizepräsident der Deutschen Thomas-Gesellschaft. Er schrieb mehr als 300 Veröffentlichungen zu theologischen und philosophischen Themen. (FR)

Manchmal genügt ein kleiner Funke, um eine längst fällige Explosion auszulösen. Dieser Funke war in meinem Fall der Auftritt des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck in der ARD-Sendung Anne Will am 11. April. Noch am Nachmittag hatte ich lange mit einem befreundeten Priester telefoniert, der aufgrund seiner Homosexualität schwer depressiv ist. Ich tröstete ihn unter anderem mit dem neuen "Katechismus der Katholischen Kirche" von 1992, der gegenüber homosexuellen Menschen Respekt und Taktgefühl fordert und jede ungerechte Zurücksetzung verurteilt.

Wenige Stunden später dann das einem Millionenpublikum vorgetragene Verdikt Overbecks, dass es "eine Sünde ist, homosexuell zu sein". Und als wollte er Overbeck noch überbieten, hat der mächtigste Mann der Kirche nebst dem Papst, Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, einen Tag später kein Problem damit, einen kausalen Zusammenhang zwischen Homosexualität und den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche zu behaupten.

In der katholischen Kirche liegt der Anteil schwuler Geistlicher nach empirischen Forschungen zwischen 25 und 40 Prozent.
In der katholischen Kirche liegt der Anteil schwuler Geistlicher nach empirischen Forschungen zwischen 25 und 40 Prozent.

In diesem Moment war mir klar: Ich darf zu solchen Äußerungen nicht länger schweigen - in gewissem Sinne habe ich mich an ihnen mitschuldig gemacht durch meine langjährige Arbeit für das konservativ-katholische Lager. Noch am gleichen Abend legte ich das Amt des Herausgebers und Schriftleiters der Zeitschrift Theologisches nieder, die seit mehr als 30 Jahren als wichtigstes und auflagenstärkstes Organ dieser Gruppe gilt.

Schuldgefühl als Motivation

David Berger outet sich.
David Berger outet sich.
Foto: privat

Begonnen hatte im Grunde genommen alles mit meiner Faszination für die althergebrachte lateinische Liturgie im "tridentinischen Ritus": prachtvolle Barockgewänder und edle Brüsseler Spitze, klassische Kirchenmusik, Weihrauchschwaden, eine großartige Inszenierung, vor der jeder Opernregisseur neidvoll erblassen muss, und das alles fest in männlicher Hand.

Diese hoch raffinierte Verbindung von Ästhetischem und Sakralem (Karl Rahner) machte mich zum einen unempfänglich für jene Inszenierungen, die die Schwulenszene gleichsam mit dem Rang eines Religionsersatzes ausgestattet und dabei zahlreiche formale Anleihen bei der katholischen Kirche genommen hat, von den jährlichen CSD-"Prozessionen" bis zu kultisch zelebrierten Fetischorgien. Zum anderen lernte ich über mein Interesse an der traditionellen Liturgie andere schwule Männer in meinem Alter kennen, die sich auch dafür einsetzten, teilweise an führenden Stellen der Kirche.

So war es kein Zufall, dass meine erste Seminararbeit, die ich im Fach Dogmatik verfasst hatte, in der Una Voce Korrespondenz erschien, einer Zeitschrift, die sich vor allem für das Fortbestehen der klassischen Liturgie einsetzt. Mich als jungen Studenten machte es stolz, meinen Namen gedruckt zu sehen, und sehr bald bekam ich auch zahlreiche unterstützende Briefe, vor allem von Männern aus dem universitären Bereich. Erste Einladungen zu Vorträgen bei der Piusbruderschaft und ähnlichen Gemeinschaften folgten.

Ich nahm sie an mit der Naivität des Studenten, der nicht weiter nach den Hintergründen dieser Gemeinschaften fragt. Natürlich tauchte in jenen Jahren im Gespräch mit Freunden immer wieder die Frage auf: Wie kannst du ausgerechnet eine Theologie und Kirchenpolitik unterstützen, die solch eine intolerante Einstellung zur Homosexualität hat? Neben der schon angesprochenen Ästhetik, die in ihrer ganzen Gestalt der homosexuellen Kultur sehr nahe steht, war es womöglich auch ein unterbewusstes Schuldgefühl, das mich besonders motivierte, jetzt - gleichsam zur Sühne - erst recht und besonders papst- und kirchentreu zu sein.

Schneller als ich recht nachdenken konnte oder wollte, war ich mitten ins extrem konservative katholische Milieu geraten. Meine Promotion und meine Habilitation waren deshalb nicht gerade leicht, aber - dank sehr liberaler Theologen - möglich. Mein Schwulsein wurde niemals in irgendeiner Weise thematisiert. Den eigentlichen Höhepunkt meiner Verankerung im traditionalistischen Spektrum freilich stellte die Ernennung zum Herausgeber der Zeitschrift Theologisches im Sommer 2003 dar.

Das Vorgespräch dazu fand in meiner Privatwohnung statt. Dass dort nicht die katholische Idealfamilie mit Frau und fünf Kindern anzutreffen war, war offensichtlich. Die Diskrepanz zwischen meiner neuen geistigen Heimat und meiner sexuellen Veranlagung, die bis dahin nie wirklich ein Problem für mich und mein ganzes Lebensumfeld dargestellt hatte, fiel mir zum ersten Mal bei einem Abendessen auf, zu dem ein wohlhabender, der Zeitschrift Junge Freiheit nahe stehender Jurist und Förderer der Traditionalistenszene wichtige Vertreter derselben eingeladen hatte.

Am Tisch wurde über homosexuelle Priester gesprochen, die angeblich ein Netzwerk zur Unterwanderung der Kirche von innen betrieben. Dann erweiterte die Runde das Thema auf alle Schwulen und bemerkte ganz frei, wie katastrophal sich die Abschaffung des Paragrafen 175 ausgewirkt habe. Man könne über das "Dritte Reich" ja denken, was man wolle, damals jedenfalls habe man das Problem zu lösen verstanden. Sollte heißen: ein kaum kaschiertes Einverständnis mit dem Terror der Nazis, die Schwule und Lesben in KZs gesperrt und ermordet hatten.

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