Eine einstündige Verspätung und eine etwas holprige Landung auf türkischem Boden sind zu verschmerzen, wenn dem einsetzenden Winter in Deutschland die kalte Schulter gezeigt werden kann. Jedenfalls ist am Samstag ja alles gut gegangen mit dem Ferienflieger, der die Fußballerinnen des 1. FFC Frankfurt zum einwöchigen Trainingslager nach Belek brachte.
Den morgendlichen Strandlauf am Sonntag hatte Cheftrainer Sven Kahlert abgesagt, doch das Refugium ums exquisite Fünf-Sterne-Hotel dürfte vor allem eine aus der Entourage noch besonders intensiv per pedes erkunden: Kim Kulig, die erstmals seit ihrem Kreuzbandriss aus dem WM-Sommer in Sichtweite der Mannschaft übt. „Ich werde mein eigenes Programm machen. Aber es ist überhaupt toll, dass ich wieder dabei bin“, sagt die 21-Jährige.
Monatelange Schufterei
In monatelanger Schufterei hat es Kulig zuletzt bei Fitmacher Björn Reindl in Neu-Isenburg geschafft, eine halbe Stunde am Stück zu joggen. Der weitere Weg ist so abgesprochen und angedacht: jetzt viel Lauftraining, in zwei, drei Wochen erste Sprints, in sechs bis acht Wochen wieder mit Ball. Comeback auf dem Rasen? Vielleicht Mitte März.
Möglicherweise auch später. Druck macht ihr niemand, erst recht nicht FFC-Manager Siegfried Dietrich, der die dynamische Mittelfeldspielerin vor der WM im eigenen Lande verpflichtete und dann in Wolfsburg ein Drama erlebte, das die Spielerin selbst als Doppelschlag tituliert: „Verletzung und WM-Aus“.
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Die tragische Szene hat sie oft genug gesehen: „Es gab Ecke für uns: Ich bin halb drüber über Saki Kumagai gesprungen, habe mich in der Luft noch weitergedreht, bin dann mit dem ganzen Gewicht aufs rechte Beine und weggeknickt.“ Zur Halbzeit ging’s tränenüberströmt ins Krankenhaus, das Viertelfinale gegen die Japanerinnen verfolgte sie noch am Handy über den Live-Ticker. „Als ich dann beim MRT war, hatte ich in dem Raum keinen Empfang mehr. Die Höchststrafe. Und dann steckte ich 45 Minuten in der Röhre. Als ich wieder raus kam, hat meine Mutter gesagt, wir wären ausgeschieden. Ich dachte im ersten Moment, sie veräppelt mich.“
Die familiäre Bande ist für die gebürtige Schwäbin mit dem Heimatort Poltringen ein elementarer Halt. Und natürlich habe sie auch an ihren Bruder Marco denken müssen, der mit dem Down-Syndrom auf die Welt kam. „Es gibt wirklich schlimmere Sachen. Aber man selbst denkt zuerst, man hat das größte Leiden.“ Mittlerweile hat sie gelernt, pragmatisch zu denken. „Man lernt wieder, die Dinge besser zu schätzen − ich hätte nie gedacht, mich so darüber zu freuen, wieder aufs Laufband zu dürfen.“
Hamburg bleibt ihre Liebe
Gleichwohl hat auch das gedauert: Im Herbst klagte sie erneut über Schmerzen. Professor Ulrich Boenisch glättete in Augsburg bei einem erneuten Eingriff eine Nahtstelle des Innenmeniskus. „Jetzt habe ich das Gefühl, die zweite OP hat mich sogar vorangebracht.“ Sie blieb auch während ihres Aufbautraining („sechs bis acht Stunden jeden Tag, außer sonntags“) vielbeschäftigt: Sie hat Fotoshootings gemacht, weil sie einen Sportartikelgiganten und einen Versicherungskonzern repräsentiert, bei dem sie mit den Klubkolleginnen Fatmire Bajramaj und Saskia Bartusiak eingebunden ist.
Im August hat sie beim Männer-Länderspiel gegen Brasilien mit Stuttgarts Sportdirektor Fredi Bobic gesprochen. Der VfB ist schließlich ihr Lieblingsverein, zum Pokalspiel gegen die Bayern am 8. Februar will sie ins Stadion. Zudem hat sie im Oktober ein Fernstudium Sportmanagement begonnen, „ich finde das cool − vielleicht werde ich da ja noch besser als Siggi Dietrich“, scherzt sie.
Dass ihr Berater gerade Simone Laudehr verpflichtet hat, begrüßt Kulig: „Ich fand, dass wir schon bei der WM ein richtig gutes Gespann waren.“ Bei der Eingewöhnung taugt sie aber nur bedingt als Hilfe: Kulig wohnt zwar in Frankfurt mit der Schweizer Stürmerin Anna-Maria Crnogorcevic zusammen, eine Wohnung im Europaviertel, sechster Stock über zwei Etagen, Skyline-Blick vom Balkon, doch Insidertipps kann sie kaum geben. Die heimliche Liebe gilt immer noch Hamburg, wo sie drei Jahre lang für den HSV spielte. Kulig: „Jede Stadt hat es gegen Hamburg schwer.“
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