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FR-Interview mit Netzaktivist: „Ich hoffe, die E-Mail stirbt“

Laut Netzaktivist Markus Beckedahl geht der Trend immer mehr zum personalisierten Internet. Facebook kann mit der neuen Email-Strategie künftig noch mehr über den Nutzer herausfinden können. Ein FR-Gespräch über künftige Kommunikation.

Netzaktivist Markus Beckedahl  Foto: privat

Herr Beckedahl, Facebook hat angekündigt, E-Mails, SMS, Instant-Messaging, Facebook-Postings und Chats in einem Dienst zusammenzuführen. Müssen sich Facebook-Verweigerer nun anmelden, um nicht endgültig abgehängt zu werden?

Zunächst ist der neue Facebook-Dienst eine Erhöhung des Bedienkomforts für die Nutzer. Allerdings hat Facebook inzwischen tatsächlich so eine Marktmacht erreicht, dass Nutzer, die nicht drin sind, sich ausgeschlossen fühlen. Ich kann mir vorstellen, dass das neue Angebot gerade von jüngeren Nutzern angenommen wird.

Versucht Facebook, einen neuen Standard zu etablieren?

Sicher. Denn der Anbieter, dem das gelingt, der kontrolliert auch die Kommunikation. Facebook hat sich in den vergangenen Jahren gegenüber allen Konkurrenten massiv durchgesetzt, weil sie immer technologisch ein klein wenig voraus waren und sehr viel auf Innovationen gesetzt haben. Auch diese Neuerung schafft einen Mehrwert, allerdings mit erheblichen Risiken was den Datenschutz betrifft.

Der Trend scheint trotz Datenschutz-Bedenken weiterhin zum stärker personalisierten Internet zu gehen – weil es den Nutzern auch viele Vorteile bringt.

Ja, natürlich. Richtig Sinn macht das vor allem bei den mobilen Endgeräten. Aber auf dem Smartphone fühlt es sich heute schon gleich an, ob man nun twittert, chattet oder kurze E-Mails austauscht. Facebook vereinheitlicht das nur. Spannend wird sein, inwieweit das neue Angebot Schnittstellen bieten wird, um mit Menschen außerhalb von Facebook zu kommunizieren.

Zur Person

Markus Beckedahl, Jahrgang 1976, ist Begründer des Blogs netzpolitik.org, das Themen zur Informationsgesellschaft behandelt.

Der Berliner sitzt außerdem seit diesem Jahr als Abgesandter der Grünen in der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Deutschen Bundestags. Zudem wurde er im Frühjahr in den Medienrat des Landes Berlin-Brandenburg gewählt.

Ist es für Facebook Zeit für einen Strategiewechsel, also nicht mehr zwischen „drinnen“ und „draußen“ zu unterscheiden?

Im Moment fährt Facebook ganz gut mit der Strategie, einen riesigen „walled garden“, also eine geschlossene Umgebung, aufgebaut zu haben. Wenn man sich aber die technologischen Trends ansieht, ist klar, dass auch Facebook dahin gehen wird, irgendwann einmal Identitätsverwalter zu sein. Und diese Identität wird dann Empfänger von verschiedensten Kommunikationsmöglichkeiten sein.

Was steckt hinter dem Begriff Identitätsverwalter ?

Das bedeutet, dass Nutzer bei einem Anbieter einen Account mit allen Basisinformationen haben, wie es bei den sozialen Netzwerken jetzt schon der Fall ist. Der Trend geht dahin, dass man sich damit wie mit einer Art elektronischem Personalausweis bei anderen Anbietern identifiziert.

Müssen sich Nutzer künftig keine Gedanken mehr darüber machen, über welche Kanäle sie kommunizieren, weil der Anbieter automatisch die beste Form auswählt?

Das würde aus Nutzersicht natürlich Sinn machen, weil es die Kommunikation einfacher macht. Es ist aber auch sinnvoll, die eigene Kommunikation kontrollieren zu können, vor allem selbst zu entscheiden, wer Zugriff darauf hat. Im besten Fall kann man sich auch für verschlüsselte Kommunikation entscheiden.

Wird die E-Mail von dieser neuen Kommunikationsform abgelöst?

Insgeheim hoffe ich seit Jahren, dass die E-Mail ausstirbt. Die E-Mail hat sehr viele Probleme, Spam ist dabei nur das größte. Auch die Verwaltung von sehr vielen E-Mails ist nicht zufriedenstellend gelöst und ich habe meine Zweifel, dass man das noch hinbekommt.

Welche Risiken birgt der neue Facebook-Dienst?

Ersten Ankündigungen zufolge kann man keine einzelnen Nachrichten löschen. Die Konversationshistorie eines Lebens wird bei einen Unternehmen in den USA abgespeichert, dem man in Datenschutzfragen nicht unbedingt vertrauen sollte. Stellen Sie sich einmal vor, Sie nutzen überwiegend diesen neuen Dienst, um mit all ihren sozialen Kontakten zu kommunizieren, über Jahre hinweg. Das Unternehmen, das Ihre Konversationshistorie verwaltet, weiß mit Hilfe der richtigen Auswertungsmittel mehr über Sie, als Sie selbst über sich bei einem Psychologen herausfinden könnten.

Ist das der eigentliche Zweck, den Facebook verfolgt?

Facebook verfolgt zwei Ziele mit diesem neuen Angebot: zunächst einmal innovativ zu sein. E-Mail ist bei der jüngeren Generation halbwegs tot, man kommuniziert über Instant Messaging, SMS oder Chats. Eine Vereinheitlichung scheint da sinnvoll. Andererseits möchte Facebook so viel wie möglich über uns herausfinden, mit wem wir was kommunizieren, um uns noch besser die passende Werbung verkaufen zu können. Das ist schließlich das Kerngeschäft von Facebook.

Interview: Sebastian Amaral Anders

Datum:  16 | 11 | 2010
Kommentare:  3
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