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Hamburg: Der lange Schatten der" Terror-WG"

Hamburg bleibt für immer mit 9/11-Anschlägen verbunden. Kurz nach den Attentaten wird klar: In der Hansestadt haben einige der Terroristen gelebt.

Marienstraße und Göschenstraße in Hamburg: Hier wohnten einige der Attentäter.
Marienstraße und Göschenstraße in Hamburg: Hier wohnten einige der Attentäter.
Foto: dpa

Gegen 22.20 Uhr ist es offiziell. Am Abend des 12. September 2001, am Tag nach den Anschlägen von New York und Washington, geht im Lagezentrum der Hamburger Polizei eine Liste des FBI mit den Namen jener Passagiere ein, die nach Erkenntnis der US-Ermittler ihre Flugzeuge entführt und in das World Trade Center und das Pentagon gesteuert hatten. Zwei Attentäter seien anscheinend aus Deutschland gekommen, schreibt die US-Bundespolizei und bittet um Hilfe. Die Verdächtigen, das ergibt die Abfrage der Melderegister sofort, sind tatsächlich in Hamburg registriert. Marienstraße 54 lautet die Adresse von einem. Er heißt Mohammed Atta. Worüber seit Stunden spekuliert wird, ist nun Gewissheit: Die Spur des Terrors führt nach Hamburg.

Die Meldedaten führen die Polizei zu weiteren Namen und Adressen. In jener Nacht werden acht Wohnungen überprüft, wie Hamburgs damaliger SPD-Innensenator Olaf Scholz, heute Bürgermeister, am folgenden Tag berichtet. Die Teile fügen sich allmählich zusammen: Außer Atta, der Führungsfigur der Attentäter vom 11. September, lebten noch zwei weitere der 19 Terrorpiloten des Terrornetzwerks El Kaida in Hamburg, ebenso weitere Mitverschwörer. Attas Wohnung in der Marienstraße 54 war ihr Treffpunkt, dort wohnten einige von ihnen zusammen. Die Nachricht von der „Terror-WG“ geht um die Welt, Hamburg gilt fortan als Brutstätte des Terrors.

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Foto: dapd
Wüste Spekulationen

Das Entsetzen über die Anschläge auf das World Trade Center, das Pentagon und den Absturz eines vierten gekaperten Flugzeugs in den USA vor zehn Jahren war noch nicht einmal annähernd abgeklungen, da kursierten schon die ersten Verschwörungstheorien. Weltweit spekulierten selbst ernannte Experten darüber, dass nicht Al-Kaida hinter dem Attentat stecke, sondern - zum Beispiel - die US-Regierung. Im Folgenden eine kleine Auswahl absurder Vermutungen.

Nicht nur die Öffentlichkeit ist geschockt, auch für die Sicherheitsbehörden an der Elbe ändert sich in dieser Nacht viel. „Die Ereignisse waren eine deutliche Zäsur in unserer Gefahrenwahrnehmung“, sagt Manfred Murck, Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, heute in der Rückschau. Bis dahin habe niemand damit gerechnet, dass islamistische Terroristen in Deutschland Anschläge planen könnten. Binnen Tagen hätten „ganz andere Prioritäten“ gegolten.

Die Rolle, die Hamburg in den Planungen für die 9/11-Anschläge spielte, wird heute gleichwohl etwas differenzierter gesehen, zumindest von den deutschen Behörden. Die islamistische Szene in der Hansestadt, die etwa 2000 Menschen umfasst, gilt auch nicht als gefährlicher als anderswo. Dass die Terror-Zelle um Atta ausgerechnet in Hamburg entstand, sei letztlich wohl Zufall gewesen, meint Murck. „Es hätte auch jede andere Großstadt sein können.“

Der 11. September 2001

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Die Freunde, allesamt Studenten aus arabischen Ländern, verkehrten zwar in der berüchtigten Al-Kuds-Moschee, wo sogenannte Hassprediger das Wort führten, hatten aber zunächst keine direkten Kontakte zum Netz des internationalen Terrors. In der Marienstraßen-WG von Atta radikalisierten sie sich in der Isolation selbst.

Auch dass El Kaida sie dann rekrutierte, war wohl zu einem guten Teil Zufall. Ende 1999 brachen Atta und drei andere Kernmitglieder der „Hamburger Zelle“ auf eigene Faust zu einem islamistischen Ausbildungslager in Afghanistan auf, um sich dem „Heiligen Krieg“ anzuschließen. Die El-Kaida-Führung, die die Anschläge in den USA schon plante, wurde offenbar spontan auf sie aufmerksam. Die Männer, die unauffällig im Westen lebten, schienen dafür bestens geeignet. Im Sommer 2000, mehr als ein Jahr vor den Anschlägen, zogen sie in die USA, um Flugschulen zu besuchen. Ihre Hamburger Wohnungen standen seitdem leer.

In der Marienstraße 54, einem schmutzig-beigen vierstöckigen Nachkriegsbau im Stadtteil Harburg, erinnert heute nichts mehr an die Ereignisse von damals. In der beschaulichen Kopfsteinpflaster-Nebenstraße im wenig mondänen Hamburger Süden, in Sichtweise eines Schuhmachers und einer Kneipe namens „Goeschen-Eck“ ist längst wieder Ruhe eingekehrt. Aber auch wenn seit dem 11. September 2001 kein weiterer Attentäter aus Hamburg kam und die islamistische Szene dort als gut durchleuchtet gilt, ist der Schatten der „Terror-WG“ nicht verblasst. „Ich denke, dass der 11. September immer mit Hamburg verbunden sein wird“, sagt Verfassungsschützer Murck. Und das sei auch „eine besondere Verpflichtung, aufmerksam zu sein“.

Autor:  Sebastian Bronst, afp
Datum:  31 | 8 | 2011
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