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11. September 2001
Die Anschläge vom 11. September 2001 veränderten die Welt. Hintergründe und Analysen.

02. September 2011

Kulturkampf: Es hat sich hochgeschaukelt

Jede Religion hat viele Gesichter – und entsprechend vielfach verschieden werden sie wahrgenommen. Hier der Blick des Künstlers David Mach mit seiner Skulptur „Die Harder“, entstanden 2010 in London.  Foto: Getty

Zehn Jahre nach 09/11: Der Arabist Thomas Bauer über den Islam und seine westliche Wahrnehmung.

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Zehn Jahre nach 09/11: Der Arabist Thomas Bauer über den Islam und seine westliche Wahrnehmung.

Er hat schon damals vor zehn Jahren, kurz nach den Attentaten vom 9. September 2001, gegen den Afghanistankrieg plädiert, jetzt hat Thomas Bauer in einem großen Buch geschildert, warum die westliche Politik einem Missverständnis aufsitzt: In „Kultur der Ambiguität“ erzählt er „eine andere Geschichte des Islam“. Es ist die Geschichte über einer „Kultur der Ambiguität“. Wieso nimmt der Westen einen ganz anderen Islam wahr? Und haben sich nicht auch im Islam selbst andere Kräfte durchgesetzt? Ein Gespräch über zehn Jahre 09/11, die „Islamkritik“ und die Frage nach der Toleranz.

Herr Professor Bauer, haben die Attentäter damals den Islam verraten?

Sie haben sich des Islams bedient, und im Westen ist man prompt darauf hereingefallen. Schon im Juni (!) 2001 behauptete der „Spiegel“ in einer Titelgeschichte, keine Weltreligion sei uns so „fremd“ wie der Islam. Und eine so „fremde“ Religion ist natürlich zu allem fähig. Bei dieser Erwartungshaltung war es klar, dass man allein den Islam für die Anschläge verantwortlich machte. Und als Bin Laden nach 9/11 eine islamisch eingefärbte Propaganda-Rede hielt, glaubten viele, eine ausreichende Erklärung für den Terror zu haben. Es gab aber noch zwei weitere Reden. Eine von az-Zawahiri, Bin Ladens jetzigen Nachfolger, und in denen war von Islam wenig die Rede, stattdessen von Imperialismus, US-Truppen in Saudi-Arabien und das todbringende Embargo gegen den Irak. Das hätte auch Fidel Castro sagen können. Aber die politische Dimension der Terroranschläge wollte kaum jemand im Westen zur Kenntnis nehmen.

Wenn die US-Regierung sich 2001 von den Anschlägen nicht hätte provozieren lassen und keinen Krieg gegen die Taliban begonnen – wie würde der Islam im Westen heute wahrgenommen werden?

Ich war einer der wenigen, die schon 2001 gegen den Afghanistankrieg waren, und zwar weil zum einen das Problem nicht in Afghanistan, sondern in Saudi-Arabien liegt, und zum anderen, weil vorhersehbar war, dass eine Invasion Afghanistans zu mehr Terror statt zu weniger führen wird. Heute ist die Attraktivität des Dschihadismus auf einem Tiefpunkt angekommen. Nicht einmal die Tötung Bin Ladens hat größere Empörung hervorgerufen. Aber das hätten wir schon früher haben können. Die Kriege in Afghanistan und Irak haben diese Entwicklung nur verzögert und wenig Positives geschaffen.

Aber missbrauchen terroristische Muslime nicht den Islam oder radikalisieren und vereinseitigen sie lediglich eine bestimmte, im Koran angelegte Strömung?

Religionen werden viel weniger durch ihre heiligen Texte geprägt als man das meistens annimmt. Viel wichtiger ist das, was die Anhänger der Religion daraus machen. In Koran, Bibel etc. finden sich Stellen, mit denen man Gewalt verteidigen und mit denen man für Frieden und Versöhnung eintreten kann. Religiöse Strömungen wie heute die Dschihadisten (also jene Richtung, die einen Krieg á la Bin Laden gutheißt) hat es in der islamischen Geschichte zwar immer gegeben, sie waren aber nie dominant.


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Ist solche Radikalisierung also ein Missverständnis des Korans?

Religiöse Texte zeichnen sich, wie literarische auch, ja gerade durch ihre starke Interpretierbarkeit aus. Ihnen wohnt also ein hohes Ambiguitätspotenzial inne. Nun legen fast alle Muslime – in Geschichte und Gegenwart, einfache Gläubige und Gelehrte – den Koran anders aus als die Dschihadisten. Eine so radikale Auslegung kann man überhaupt nur dann vertreten, wenn man alle anderen Auslegungen als falsch und unislamisch und nur die eigene als die wahre hinstellt – und genau das tun sie. Damit widersprechen sie aber einem wichtigen Grundsatz des Islams, nämlich Muslime, die abweichender Meinung sind, nicht zu verketzern. Und deshalb befinden sich Wahhabiten und Dschihadisten nach Meinung vieler Muslime nicht mehr auf dem Boden des Islams. Da muss man dann in der Tat von einem Missverständnis des Korans und der Religion sprechen.

Zur Person

Thomas Bauer, Jahrgang 1962, ist seit elf Jahren Lehrstuhlinhaber am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität in Münster; zuvor war er Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin und Direktor des Centrums für Religiöse Studien in Münster.

In seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit der arabischen Dichtung, Philosophie und Rhetorik der Mamelukenzeit (13. bis 16. Jahrhundert) und der Orientrezeption in der deutschen Literatur vor allem im 19. Jahrhundert. Über die Liebe und die Liebesdichtung in der arabischen Welt des 9. und 10. Jahrhunderts hat er sich habilitiert.

Zuletzt erschien sein großes Buch„Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam“ (Suhrkamp Verlag, 463 S., 32,90 Euro).
Am 17. Oktober wird er es in der Evangelischen Stadtakademie zu München vorstellen.


Die Menschen des islamischen Kulturraums der klassischen Zeit wiesen eine hohe Ambiguitätstoleranz auf, schreiben Sie. Sie habe ihnen den „gelassenen Blick auf die Welt“ ermöglicht. Wieso ging das verloren?

Am Anfang steht ein Prozess der Globalisierung, der von Europa ausging und im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts in islamischen Ländern immer stärker fühlbar wurde und immer stärkeren Druck ausübte. Dazu musste man sich irgendwie positionieren. Und da schien ein Festhalten an der alten Ambiguitätstoleranz („hier gibt es viele Auslegungen, viele verschiedene richtige Meinungen, alles ist offen …“) weniger attraktiv als eine stärkere Ideologisierung der Religion, mit der man den großen Ideologien des Westens (Nationalismus, Liberalismus, Kommunismus, Faschismus, Zionismus etc.) etwas Gleichartiges entgegensetzen konnte. Jetzt entstanden Schlagwörter wie „Islam ist Religion und Politik“ oder das Bedürfnis, den Koran auf eindeutige Weise zu verstehen und islamische Regeln auch in Bereichen durchzusetzen, die immer viel stärker weltlich geprägt waren (etwa Literatur, Politik, Sexualität). Auch der Alltag wurde zunehmend „islamisiert“ und „puritanisiert“.

Würden Sie aber auch sagen, die „Islamisierung des Islams“, durch die „im Islam“ überall nur „das Islamische“ gesehen wird, sei eine koloniale Strategie des Westens?

Als „koloniale Strategie“ würde ich es nicht bezeichnen. Es hat sich hochgeschaukelt: Muslimische Eliten bildeten als Reaktion auf westliche Ideologien eine ideologisierte Sichtweise auf den Islam aus, der ohnehin ideologisierte Blick des europäischen 19. und 20. Jahrhunderts nahm die Idee einer gänzlich vom Islam durchdrungenen „islamischen Welt“ dankbar auf – das verstärkte sich gegenseitig, und heute haben islamische Fundamentalisten und westliche sogenannte „Islamkritiker“ weitgehend das gleiche Islambild. Nur mit dem Islam der Geschichte und den Vorstellungen der überwiegenden Mehrheit der Muslime hat es wenig zu tun.

Sie sagen, Ambiguitätstoleranz sei etwas anderes als Toleranz im ethisch-sozialen Sinne, weil diese schon immer die Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Anderen voraussetzt. Aber beruht nicht auch die gesamte Kultur der Ambiguität auf dieser Differenz?

Intoleranz heißt: Meine Sichtweise ist die einzig richtige. Die anderen müssen zum Schweigen gebracht werden. Toleranz heißt: Meine Sichtweise ist die einzig richtige, aber die anderen dürfen ihre Sichtweise, wenn’s denn sein muss, auch vertreten. Ambiguitätstoleranz heißt: Wahrscheinlich gibt es mehrere Sichtweisen, die gleichzeitig richtig sind. Sie sind mir nicht alle gleichermaßen sympathisch, aber ich will ihnen die Möglichkeit, auch richtig zu sein, nicht absprechen. Das „Andere“ ist also irgendwie (wenn auch möglicherweise ungeliebter) Teil des Eigenen.

Muss der Westen Ambiguitätstoleranz lernen?

Ambiguitätstoleranz kann man nicht lernen. Man kann sie höchstens trainieren. Kunst, Literatur, Musik mit ihrer Ambiguität sind ein gutes Trainingsmittel. Vor allem aber: Die Gesellschaft muss so beschaffen sein, dass möglichst viele Menschen mit sich selbst im Reinen sind. Abstiegsängste, das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, permanent überfordert zu sein, nicht an demokratischen Entscheidungsprozessen teilhaben zu können: All das führt zu einer ambivalenten Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit, und dies wiederum zu dem Wunsch, dass die Welt einfach, überschaubar, eben eindeutig ist.

Und wie verträgt sich Ambiguitätstoleranz mit dem mehrfachen, kompromisslosen Bekenntnis im Koran: „Es gibt keinen Gott außer Gott.“

Der eine Gott kann ja vieldeutig sprechen und eine Botschaft verkünden, die alle möglichen Auslegungen zulässt. Der Monotheismus mag vielleicht ein stärkeres Gefahrenpotenzial in sich bergen als andere Formen von Religion. Entscheidend ist aber nicht so sehr die Zahl der Götter, sondern die Akzeptanz oder Ablehnung der Vieldeutigkeit religiöser Texte.

Was ist für Sie eigentlich sinnvolle Islamkritik?

Natürlich kann man Muslime kritisieren, Strömungen innerhalb des Islams, etwa den Wahhabismus Saudi-Arabiens. Man muss das vielleicht sogar noch stärker tun. Dann würde man es sich gründlicher überlegen, ob man den Wahhabiten Saudi-Arabiens Panzer liefert. Man kann auch Religion generell kritisieren oder monotheistische Religionen im Speziellen. Auf der Ebene „des“ Islams, also des Islams insgesamt, weiß ich nicht, was hier sinnvolle Kritik sein sollte. Auf dieser Ebene kann man den Islam nur aus einer sehr spezifisch theologischen Perspektive kritisieren, also etwa das Gottesbild oder die Sündenlehre, man kann auch zwischen den Religionen vergleichen und aus der eigenen religiösen Perspektive bewerten. Ansonsten ist der Islam mit seinen zahlreichen Ausrichtungen und historischen Erscheinungsformen viel zu heterogen, um insgesamt „kritisiert“ zu werden. Darum geht es den sogenannten Islamkritikern allerdings auch nicht, die unter der Überschrift „Islamkritik“ nur ihre Ressentiments ausleben, wenn nicht rassistische Hetze betreiben.

Das Gespräch führte Dirk Pilz.

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