Mr. Malkovich, da Sie das Image des unnahbaren Exzentrikers mit Hang zur Abgründigkeit genießen: Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Ich bin sehr sanft und liebevoll. Ich habe überhaupt nichts von diesen sinisteren Psychopathen oder den lüsternen Erotomanen, die ich gelegentlich darstelle. Im Gegenteil: Ich hasse solche Leute. Aber so ist das, Hinz und Kunz tun sich eben schwer damit, mich einzuordnen. Als Jeremy Irons einmal gefragt wurde, was er von mir halte, antwortete er, dass ich die weißesten Hemden in England tragen würde.
Und, hat er Sie treffend beschrieben?
Ziemlich. Ich lege sehr viel Wert auf schöne Kleidung. Nicht im Sinne von teuer oder Haute-Couture. Ich bin überhaupt kein La-bel- oder Designer-Fetischist. Mich interessiert vielmehr das Material als solches. Ich schaue mir auch sehr gerne Fotos an. Zum Beispiel August Sanders Buch „Menschen des 20. Jahrhun-derts“. Da sieht man, was ein Industrieller, ein Bauer, ein Straßenarbeiter, ein Corps-Student, ein Priester und so weiter trug. Faszinierend. Ich habe nicht von ungefähr immer einen guten Draht zu Kostümbildnern und Make-up-Leuten. Die sind sehr wichtig. Denn das Erste, was man beim Film und am Theater hat, ist eben der visuelle Eindruck, die äußere Erscheinung.
Sie sprechen jetzt von John Malkovich, der Kunstfigur.
Exakt. Die meisten Leute glauben, nur weil sie mich ein- oder zweimal auf der Leinwand gesehen haben, dass sie sich ein Bild von mir machen können. Wie absurd! Ich bin ein sehr privater Mensch. Und das gedenke ich auch zu bleiben. Ganz abgesehen davon teile ich das Interesse an Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, nur bedingt. Ich mag zum Beispiel die Musik von Bob Dylan. Aber um nichts in der Welt würde ich ihm persönlich begegnen wollen!
Haben Sie Angst davor, enttäuscht zu werden?
Das nicht. Ich habe vor Jahren einmal ein Dylan-Konzert in Los Angeles besucht. Nach der Show erzählte mir sein Manager, dass Dylan ein großer Fan von mir sei, und fragte, ob ich ihn nicht kennen lernen wolle. Ich habe dankend abgelehnt. Ich habe nicht den geringsten Wunsch verspürt, ihn zu stören. Ich bin zum Bei-spiel auch mit Tom Waits und mit dem amerikanischen Schriftsteller Don DeLillo befreundet. Aber wenn wir zusammen sind, reden wir über alltägliche, oft sehr banale Dinge. Wir kommunizieren sozusagen außerhalb unserer künstlerischen Arbeit miteinander. Natürlich bekomme ich dann und wann einen Schimmer davon mit, warum die beiden so talentiert sind – aber im Grunde genommen ist das nicht wichtig, da wir uns als Menschen schätzen.
Also interessieren Sie sich doch auch für den Menschen hinter dem Werk.
Natürlich, auf gewisse Weise. Ich würde aber nie ein Buch über Hitchcock lesen, obwohl ich seine Filme mag. Es interessiert mich nicht, ob er ein Perverser war oder dass Cary Grant heimlich mit Howard Hughes verheiratet gewesen ist. Es ist mir auch völlig egal, ob mich die Leute für einen Psychopathen oder Neurotiker halten, für eine Tunte oder einen Schwulen. Ich bin für mein Image in der Öffentlichkeit in keinster Weise verantwortlich.
John Malkovich, wurde am 9.12.1953 im US-Bundesstaat Illinois geboren. Nach dem College gründet er das Steppenwolf Theatre in Chicago, wo er zwischen 1976 und 1996 bei mehr als 50 Aufführungen Regie führte.
Sein Filmdebüt gab er 1984 in „Killing Fields“. In Hollywood profilierte er sich dann schnell als Charakterdarsteller. In der Regie von Volker Schlöndorff spielte er 1985 in „Tod eines Handlungsreisenden“ mit. Als Valmont in „Gefährliche Liebschaften“ (1988) wurde er weltberühmt. Eine Ehrerbietung besonderer Art wurde ihm mit dem Film „Being John Malkovich“ (1999) zuteil.
Nach einer gescheiterten Ehe lebte John Malkovich mit seiner Lebensgefährtin Nicoletta Peyran und den beiden Kindern lange in der Provence. Vor kurzem ist die Familie in die USA zurückgekehrt.
R.E.D., eine schwarze Komödie, die im Agentenmilieu spielt, kommt am Donnerstag in die Kinos.
Trotz Ihrer Wandlungsfähigkeit werden Sie gerne auf die Rolle des Bösen reduziert. Schmerzt Sie das?
Nicht wirklich, weil es so lächerlich ist. Ich habe im Laufe meiner Karriere am Theater und beim Film viele Rollen gespielt. Komische, tragische oder klassische wie in „Die Glasmenagerie“ und „Tod eines Handlungsreisenden“. Warum spricht mich eigentlich kaum jemand auf Bertoluccis „Himmel über der Wüste“ oder Antonionis „Jenseits der Wolken“ an? Fast immer ist es „In the Line Of Fire – Die zweite Chance“ oder „Gefährliche Liebschaften“…
Vielleicht sind Sie als Inkarnation des Bösen eben besonders eindrucksvoll.
Und wenn schon. Ich glaube, dass ich mehr als nur dieses Register ziehen kann.
Würden Sie gerne mal einen Helden spielen?
Warum nicht? Da könnte ich natürlich weder das mythologische noch das ikonographische Gewicht eines Clint Eastwood oder Bruce Willis in die Waagschale werfen – aber wäre der Film deswegen weniger gut? Natürlich ist es auch immer eine Frage des Marktwerts. Nur wirklich große Hollywoodstars können sich ihre Rollen aussuchen...
... Sie sind kein Filmstar?
Ich halte mich nicht für einen. Dieser Tage habe ich eine Würdigung zum Tod von Tony Curtis gelesen. Der war ein Filmstar. Und solche wählen natürlich – weil sie möglichst lange Hollywoodstars bleiben wollen – die Heldenrollen. Und das Publikum will sie auch nur als Helden sehen…
…und Sie dagegen meist tot.
Wie Recht Sie haben! Dieser Wunsch trifft ja nicht nur aufs Publikum zu, sondern meist auch auf die Produzenten. Diese Schurken-Rollen sind doch nur ein winziger Teil von mir, ein Zusatz – wie die Peperoni auf einem Ziegenkäse. Bin ich deswegen eine Peperoni? Nein, ich bin der Ziegenkäse. Das Olivenöl. Das Salz. Der Pfeffer. Aber für diese Kleingeister in Hollywood werde ich noch in 100 Jahren die Peperoni sein. Sicher, es gibt Ausnahmen. Wie zum Beispiel bei meinem aktuellen Film. Da gehöre ich zu den Guten und ziehe mit Bruce Willis, Helen Mirren und Morgan Freeman an einem Strang.
Sie haben zwei Mal mit dem Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff gearbeitet und jetzt für „R.E.D.“ mit dem relativ jungen Regisseur Robert Schwentke. Gibt es zwischen beiden – abgesehen davon, dass sie Deutsche sind – Ähnlichkeiten?
Oh ja. Sie sind beide sehr witzig. Volker, den ich seit 26 Jahren kenne und mit dem ich mich ziemlich regelmäßig treffe, ist sehr kultiviert. Robert, den ich vorher nicht kannte, mochte ich auf Anhieb. Und auch er ist sehr belesen, hat Philosophie studiert, ist in dem, was er macht, sehr versiert und diszipliniert. Beide hören einem zu, wenn man Vorschläge macht, und haben eine eigene Meinung dazu, die sie dann sehr leidenschaftlich vertreten. So entsteht schnell ein kreativer Prozess beim Filmen. Und sie können Regie führen. Damit meine ich auch: Schauspieler führen. Mit solchen Menschen arbeite ich sehr gerne zusammen.
In „R.E.D.“ spielen Sie einen Typen, der sich durch zu viele LSD-Trips das Gehirn vernebelt hat. Haben Sie persönlich Erfahrungen mit Drogen?
Nicht mit LSD. Aber ich habe viele Freunde, die LSD genommen haben. Ich habe nicht einmal viel getrunken, was in Schauspielerkreisen eher selten vorkommt. Was ich früher genommen habe, war Speed. Amphetamine, um beim Lernen fürs Studium wach zu bleiben. Und ich habe sehr viel gelernt. Speed half mir auch beim Auswendiglernen von Texten, bei Theaterproben, beim Inszenie-ren. Ich habe vielleicht fünf oder sechs Mal in meinem Leben Marihuana geraucht, die Wirkung war zu stark. Ich arbeite gerne mit klarem Kopf. Ich bin viel zu beschäftigt, um bekifft zu sein. Sagen wir es so: Bewusstseinserweiterung ist nur einer von vielen Mythen, die bei mir nicht verfangen.
Sie spielen auf das Method Acting an?
Auch. Ich meine, jeder Schauspieler hat seine eigene Art und Weise, wie er einen Stoff angeht und bewältigt, also seine „Methode“. Aber dieses ganze Aufhebens, das um die Schauspielerei gemacht wird, finde ich lächerlich. Dieses Protzen mit körperlicher Ertüchtigung zum Beispiel. Wenn ich Gewichte heben lieben würde, wäre ich Gewichtheber geworden.
Und das mentale Einstimmen auf einen Charakter?
Ich habe schon sehr früh erkannt, dass es im Grunde genommen nur zwei Sorten von Schauspielern gibt: Der eine Typus will immer nur das machen, was er will, und zwar genauso, wie er es will. Er ist sozusagen beratungsresistent. Der andere – und hierzu zähle ich mich – ist offen für Ideen, Neues, Experimente. Und er lässt sich vom Regisseur anleiten. Und zwar auf eine konstruktive Art und Weise. Wenn sich der Regisseur als Faschist entpuppt – und auch das hatte ich schon –, ist das natürlich im höchsten Maße kontraproduktiv. Sie können sicher sein, dass ich niemals mehr in diesem Leben mit diesen Regisseuren etwas zu tun haben werde. Aber wissen Sie, eigentlich spreche ich nicht gerne über mein Handwerk.
Warum nicht?
Eine Hure kommt ja auch nicht heim und sagt: „Liebling, ich habe heute den unglaublichsten Blowjob meines Lebens abgeliefert!“
Hat für Sie die Schauspielerei auch einen erotischen Aspekt?
Auch? Jeder künstlerische Akt ist sexuell.
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