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Schwulenbewegung: "Werdet stolz"

Wo ist er hin, der Elan, mit dem die „Rosa Radikalen“ in den Siebzigern für ihre Rechte kämpften? Die Veteranen der Schwulenbewegung sind grau geworden. Aber sie haben Nachfolger.

        

Der Film zum Aufbruch: Vor vierzig Jahren hatte Rosa von Praunheims Skandal-Werk „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ Premiere.
Der Film zum Aufbruch: Vor vierzig Jahren hatte Rosa von Praunheims Skandal-Werk „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ Premiere.
Foto: ullstein
GÖTTINGEN –  

Hörgerät? Gehhilfe? Ja, sowas kann so mancher der einstigen Revoluzzer heute gut gebrauchen. „Elend und Verfall“, scherzt einer, als sie sich wiedertreffen, die Veteranen der Schwulenbewegung. Vierzig Jahre sind vergangen seit der Premiere von Rosa von Praunheims Skandalfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Damals, im Jahr 1971, sollte Schluss sein mit Versteckspiel und Vereinzelung, damals zogen die Aktivisten mit wallenden Mähnen, engen Hosen und Schminke im Gesicht durch die Straßen. „Wir müssen den Mut haben, es jedem ins Gesicht zu sagen, dass wir schwul sind“ – das war ihr Motto. Sie hatten den Mut, und das hatte Folgen. In diesen Dezember-Tagen kommen sie, ergraut und teils leicht gebeugt, zusammen, um Anekdoten auszutauschen und Bilanz zu ziehen. Zum Beispiel am Wochenende im Tagungshaus Waldschlösschen bei Göttingen. Den romantischen Fachwerkbau mitten im Wald haben Schwule seit Anfang der Achtzigerjahre renoviert. Was ist geworden aus dem Elan der „Rosa Radikalen“? Und wer könnte daran anknüpfen, fragt sich da eine Runde von Zeitzeugen und Wissenschaftlern. Reicht es, sich gemütlich in der Mitte der Gesellschaft einzurichten?

Einst ein Tabubruch

Praunheims Film wird natürlich gezeigt im Waldschlösschen. Einst provozierte er Heteros und Homos gleichermaßen. Schon das Wort „schwul“ auszusprechen und die homosexuelle Subkultur zu zeigen, war ein Tabubruch. Zudem kritisierte der Film die Homosexuellen als feige, spießige und sich selbst hassende Gefangene ihrer eigenen Welt aus schummrigen Bars und Treffpunkten für schnellen Sex. In Agitprop-Manier wurden sie aufgefordert, für ihre Befreiung zu kämpfen. Die Direktheit der Texte, überwiegend verfasst vom Sexualforscher Martin Dannecker, stieß bei bürgerlichen Homos auf Ablehnung. „Wir schwulen Säue wollen endlich Menschen werden...“ – das wurde als Nestbeschmutzung empfunden.

Nach der Aufführung des Films, der bereits auf der Berlinale von 1971 für Furore sorgte, kam es an vielen Orten, besonders in Universitätsstädten, zur Gründung von Homo-Gruppen. Ein Spätsommer der heißen Diskussionen: Die Aktionsgruppen waren linksradikal, kapitalismuskritisch und von der 68er-Bewegung geprägt. „Werdet stolz auf Eure Homosexualität“, heißt es im Praunheim-Film. Die Schwulen sollten raus aus den öffentlichen Toiletten, den auch „Klappen“ genannten heimlichen Sex-Orten, und rein in die Straßen.

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Autor:  Hans-Hermann Kotte
Datum:  12 | 12 | 2011
Seiten:  1 2
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