Lassen Sie die Vorstellung, dass Tokyo massiv zum Beispiel von radioaktivem Regen betroffen sein könnte, an sich heran? Haben Sie daran gedacht, das Land zu verlassen? Denken Sie überhaupt an die nähere Zukunft oder blickt man in der jetzigen Situation notgedrungen nur von einem Tag zum anderen?
Es wird, wenn das Schlimmste eingetreten ist, der Augenblick kommen, wo jeder seine Haut zu retten versucht, mit allen möglichen chaotischen Konsequenzen, die ein solcher Exodus mit sich bringt. Übrigens hat schon ein kleiner Exodus angefangen. Höhere Töchter der global class reisen z. B. allmählich ab. Sie haben Familienangehörige, die in einer der großen internationalen Firmen oder Organisationen in New York oder Genf arbeiten. Viele halten sich inzwischen bei Verwandten in den westlichen Regionen auf.
Aber in den Bombennächten gab es sowohl in Deutschland als auch in Japan Menschen, die in Berlin, Hamburg oder Dresden Ihrerseits, in Tokyo, Yokohama oder Osaka unsererseits geblieben sind oder aus welchen Gründen auch immer bleiben mussten. Wie viele Bürger haben in den Tagen nach dem Tschernobyl-GAU München, Frankfurt oder Köln in Richtung Westen oder Süden verlassen? Wie viele konnten nach Amerika gehen? Wer konnte sofort zwei Monate Urlaub nehmen? Ich glaube, nur die feinen Leute, die, metaphorisch gesagt, in der Toskana ihre Landhäuser haben, konnten schnell wegreisen. Wie viel Millionen von Japanern ist die menschenfreundliche Bundesrepublik bereit aufzunehmen? Vielleicht sollten Sie besser die Aufnahme von mehreren 100.000 Menschen aus Libyen durchzusetzen versuchen.
Ich persönlich könnte mit meiner Lebensgefährtin wenn es sein muss, westwärts wegfahren. Die Vorstellung einer Autokolonne, die sich nicht vorwärtsbewegen will, lässt mich jetzt schon grausen. Soweit ist es Gott sei Dank noch nicht. Messwerte in Tokyo zeigen kaum Abweichungen von den bisherigen Durchschnittswerten. Auch muss man bedenken, wie viel Atomasche in diverser Form sich im Kalten Krieg niederschlug, als die beiden Supermächte pausenlos Atombombenexperimente in der Atmosphäre veranstalteten. Diese tödlichen Experimente für die Verteidigung des „freien Westens“ hat man relativ schnell vergessen. Viele japanische Intellektuelle waren und sind sich dieser Probleme durchaus noch bewusst.
In deutschen Medien wurde teilweise berichtet, dass die Japaner, die Englisch sprechen, durch die ausländischen Medien deutlich besser über die Bedrohungslage informiert sind und vermehrt Tokyo verlassen. Können Sie das bestätigen?
Bitte entschuldigen Sie, aber das ist ein Ethnozentrismus pur! Es gibt auch auf Japanisch trotz der Salamitaktik der Regierung und trotz der Praxis der Tepco mit ihrem ständigen Sich-Herausreden präzise Informationen. Ich lese Englisch, Deutsch, habe Freunde in Korea, die mich stets informieren, kann also gut genug vergleichen. Natürlich sind die Informationen unterschiedlich, oft widersprüchlich. Aber die Japaner seien weniger unterrichtet? Wie kommen Sie zu so einem Urteil, wenn Sie eben kein Japanisch können. Ich weiß, es gibt englisch sprechende Japaner, die dazu neigen, oder besser: Freude daran haben, den amerikanisch-europäischen Ausländern deren Meinung über Japan in fließendem Englisch zu bestätigen. Leider ist die Anzahl solcher Typen mit einem „internalisierten Orientalismus“ beträchtlich.
Ich habe meinerseits eine inständige Bitte: Verführen Sie mich nicht zum Nationalismus! Ich bin ein absoluter Gegner jeder nationalistischen Regung. Aber bei so einer Unterstellung, Englisch sprechende Japaner seien besser informiert… Mein Fachausdruck für das Gefühl, das da sogar bei linken Intellektuellen aufsteigt, lautet „Abwehrnationalismus“, Nationalismus wider Willen, könnte man auch sagen.
Was sollte man aus dieser Katastrophe lernen?
Angeprangert werden muss das ganze System der LDP-Herrschaft, das ab Mitte der 50er Jahre Japan beherrscht und den demokratischen Diskussionsraum langsam ausgehöhlt hat. Das Baugenehmigungsverfahren für Atomkraftwerke z. B. war musterhaft nach westlichem Vorbild geschaffen, und an westlichen Maßstäben gemessen, formal sogar strenger. Es gab Regionalentwicklungspläne, einen lang andauernden Umweltverträglichkeitstest, auch Hearings mit den betroffenen Bürgern. Alle Etappen endeten jedoch mit dem Ergebnis, das hinter der Fassade abgestimmt war. Böse Zungen nannten diese Bürgerbefragungen eine reine Zeremonie. Die Mafia der Mächtigen in der Einparteienherrschaft, in dem Konglomerat von Verwaltung, Wirtschaft, Politik und von einem Teil der Wissenschaft hat alles so gestaltet, dass beim Befolgen prozeduraler Spielregeln sich ihr Wille durchsetzte und sich das Verständnis von Demokratie auf die Sitzverhältnisse in den nationalen und regionalen Parlamenten reduzierte.
Argumente werden nicht beachtet. Populismus und reiner, an dem prozeduralen Regelwerk orientierter Machtkampf, interessenorientierte Deals und Klientelbefriedigung, Paternalismus und Abschottungsübungen gegen Kritik sind wesentliche Stilelemente unserer „Demokratie“. Das Geld muss stimmen. Als neulich der japanische Botschafter in Berlin bei einem Festessen von gemeinsamen Werten sprach, habe ich mich innerlich sehr gefreut und von Herzen gewünscht, dass beide Seiten diese Werte ernst nehmen. Von dieser Katastrophe kann man für eine vitale und subversive Demokratie noch viel lernen, auch Sensibilität entwickeln für Fehlentwicklungen der Demokratie.
Die Angehörigen des Establishments tauschen Gefälligkeitsgutachten aus. Das gilt nicht nur für das Genehmigungsverfahren, sondern auch für andere Schauplätze, auch für die Universität. Im Netzwerk von Vitamin-B wird der sprachlich feine, aber sachlich wichtige Unterschied zwischen dem Sich-auf-jemand-Verlassen und dem Sich-auf-das-Urteil-von diesem-jemand-Verlassen ignoriert. Einen solchen Club der „feinen Damen und Herren“ gibt es auch in Europa, je nach Land in unterschiedlichem Grad und in unterschiedlicher Gestaltungsweise.
Es ist keine Frage der westlichen oder asiatischen Kultur. Die japanischen Verhältnisse sind aber in Sachen legaler Kriminalität extrem geworden. Viele ausländische Eliten, auch die wissenschaftlichen, haben sich, wenn sie mit der japanischen Elite „zusammenarbeiten“, irgendwie damit arrangiert. Die jetzige Regierung tut mir leid. Mit dem Programm der deliberativen Demokratisierung kaum an die Macht gekommen, ist sie wie seinerzeit Gorbatschow mit dem Scherbenhaufen des früheren Systems konfrontiert. Ich fürchte übrigens, meine These der Verbindung von Einparteienherrschaft und ökonomischer Stärke gilt mutatis mutandis auch für China.
Was erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft?
Hilfe, vor allem Geld und Fachkräfte. Ich bin kein Katastrophenhilfe-Experte, aber die innerjapanische Evakuierung von Menschen und deren Versorgung wird eine Menge Geld kosten.
Interview: Christine Pries