Zehn Jahre nach 09/11: Der Arabist Thomas Bauer über den Islam und seine westliche Wahrnehmung.
Jede Religion hat viele Gesichter – und entsprechend vielfach verschieden werden sie wahrgenommen. Hier der Blick des Künstlers David Mach mit seiner Skulptur „Die Harder“, entstanden 2010 in London. Foto: Getty
Jede Religion hat viele Gesichter – und entsprechend vielfach verschieden werden sie wahrgenommen. Hier der Blick des Künstlers David Mach mit seiner Skulptur „Die Harder“, entstanden 2010 in London. Foto: Getty
Er hat schon damals vor zehn Jahren, kurz nach den Attentaten vom 9. September 2001, gegen den Afghanistankrieg plädiert, jetzt hat Thomas Bauer in einem großen Buch geschildert, warum die westliche Politik einem Missverständnis aufsitzt: In „Kultur der Ambiguität“ erzählt er „eine andere Geschichte des Islam“. Es ist die Geschichte über einer „Kultur der Ambiguität“. Wieso nimmt der Westen einen ganz anderen Islam wahr? Und haben sich nicht auch im Islam selbst andere Kräfte durchgesetzt? Ein Gespräch über zehn Jahre 09/11, die „Islamkritik“ und die Frage nach der Toleranz.
Herr Professor Bauer, haben die Attentäter damals den Islam verraten?
Sie haben sich des Islams bedient, und im Westen ist man prompt darauf hereingefallen. Schon im Juni (!) 2001 behauptete der „Spiegel“ in einer Titelgeschichte, keine Weltreligion sei uns so „fremd“ wie der Islam. Und eine so „fremde“ Religion ist natürlich zu allem fähig. Bei dieser Erwartungshaltung war es klar, dass man allein den Islam für die Anschläge verantwortlich machte. Und als Bin Laden nach 9/11 eine islamisch eingefärbte Propaganda-Rede hielt, glaubten viele, eine ausreichende Erklärung für den Terror zu haben. Es gab aber noch zwei weitere Reden. Eine von az-Zawahiri, Bin Ladens jetzigen Nachfolger, und in denen war von Islam wenig die Rede, stattdessen von Imperialismus, US-Truppen in Saudi-Arabien und das todbringende Embargo gegen den Irak. Das hätte auch Fidel Castro sagen können. Aber die politische Dimension der Terroranschläge wollte kaum jemand im Westen zur Kenntnis nehmen.
Wenn die US-Regierung sich 2001 von den Anschlägen nicht hätte provozieren lassen und keinen Krieg gegen die Taliban begonnen – wie würde der Islam im Westen heute wahrgenommen werden?
Ich war einer der wenigen, die schon 2001 gegen den Afghanistankrieg waren, und zwar weil zum einen das Problem nicht in Afghanistan, sondern in Saudi-Arabien liegt, und zum anderen, weil vorhersehbar war, dass eine Invasion Afghanistans zu mehr Terror statt zu weniger führen wird. Heute ist die Attraktivität des Dschihadismus auf einem Tiefpunkt angekommen. Nicht einmal die Tötung Bin Ladens hat größere Empörung hervorgerufen. Aber das hätten wir schon früher haben können. Die Kriege in Afghanistan und Irak haben diese Entwicklung nur verzögert und wenig Positives geschaffen.
Die krudesten Verschwörungstheorien zum 11. September: Wer steckt dahinter?
Das Entsetzen über die Anschläge auf das World Trade Center, das Pentagon und den Absturz eines vierten gekaperten Flugzeugs in den USA vor zehn Jahren war noch nicht einmal annähernd abgeklungen, da kursierten schon die ersten Verschwörungstheorien. Weltweit spekulierten selbst ernannte Experten darüber, dass nicht Al-Kaida hinter dem Attentat stecke, sondern - zum Beispiel - die US-Regierung. Im Folgenden eine kleine Auswahl absurder Vermutungen.
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"Die Geheimdienste"
Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad stellte die offizielle Version zum 11. September mehrmals infrage. Die Terroranschläge seien eine „große Lüge“ gewesen und hätten den USA als Vorwand gedient, Afghanistan und den Irak anzugreifen, behauptete er. Im Staatsfernsehen wurde Ahmadinedschad mit den Worten zitiert, der Al-Kaida-Angriff auf das World Trade Center sei „ein Szenario und eine Handlung der Geheimdienste“ gewesen.
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"Gezielte Sprengung"
Sieben Jahre lang hielt sich die Verschwörungstheorie zum Einsturz des dritten Turms „World Trade Center 7“: Das Bauwerk krachte zusammen, obwohl kein Flugzeug hineinstürzte. Einige nahmen das als Beleg für eine absichtliche Sprengung. Nach drei Jahren intensiver Forschung konnte Shyam Sunder vom „National Institute of Standards and Technology“ dann im August 2008 verkünden, der Zusammenbruch des Gebäudes sei kein Mysterium, kein Geheimnis mehr. Verantwortlich für den Einsturz waren die Feuer, die in mehreren Stockwerken ausbrachen.
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"Die CIA"
Der ehemalige Bundesminister Andreas von Bülow sorgte einige Zeit für Aufsehen, weil er medienöffentlich die These vertrat, nicht Al-Kaida, sondern der US-Geheimdienst CIA sei für die Anschläge verantwortlich. Bülow war bis 1994 Abgeordneter des Bundestages und gehörte dort der Parlamentarischen Kontrollkommission der Geheimdienste an. Unter dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt war Bülow von 1980 bis 1982 Minister für Forschung und Technologie.
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"Raketenangriff"
Viele Verschwörungstheorien befassen sich auch mit dem Anschlag auf das Pentagon. Nicht ein Flugzeug habe die Zerstörungen dort verursacht, sondern eine Rakete, heißt es. Als Beleg wird immer wieder angeführt, das Loch in der Mauer des Gebäudes sei viel zu klein gewesen, als dass es von einer Boeing herrühren könnte.
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"Die US-Regierung"
Die meisten Zweifler tummeln sich im Internet. Ein paar hundert Unterstützer, darunter viele Soldaten und Piloten, will beispielsweise die Internetseite „Patriots Question 9/11“ hinter sich versammelt haben. Die Thesen dort sind ebenso wirr wie vielfältig. Allen gemein ist die Vermutung, die US-Regierung habe den Anschlag inszeniert, um von eigenem Versagen abzulenken.
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"Der Finanzmarkt, das Militär, die Regierung ..."
Eine Liste der „Top 40“-Gründe, an der offiziellen Version von einem Terroranschlag zu zweifeln, findet sich auf der Internetseite „Die 911 Wahrheit“ (911 Truth), von der es auch einen deutschen Ableger gibt. Da ist unter anderem von einem angeblichen Insider-Handel an den Aktienbörsen unmittelbar vor dem Anschlag die Rede, es wird die Frage gestellt, warum die Luftabwehr der Armee nicht wie gewohnt funktioniert habe, außerdem rätseln die Wahrheitssucher, weshalb die US-Regierung trotz zahlreicher Warnungen ausländischer Geheimdienste nicht reagiert habe.
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Verschwörungstheorien ohne Ende
Ein Ende der Spekulationen ist nicht in Sicht. Denn jeder Erklärungsversuch, jede These von offiziellen Stellen wird sofort wieder angezweifelt und bietet Stoff für neue Verschwörungstheorien. Den Mutmaßungen über die Anschläge des 11. Septembers dürfte damit eine ähnlich lange Laufdauer bevorstehen wie denen über das Kennedy-Attentat oder den Tod von Marylin Monroe.
Aber missbrauchen terroristische Muslime nicht den Islam oder radikalisieren und vereinseitigen sie lediglich eine bestimmte, im Koran angelegte Strömung?
Religionen werden viel weniger durch ihre heiligen Texte geprägt als man das meistens annimmt. Viel wichtiger ist das, was die Anhänger der Religion daraus machen. In Koran, Bibel etc. finden sich Stellen, mit denen man Gewalt verteidigen und mit denen man für Frieden und Versöhnung eintreten kann. Religiöse Strömungen wie heute die Dschihadisten (also jene Richtung, die einen Krieg á la Bin Laden gutheißt) hat es in der islamischen Geschichte zwar immer gegeben, sie waren aber nie dominant.
Ist solche Radikalisierung also ein Missverständnis des Korans?
Religiöse Texte zeichnen sich, wie literarische auch, ja gerade durch ihre starke Interpretierbarkeit aus. Ihnen wohnt also ein hohes Ambiguitätspotenzial inne. Nun legen fast alle Muslime – in Geschichte und Gegenwart, einfache Gläubige und Gelehrte – den Koran anders aus als die Dschihadisten. Eine so radikale Auslegung kann man überhaupt nur dann vertreten, wenn man alle anderen Auslegungen als falsch und unislamisch und nur die eigene als die wahre hinstellt – und genau das tun sie. Damit widersprechen sie aber einem wichtigen Grundsatz des Islams, nämlich Muslime, die abweichender Meinung sind, nicht zu verketzern. Und deshalb befinden sich Wahhabiten und Dschihadisten nach Meinung vieler Muslime nicht mehr auf dem Boden des Islams. Da muss man dann in der Tat von einem Missverständnis des Korans und der Religion sprechen.
Zur Person
Thomas Bauer, Jahrgang 1962, ist seit elf Jahren Lehrstuhlinhaber am Institut für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität in Münster; zuvor war er Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin und Direktor des Centrums für Religiöse Studien in Münster.
In seiner Forschung beschäftigt er sich vor allem mit der arabischen Dichtung, Philosophie und Rhetorik der Mamelukenzeit (13. bis 16. Jahrhundert) und der Orientrezeption in der deutschen Literatur vor allem im 19. Jahrhundert. Über die Liebe und die Liebesdichtung in der arabischen Welt des 9. und 10. Jahrhunderts hat er sich habilitiert.
Zuletzt erschien sein großes Buch„Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islam“ (Suhrkamp Verlag, 463 S., 32,90 Euro). Am 17. Oktober wird er es in der Evangelischen Stadtakademie zu München vorstellen.
Die Menschen des islamischen Kulturraums der klassischen Zeit wiesen eine hohe Ambiguitätstoleranz auf, schreiben Sie. Sie habe ihnen den „gelassenen Blick auf die Welt“ ermöglicht. Wieso ging das verloren?
Am Anfang steht ein Prozess der Globalisierung, der von Europa ausging und im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts in islamischen Ländern immer stärker fühlbar wurde und immer stärkeren Druck ausübte. Dazu musste man sich irgendwie positionieren. Und da schien ein Festhalten an der alten Ambiguitätstoleranz („hier gibt es viele Auslegungen, viele verschiedene richtige Meinungen, alles ist offen …“) weniger attraktiv als eine stärkere Ideologisierung der Religion, mit der man den großen Ideologien des Westens (Nationalismus, Liberalismus, Kommunismus, Faschismus, Zionismus etc.) etwas Gleichartiges entgegensetzen konnte. Jetzt entstanden Schlagwörter wie „Islam ist Religion und Politik“ oder das Bedürfnis, den Koran auf eindeutige Weise zu verstehen und islamische Regeln auch in Bereichen durchzusetzen, die immer viel stärker weltlich geprägt waren (etwa Literatur, Politik, Sexualität). Auch der Alltag wurde zunehmend „islamisiert“ und „puritanisiert“.
Würden Sie aber auch sagen, die „Islamisierung des Islams“, durch die „im Islam“ überall nur „das Islamische“ gesehen wird, sei eine koloniale Strategie des Westens?
Als „koloniale Strategie“ würde ich es nicht bezeichnen. Es hat sich hochgeschaukelt: Muslimische Eliten bildeten als Reaktion auf westliche Ideologien eine ideologisierte Sichtweise auf den Islam aus, der ohnehin ideologisierte Blick des europäischen 19. und 20. Jahrhunderts nahm die Idee einer gänzlich vom Islam durchdrungenen „islamischen Welt“ dankbar auf – das verstärkte sich gegenseitig, und heute haben islamische Fundamentalisten und westliche sogenannte „Islamkritiker“ weitgehend das gleiche Islambild. Nur mit dem Islam der Geschichte und den Vorstellungen der überwiegenden Mehrheit der Muslime hat es wenig zu tun.
Sie sagen, Ambiguitätstoleranz sei etwas anderes als Toleranz im ethisch-sozialen Sinne, weil diese schon immer die Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Anderen voraussetzt. Aber beruht nicht auch die gesamte Kultur der Ambiguität auf dieser Differenz?
Intoleranz heißt: Meine Sichtweise ist die einzig richtige. Die anderen müssen zum Schweigen gebracht werden. Toleranz heißt: Meine Sichtweise ist die einzig richtige, aber die anderen dürfen ihre Sichtweise, wenn’s denn sein muss, auch vertreten. Ambiguitätstoleranz heißt: Wahrscheinlich gibt es mehrere Sichtweisen, die gleichzeitig richtig sind. Sie sind mir nicht alle gleichermaßen sympathisch, aber ich will ihnen die Möglichkeit, auch richtig zu sein, nicht absprechen. Das „Andere“ ist also irgendwie (wenn auch möglicherweise ungeliebter) Teil des Eigenen.
Das Flugzeug mit 92 Menschen an Bord war auf dem Weg von Boston nach Los Angeles entführt worden. Kurze Zeit später rast eine zweite Maschine der American Airlines auf den südlichen Turm des World Trade Center zu.
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9:03 Uhr: Die zweite Maschine, eine Boeing 767 von United Airlines mit 65 Menschen an Bord, die ebenfalls von Boston nach Los Angeles fliegen sollte, rast in den Südturm.
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Das Ereignis wird zu diesem Zeitpunkt von Fernsehzuschauern rund um die Welt live verfolgt.
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In der Fassade klafft ein riesiges Loch, die oberen Stockwerke gehen in Flammen auf. Viele Menschen sind eingeschlossen, hunderte Rettungskräfte eilen zu dem Gebäudekomplex.
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Unmittelbar nach dem Aufprall explodiert die Maschine und löst im Inneren des Turms ein Inferno aus.
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Beide Zwillingstürme stehen in Flammen, Rauchwolken verdunkeln den Himmel über New York.
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Entsetzt starren die Menschen auf das Horrorszenario, das sich vor ihren Augen im Süden Manhattans abspielt.
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09.30 Uhr: US-Präsident George W. Bush besucht gerade eine Schule in Sarasota im Bundesstaat Florida, als Stabschef Andy Card sich zum ihm beugt.
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Card informiert den Präsidenten vor laufenden Kameras über die Ereignisse in New York.
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09.37 Uhr: Eine Boeing 757 von American Airlines, unterwegs mit 64 Menschen von Washington nach Los Angeles, stürzt in das Pentagon.
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Teile des Verteidigungsministeriums stürzen ein. Kurz darauf brachte ein Terrorist bei Pittsburgh im Bundesstaat Pennsylvania die vierte Maschine, die offenbar das Weiße Haus oder den Kongress in Washington zum Ziel hat, auf freiem Feld zum Absturz. Passagiere an Bord hatten sich zur Wehr gesetzt.
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09.59 Uhr: Der Südturm des World Trade Centers stürzt in einer gigantischen Staubwolke in sich zusammen.
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Hunderte Zivilisten und Rettungskräfte werden von den Trümmern verschüttet.
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Panisch fliehen die Menschen in den Straßen von Manhattan vor Trümmern und Staub.
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U-Bahnen fahren nicht mehr. Die New Yorker fliehen zu Fuß über die Brooklyn Bridge und andere Brücken aus Manhattan.
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10.28 Uhr: Auch der Nordturm des World Trade Centers stürzt ein. Über den Süden Manhattans legt sich eine dicke Schicht aus Schutt und Staub.
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Das einstürzende World Trade Center begräbt Tausende Menschen unter sich.
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Eines der Bilder, die um die Welt gingen: Marcy Borders, staubbedeckt, bringt sich in Sicherheit.
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17.20 Uhr: Ein Nachbargebäude der Zwillingstürme am World Trade Center stürzt ebenfalls ein. Das Hochhaus war durch herabfallende Trümmer schwer beschädigt worden.
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In New York sterben an diesem Tag 2750 Unschuldige und zehn Terroristen. In Washington gibt es 189 Tote, darunter die fünf Entführer. In Pennsylvania sterben alle 44 Flugzeuginsassen einschließlich der vier Terroristen.
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Die Angriffe der 19 Islamisten und die nachfolgende Politik der Terrorbekämpfung verändern die Welt.
New York unter Schock: Kurz vor 9 Uhr Ortszeit rast eine Passagiermaschine der Fluggesellschaft American Airlines in den nördlichen der beiden Türme und setzt die oberen Stockwerke in Brand. In der Fassade klafft ein großes Loch, Rauchwolken steigen in den Himmel. Das Flugzeug mit 92 Menschen an Bord war auf dem Weg von Boston nach Los Angeles entführt worden.
Weil nichts mehr so ist, wie es war. Die New Yorker Börse zur Mittagszeit im vergangenen Oktober. Keine Bediensteten, die hektisch in die Restaurants strömen, keine Banker, die ins Handy brüllen. Stattdessen: Absperrungen, strenge Kontrollen, nervöse Polizisten. Es hat gerade den ersten Anthrax-Anschlag in der Stadt gegeben, manche tragen Atemmasken. Wann wird das Herz wieder anfangen zu schlagen?
Es ist Krieg. Militärs bewachen das Areal an der Anschlagsstelle. Bis hierhin und nicht weiter! Offene Jeeps der Army, die Soldaten Rücken an Rücken, rumpeln über den Asphalt. Noch ziehen Rauchschwaden vom Skelett der Türme, noch ist die Wunde frisch. Ein Soldat, postiert auf einem Gerüst mitten auf der Straße, reinigt die Lastwagen, die die Trümmer abtransportieren, vom Dreck der Katastrophe. Der Präsident sagt über Bin Laden: "Ich will ihn tot oder lebendig."
Die Attacke wird zur Attraktion. Vor der St. Pauls Chapel unweit des zerstörten World Trade Centers lächelt ein Feuerwehrmann für die Touristen. Seine Kollegen, die neuen Helden der Nation, finden in den Räumen der Kirche ein wenig Ruhe. Der Feuerwehrmann ist eigentlich Seelsorger, er war abgestellt, um verängstigten New Yorkern jetzt, so kurz nach dem Anschlag, zuzusprechen. Stattdessen lächelt er den ganzen Tag, bis zur Erschöpfung.
Der Himmel über New York, im Juni, er erinnert an damals. Das gleiche gleißende Licht, die gleiche klare Luft. Wir blicken auf eine Wunde: Ground Zero. Die Fassaden sind inzwischen repariert, die Zebrastreifen neu gestrichen, der Ort des Schreckens aufgeräumt.
Sie lachen, schwätzen, sind eben Kinder. Die Lehrerin mahnt. Dies ist kein normaler Schulausflug. Sondern eine Geschichtsstunde, am Ground Zero, auf der Aussichtsplattform. Selbst jetzt, fast ein Jahr nach den Anschlägen, kommen sie in Scharen hierher: Touristen, die Erinnerungsfotos knipsen, Angehörige, die Blumen legen. Lange können sie nicht bleiben: Die Verweildauer am Ort des Attentats ist auf eine kurze Zeit beschränkt.
Der Geruch der Katastrophe - beißend, metallisch - liegt noch immer auf der Stadt. Aus den kaputten Gasleitungen dampft es, der Lärm der Bauarbeiten schluckt den Lärm der Straße. New York, einen Monat, nach dem Anschlag. Direkt danach war diese Straße ein Rettungsweg. Gedacht für die vielen Verletzten, die aus den Trümmern des World Trade Center geborgen werden würden. Deswegen die Bitte: "Absolutely no pictures." Doch den Einsturz hat kaum einer überlebt.
Möglicherweise saudi-arabischer Herkunft. Alsheri gab nach FBI-Angaben mehrere Identitäten mit unterschiedlichen Geburtsjahren zwischen 1974 und 1979. Er soll in den USA studiert und im Bundesstaat Florida in Orlando, Hollywood und Daytona Beach gewohnt haben. 1997 schloss er in Florida seine Ausbildung zum Piloten für Verkehrsflugzeuge ab.
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Wail M. Alsheri
Der Passagier von Sitz Nr. 2A soll neben Mohamed Atta einer der Piloten auf Flug AA 11 gewesen sein. Er hatte Wohnsitze in Florida und Massachusetts und gab als Geburtsdatum 1.9.1968 an. Zwei Wochen vor den Anschlägen soll Wail Alsheri von Saudi-Arabien aus in die USA eingereist sein. Laut der Nachrichtenagentur AP hat das FBI Hinweise, dass sich Wail Alsheri mit seinem Bruder Waleed Alsheri in der Nacht vor den Anschlägen in einem Hotel in Newton, einem Vorort von Boston, aufhielt.
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Satam Al Suquami
Angeblich saudi-arabischer Nationalität, geboren am 28. Juni 1976. In seinem US-Führerschein, ausgestellt in Florida, taucht die gleiche Adresse auf, die auch Wail Alsheri nutzte, der als einer Todespiloten auf Flug AA 11 gilt.
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Abdulazis Alomari
Soll mit seiner Frau und vier Kindern in Florida gelebt haben, wo er in Vero Beach Flugstunden nahm. Er gilt als einer der Todespiloten. Alomari benutzte als Geburtsdaten 24.12.1972 und 28.5.1979. Gemeinsam mit Mohamed Atta flog er am Tag vor den Anschlägen von Portland nach Boston, wo die beiden Männer in die Boeing umstiegen, die wenig später ins World Trade Center stürzen sollte.
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United Airlines Flug UA 175
United Airlines Flug UA 175 hob um 7:58 in Boston mit Ziel Los Angeles ab. Um 9:05 Uhr stürzte die Boeing 767 in den Südturm des World Trade Center. Auch in dieser Maschine saßen fünf Männer, die das FBI als mutmaßliche Entführer identifizierte.
Marwan Al-Shehhi
Nach Erkenntnissen des FBI steuerte der 23-Jährige das Flugzeug, das den zweiten Turm des WTC traf. 1996 kam Al-Shehhi als Student mit einem Stipendium der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate nach Deutschland.
In Bonn besuchte er unter dem Namen Marwan Lekrab von 1997 bis 1999 ein Studienkolleg. Anschließend zog er nach Hamburg und schrieb sich an der Technischen Universität Harburg für Schiffbau ein.
In einer Islam-AG an der Uni traf er auf Mohamed Atta und Ziad Amir Jarrah, mit denen er eine gemeinsame Wohnung in der Harburger Marienstraße bezog. Alle drei meldeten 1999 ihre Pässe als verloren.
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Fayed Rashid Ahmed Hassan Al Qadi Banihammad
Als letzten bekannten Aufenthaltsort geben die US-Behörden Delray Beach in Florida an.
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Ahmed Alghamdi
Als letzten bekannten Aufenthaltsort geben die US-Behörden Delray Beach in Florida an. Ahmed Alghamdi soll sich nach Informationen von Interpol außerdem im US-Bundesstaat Virginia und in Saudi-Arabien aufgehalten haben.
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Hamza Alghamdi
Als letzten bekannten Aufenthaltsort geben die US-Behörden Delray Beach in Florida an.
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Mohand Alsheri
Als letzten bekannten Aufenthaltsort geben die US-Behörden Delray Beach in Florida an.
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American Airlines Flug AA 77
American Airlines Flug AA 77 startete um 8.10 Uhr in Washington-Dulles mit Ziel Los Angeles. Um 9.39 Uhr zerschellt die Maschine im südwestlichen Gebäudeteil des US-Verteidigungsministeriums, an Bord fünf mutmaßliche Terroristen.
Hani Hanjour
Als Wohnadressen von Hani Hanjour werden Phoenix/Arizona und San Diego angegeben, als Heimatadresse gilt Saudi-Arabien. Er soll in Scottsdale Flugunterricht genommen und 1999 seine Pilotenlizenz erworben haben.
Hanjour steuerte vermutlich die Maschine, die ins Pentagon stürzte. Kurz vor den Anschlägen trainierte er zusammen mit Majed Moqed, Khalid Almidhar, Nawaq Alhamzi und Salem Alhamzi in einem Fitness-Studio in Greenbelt, Maryland.
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Khalid Almidhar
Khalid Almidhar, der wahrscheinlich aus Saudi-Arabien stammt, lebte im vergangenen Jahr in San Diego, möglicherweise auch in Los Angeles und New York. In San Diego soll er zusammen mit Nawaq Alhamzi Flugunterricht genommen haben.
Im September 2000 mieteten beide Männer gemeinsam für einige Wochen ein Zimmer von Abdussattar Shaikh, einem pensionierten Professor der Universität und Mitbegründer der Islamischen Zentrums San Diego. Shaikh, der nicht als Verdächtiger gilt, informierte nach den Anschlägen die Behörden.
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Majed Moqed
Vermutlich saudi-arabischer Herkunft. Majed Moqed soll kurz vor den Anschlägen in einem Fitness-Studio in Greenbelt, Maryland trainiert haben - ebenso wie Khalid Almidhar, Nawaq Alhamzi, Salem Alhamzi und Hani Hanjour.
Am 5. September hob Moqed zusammen mit Hani Hanjour an einem Bankautomaten in Laurel, Maryland, Geld ab und wurde dabei von einer Videokamera gefilmt.
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Nawaq Alhamzi
Als Wohnadressen werden Fort Lee und Wayne (New Jersey) und Los Angeles angegeben. Nawaq Alhamzi, vermutlich saudi-arabischer Herkunft, nahm in San Diego zusammen mit Khalid Almidhra Flugstunden.
Im August 2001 hatte der CIA Informationen darüber, dass Nawaq Alhamzi zu dem Terrornetzwerk von Osama bin Laden gehört und möglicherweise dem Bombenanschlag auf den US-Zerstörer USS "Cole" im Jemen zu tun hat.
Das FBI setzte den Verdächtigen am 23. August auf die Fahndungsliste.
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Salem Alhamzi
Schon im Tschetschenien-Krieg sollen Salem Alhamzi und sein Bruder Nawaq nebeneinander gekämpft haben. Beide Brüder haben nach Ermittlungen der Behörden in Fort Lee und Wayne (New Jersey) gewohnt.
Seit August 2001 fahndete das FBI nach Salem Alhamzi, der verdächtig war, Mitglied des Terrornetzwerkes von Osama bin Laden zu sein.
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United Airlines Flug UA 93
United Airlines Flug UA 93 hebt um 8.42 Uhr in Newark mit Ziel San Francisco ab. Um 10.03 Uhr stürzt es in der Nähe von Pittsburg im US-Bundesstaat Pennsylvania ab. In der Boeing 757 saßen nach FBI-Ermittlungen nur vier mutmaßliche Terroristen.
Ziad Samir Jarrah
Der 26-Jährige kam 1996 aus dem Libanon nach Deutschland. Er lebte zunächst in Greifswald, zog 1997 nach Hamburg, wo er sich an der Fachhochschule für Flugzeugbau einschrieb. Zeitweise war Jarrah Mitglied in der Harbuger WG in der Marienstraße. Ab 1999 wohnte er bei seiner Freundin in Bochum, die ihn später als vermisst meldete.
Im Sommer 2000 reiste er in die USA, wo er Mohamed Atta und Marwan Al-Shehhi getroffen haben soll. Wie sie nahm er in Florida offenbar Flugunterricht.
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Saeed Alghamdi
Als letzten bekannten Aufenthaltsort geben die US-Behörden Delray Beach in Florida an.
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Ahmed Ibrahim A. Al Haznawi
Als letzten bekannten Aufenthaltsort geben die US-Behörden Delray Beach in Florida an, als Geburtsdatum 11. Oktober 1980. Möglicherweise saudi-arabischer Staatsbürger.
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Ahmed Alnami
Als letzten bekannten Aufenthaltsort geben die US-Behörden Delray Beach in Florida an.
Die derzeit von den USA meistgesuchten Terroristen finden Sie auf der FDBI-Website unter Most Wanted Terrorists
American Airlines Flug AA 11 startete um 7.45 Uhr in Boston mit Ziel Los Angeles. Um 8.45 Uhr raste die Boeing 767 in den Nordturm des World Trade Centers. Nach Angaben des FBI waren fünf Männer an Entführung und Absturz der Maschine beteiligt.
Mohamed Atta
Das FBI sieht in dem 33-jährigen Ägypter eine Schlüsselfigur für die Anschläge vom 11. September. Die Ermittler halten ihn für den Piloten der ersten Maschine, die das World Trade Center trifft.
1992 kam Mohamed Atta mit einem Architekturdiplom der Universität Kairo nach Hamburg, wo er sich an der Technischen Universität Harburg für Stadtplanung einschrieb. An der Uni initiierte er eine Islam-AG. In dieser Studentengruppe lernte Atta vermutlich zwei spätere Mit-Attentäter kennen: Ziad Amir Jarrah und Marwan Al-Shehhi. Alle drei meldeten 1999 fast zeitgleich ihre Pässe als verloren.
Im Jahr 2000 nahm Atta Flugunterricht in Florida. Dabei zeigte er sich besonders an Wendemanövern interessiert. Bis Mai 2001 pendelte Atta zwischen Hamburg und den USA, dann mietete er eine Wohnung in Hollywood, Florida. Sein Ticket für den Flug AA 11 buchte er Ende August per Kreditkarte im Internet. Er gilt als Kopf der Aktion.
Ambiguitätstoleranz kann man nicht lernen. Man kann sie höchstens trainieren. Kunst, Literatur, Musik mit ihrer Ambiguität sind ein gutes Trainingsmittel. Vor allem aber: Die Gesellschaft muss so beschaffen sein, dass möglichst viele Menschen mit sich selbst im Reinen sind. Abstiegsängste, das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, permanent überfordert zu sein, nicht an demokratischen Entscheidungsprozessen teilhaben zu können: All das führt zu einer ambivalenten Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit, und dies wiederum zu dem Wunsch, dass die Welt einfach, überschaubar, eben eindeutig ist.
Und wie verträgt sich Ambiguitätstoleranz mit dem mehrfachen, kompromisslosen Bekenntnis im Koran: „Es gibt keinen Gott außer Gott.“
Der eine Gott kann ja vieldeutig sprechen und eine Botschaft verkünden, die alle möglichen Auslegungen zulässt. Der Monotheismus mag vielleicht ein stärkeres Gefahrenpotenzial in sich bergen als andere Formen von Religion. Entscheidend ist aber nicht so sehr die Zahl der Götter, sondern die Akzeptanz oder Ablehnung der Vieldeutigkeit religiöser Texte.
Was ist für Sie eigentlich sinnvolle Islamkritik?
Natürlich kann man Muslime kritisieren, Strömungen innerhalb des Islams, etwa den Wahhabismus Saudi-Arabiens. Man muss das vielleicht sogar noch stärker tun. Dann würde man es sich gründlicher überlegen, ob man den Wahhabiten Saudi-Arabiens Panzer liefert. Man kann auch Religion generell kritisieren oder monotheistische Religionen im Speziellen. Auf der Ebene „des“ Islams, also des Islams insgesamt, weiß ich nicht, was hier sinnvolle Kritik sein sollte. Auf dieser Ebene kann man den Islam nur aus einer sehr spezifisch theologischen Perspektive kritisieren, also etwa das Gottesbild oder die Sündenlehre, man kann auch zwischen den Religionen vergleichen und aus der eigenen religiösen Perspektive bewerten. Ansonsten ist der Islam mit seinen zahlreichen Ausrichtungen und historischen Erscheinungsformen viel zu heterogen, um insgesamt „kritisiert“ zu werden. Darum geht es den sogenannten Islamkritikern allerdings auch nicht, die unter der Überschrift „Islamkritik“ nur ihre Ressentiments ausleben, wenn nicht rassistische Hetze betreiben.