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FR-Interview mit Komiker Michael Mittermeier : „So ernst kennt man mich nicht“

Witzemacher Michael Mittermeier kämpft mit seinem Dokumentarfilm „This prison where I live“ für einen Kollegen in Burma, der für seine regimekritischen Witze im Gefängnis sitzt.

Michael Mittermeier bei der Filmpremiere von „This prison where I live“ in München. Foto: dpa

Herr Mittermeier, Sie haben einen Dokumentarfilm über den burmesischen Comedian Zarganar gedreht, der wegen seiner politischen Witze im Gefängnis sitzt. Wer ist dieser Zarganar, für den Sie sich so einsetzen?

Zarganar ist der beliebteste Komiker von Burma. Er war der Erste, der sich getraut hat, die Militärdiktatur des Landes zu verlachen. Eine typische Nummer von ihm ist diese: „Ein Burmese geht zum Zahnarzt nach Indien. Der Zahnarzt sagt: Wieso fliegst du bis nach Indien, ihr habt doch einen Haufen guter Zahnärzte in Burma? Das schon, sagt der Burmese, aber es ist uns ja zu Hause nicht erlaubt, das Maul aufzumachen.“ Das ist Zarganars Style, sehr nah dran, volkstümlich und politisch. Und dafür wurde er im November 2008 zum zweiten Mal verurteilt, diesmal zu 59 Jahren Gefängnis.

Wie haben Sie von Zarganars Schicksal erfahren?

Ich engagiere mich schon seit Jahren in Burma, habe Spenden gesammelt nach dem fürchterlichen Tropensturm 2008. Das Filmprojekt entstand in Zusammenarbeit mit dem britischen Regisseur Rex Bloomstein, der Zarganar vor drei Jahren besucht und interviewt hatte. Diese Interviewszenen haben mich sehr berührt. Es ist unglaublich mutig, auf die Bühne zu gehen in dem Wissen: Das kann mein letzter Witz sein. Ich kann verhaftet, eingesperrt und gefoltert werden.

Die Militärjunta hat Zarganars Haftstrafe inzwischen von 59 Jahren auf 35 Jahre verkürzt. Ist das als Zynismus oder als erstes Einlenken zu verstehen?

Das ist zynisch und pervers. Nach dem Motto: Schau her, die Militärs haben ein Herz. Einen Scheißdreck haben die.

Sie sind für den Film nach Burma gereist, haben Orte aufgesucht, an denen Zarganar lebte, arbeitete und Freunde traf. Worin bestand die Gefahr für Sie und das Filmteam?

Wir hätten jederzeit verhaftet werden können. Es ist nicht einmal erlaubt, ein Amtsgebäude in Burma zu filmen.

Sie haben sogar versucht, das Gefängnis zu filmen, in dem Zarganar sitzt.

Und da wird es wirklich gefährlich. Ich steige als Sozius auf ein Moped, die Handkamera im Anschlag. Und das Filmteam fährt im Auto hinterher. Wir können tatsächlich wackelige Bilder von den Gefängnismauern und -türmen machen, aber dann wird mein Fahrer plötzlich nervös, weil uns ein Auto verfolgt. Wir sind dann mit Vollgas auf Umwegen ins Hotel gefahren und haben dort ziemlich panisch auf unserem Filmmaterial gesessen und zur Tür gestarrt. Ich bin froh, dass es die Bilder gibt, denn sie zeigen: Der Ort ist greifbar und auch Zarganar ist nicht verschwunden.

Zur Person

Michael Mittermeier, 44, Comedian, ist für sein Filmprojekt „This prison where I live“ nach Birma gereist und hat sich auf die Spuren des inhaftierten burmesischen Kollegen Zarganar begeben. Der Dokumentarfilm (englisch mit Untertiteln) ist ab 21. Oktober im Kino zu sehen. Als Komödiant startete Mittermeier jüngst seine Tournee „Achtung Baby“.

Zarganar, 50, ist Birmas berühmtester Komiker und einer der wenigen, die es wagten, ihre Stimme gegen die Militärdiktatur des Landes zu erheben. Dafür folterten und inhaftierten ihn die Machthaber. Seine zweite Gefängnisstrafe sitzt Zarganar zurzeit im Norden Birmas ab. (fen)

Freunde und Kollegen von Zarganar wollten nicht vor Ihre Kamera treten?

Nein, es wäre viel zu gefährlich für sie gewesen. Ich verstehe mich als ihren und Zarganars Lautsprecher, so wie Zaganar sich als Lautsprecher aller Burmesen sieht. Es war wichtig, dass wir da waren, weil vor Ort die Gefahr für die Leute und ihre Bedrohung spürbar wurden. Wir haben erlebt, wie sehr die Leute Zarganar lieben, wie sie seine Witze erzählen. Seine politischen Pointen finden ihren Weg wie das Wasser – du kannst es nicht aufhalten.

Zarganar saß bereits in den 90er Jahren im Gefängnis, ohne seinen Humor und seinen Mut zu verlieren. Wie hat er das geschafft?

Er ertrug eine Woche Folter, dann fünf Jahre Einzelhaft, eine völlige Kontaktsperre. Zarganar hatte aber entschieden, das Gefängnis unbeschadet zu verlassen. Er hörte beinahe täglich Musik, Musik, die außerhalb des Gefängnisses bei den vielen burmesischen Festen aus den Lautsprechern in seine Zelle drang. Diese Lieder hat er in ihre Bestandteile zerlegt, ihre Noten im Geiste aufgezeichnet – quasi als fünfjährige Musikmeditation.

Von dem Hunger, dem Elend, der Willkürherrschaft und den Morden des Regimes, den Folgen des Tropensturms hören wir nur wenig. Wieso ist das Interesse an Burma hierzulande so gering?

Selbst Frau Merkel findet Tibet interessanter. Da kann sie schöne Fotos mit einem Dalai Lama machen. Leider haben die Burmesen keinen. Viele Menschen da draußen kennen nicht mal die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die in Burma seit über 20 Jahren unter Hausarrest steht. Die europäischen Politiker müssten China unter Druck setzen, dessen finanzielle Unterstützung die burmesische Junta am Leben hält. Aber nichts geschieht. Daher verstehe ich meinen Film auch als Beginn einer Kampagne. Zusammen mit Amnesty International werden wir in allen Kinos Flyer verteilen und Aktionen machen – weltweit: Die Filmpremiere ist in England, wir sind aber auch in Holland, Neuseeland, in Thailand und in den USA.

Wie werden Ihre Fans auf den ausnahmsweise nicht lustigen, sondern engagierten Michael Mittermeier reagieren?

Meine Fans sind ja gewöhnt, dass ich auf der Bühne politische Nummern mache. So ernst wie hier haben sie mich sicher noch nie erlebt. Aber der Film lehrt eine Menge über Humor und seine Kraft, über Menschlichkeit und Mut. Ich bin sicher, dass sich meine Leute bewegen lassen – und auch andere, die sich weniger für Comedy interessieren.

Haben Sie die Hoffnung, Zarganar noch kennen zu lernen?

Irgendwas ganz tief in mir sagt mir, dass ich ihm irgendwann, wann auch immer, irgendwo begegnen werde.

So wie Sie das formulieren, klingt es nach einem Treffen im nächsten Leben.

Nein, ich glaube, es wird noch in diesem Leben klappen.

Interview: Ute Diefenbach

Datum:  18 | 10 | 2010
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