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Wikileaks: Die Anarchie der Transparenz

Für sie sind die Veröffentlichungen der Enthüllungsplattform das Symbol des Übergangs in die oft beschworene „Informationsgesellschaft“. Es geht auch nicht mehr darum, ob man Wikileaks gut oder schlecht findet, sondern wie wir mit dem Phänomen umgehen. Zwölf Thesen dazu.

Die zumal unter Politikern verbreitete Hoffnung, dass etwas geheim bleibt, ist durch die Veröffentlichung von Wikileaks nachhaltig erschüttert worden.
Die zumal unter Politikern verbreitete Hoffnung, dass etwas geheim bleibt, ist durch die Veröffentlichung von Wikileaks nachhaltig erschüttert worden.
Foto: IMAGO

These 0:

„Was denken Sie über Wikileaks? Ich glaube, es wäre eine gute Idee!“ (frei nach Mahatma Gandhis geistreicher Bemerkung über die „westliche Zivilisation“).

These 1:

Enthüllungen und undichte Stellen hat es zu allen Zeiten gegeben, doch niemals zuvor hat eine nicht-staatliche und von Konzerninteressen unabhängige Organisation einen so großen Coup gelandet wie Wikileaks. Angefangen mit dem „Collateral Murder“-Video, dann mit den „Afghan War Logs“ und schließlich mit „Cablegate“ sieht es jetzt so aus, als hätten wir einen Moment erreicht, in dem schiere Quantität sich in Qualität verwandelt.

In einem gewissen Sinne können die „kolossalen“ Enthüllungen der Internetplattform mit der weit fortgeschrittenen und verbreiteten Informationstechnologie erklärt werden. Ein weiterer Aspekt ist, dass es immer schwieriger wird, staatliche und firmeneigene Geheimnisse zu sichern, schließlich leben wir im digitalen Zeitalter fortwährender Reproduzierbarkeit und globaler Verbreitung. Wikileaks avanciert vor diesem Hintergrund zum Symbol einer großen Veränderung, eines Übergangs in die viel und gerne beschworene „Informationsgesellschaft“ – doch jetzt wird es ernst, so wird unsere Zukunft aussehen. Selbstverständlich kann man Wikileaks als ein (politisches) Projekt betrachten und sogar, wie in der letzten Zeit immer wieder geschehen, für sein Gebaren kritisieren, doch sollte man es auch als ein Pilotprojekt verstehen, als einen Schritt auf dem Weg in eine sehr viel anarchischere Kultur jenseits der uns vertrauten politischen Kategorien wie Offenheit und Transparenz.

These 2:

Ob nun zum Besseren oder Schlechteren: Wikileaks hat sich selbst in die schwindelerregenden Höhen der internationalen Politik katapultiert. Wie aus dem Nichts tauchte die Internetplattform als ernstzunehmender Akteur nicht nur auf der Weltbühne auf, sondern mischt sich auch in die inneren Angelegenheiten einiger Staaten ein. Julian Assange, das mittlerweile weltberühmte Gesicht von Wikileaks, glaubt tatsächlich, dass eine nicht-staatliche und von Konzernen unabhängige Organisation in der selben Gewichtsklasse boxt wie die US-Regierung.

Wir können in diesem Zusammenhang auch von einer Talibanisierung der postmodernen Theorie sprechen, wonach wir in einer „flachen Welt“ leben, in der Maßstäbe, Zeit und Ort eine immer geringere Rolle spielen und sich stattdessen alles in einer großen Gleichzeitigkeit versammelt. Was zählt, ist das Berühmtsein für wenige Augenblicke – die mediale Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt. Wikileaks gewinnt diese Aufmerksamkeit durch spektakuläre Hacker-Aktionen, wo andere Gruppen etwa aus dem Bereich der Entwicklungshilfe und der Menschenrechte sehr mühsam, geradezu verzweifelt darum kämpfen, ihrer Botschaft Gehör zu verschaffen. Wikileaks nutzt auf geniale Weise die Geschwindigkeit der Informationstechnologien – es nutzt sie, um sie zugleich hinter sich zu lassen und in die wirkliche Welt der Politik einzufallen.

These 3:

In der zur Zeit aufgeführten Sage „Der Untergang des US-Imperiums“ erscheint Wikileaks als Mörder eines eher „weichen“ Ziels. Es wäre schwer vorstellbar, in gleicher Weise gegen die russische oder chinesische Regierung vorzugehen – und selbst in Singapur hätten die großen Enthüller wohl ihre Schwierigkeiten. Die USA waren also ein vergleichsweise leichter Gegner.

Nun hat Julian Assange die internationalen Banken und die multinationalen Konzerne zum nächsten Ziel auserkoren. Hier gibt es allerdings einige andere Hürden zu nehmen, etwa die kultureller und sprachlicher Art, aber auch solche, die mit anderen Machtverhältnissen zu tun haben, schließlich finden sich weltweit operierende Konzerne auch in solchen Ländern, die mit Demokratie eher weniger zu tun haben. Hier bekommen wir es also mit einer anderen Gewichtsklasse zu tun. Selbst wenn wir – im besten Falle – von einer gemeinsamen Kultur der Hacker, Infoaktivisten und investigativen Journalisten ausgehen könnten, von einem gemeinsamen Projekt also, bleiben die Unterschiede zu dem neuen internationalen Umfeld enorm. Anders gesagt, erweist sich Wikileaks in seiner gegenwärtigen Verfassung als ein typisch westliches Produkt und kann für sich keineswegs universelle oder auch nur globale Geltung beanspruchen.

These 4:

Einer der Hauptgründe, warum es so schwierig ist, Wikileaks zu erklären, liegt darin, dass für uns, aber auch die Leute bei Wikileaks nicht klar ist, ob es sich hierbei um einen Anbieter bestimmter, zumal brisanter Inhalte oder eine Art neutrales Trägermedium für „durchgesickerte“ Informationen handelt – je nach Umständen, scheint man sich für die eine oder andere Variante zu entscheiden.

Julian Assange zuckt jedes Mal zusammen, wenn er wieder einmal als Chefredakteur von Wikileaks porträtiert wird, andererseits behauptet Wikileaks, sein Material vor der Veröffentlichung genau zu prüfen und damit einer redaktionellen Behandlung zu unterziehen, woran Hunderte von freiwilligen Analysten beteiligt seien. Was denn nun? Die Debatte „Inhalt versus Träger“ wird seit Jahrzehnten unter den Medienaktivisten geführt und hat bislang zu keinen klaren Ergebnissen geführt. Deswegen empfiehlt es sich, statt irgendwelche Debatten fortzuführen und Inkonsistenzen im Theoriedesign zu bearbeiten, neue und vor allem kritische Konzepte für alles zu entwickeln, was uns seit einiger Zeit als hybride Publikationspraxis begegnet: Wir bekommen es nämlich mit Akteuren zu tun, die sich nicht länger in den Biotopen der etablierten oder professionellen Massenmedien bewegen.

Die Autoren
FR-Spezial zu Wikileaks

Geert Lovink (1959 in Amsterdam geboren) ist Medienwissenschaftler und Netzaktivist. Er ist Gründungsdirektor des medientheoretischen Institute of Network Cultures (INC) mit Sitz an der Hogeschool van Amsterdam und unterrichtet an der European Graduate School. Auf Deutsch ist zuletzt von ihm erschienen: „Zero Comments. Elemente einer kritischen Internetkultur“, transcript Verlag, Bielefeld 2008.

Patrice Riemens (1950 in Amsterdam geboren ) ist eigentlich Geograph, denkt als „FLOSSopher“ (free liberal open source and software) über die Bedeutung von freien Zugängen im digitalen Zeitalter nach und arbeitet ebenfalls in der Amsterdamer Waag Society.

Der vorliegende, leicht gekürzte Text wird mit einer Reihe weiterer Essays im Januar in einem Buch über Wikileaks in der Edition Suhrkamp erscheinen. (fr)

Alle Texte, Fotostrecken und Videos zur spektakulären Veröffentlichung vertraulicher Dokumente aus dem Auswärtigen Amt der USA finden Sie im FR-Spezial zum Thema.

These 5

Der traditionelle investigative Journalismus bestand aus drei Phasen: Tatsachen ermitteln, Tatsachen prüfen und Tatsachen in einen politischen (oder anderen) Kontext einbetten. Wikileaks tut das erste und beansprucht, auch noch das zweite zu tun, das dritte allerdings findet nicht statt. Dies ist typisch für ein Unternehmen, das sich der Open-Access-Ideologie verdankt, wobei die Losung vom offenen Zugang für alle offen lässt, wo und wie der Inhalt, den man hier zu enthüllen vorgibt, eigentlich produziert worden ist. Er kommt irgendwie von da „draußen“.

Die Krise des investigativen Journalismus wird hier weder verstanden noch überhaupt bemerkt. Wie sich die Informationsproduzenten gegenseitig beeinflussen und welche Interessen sie mit der Veröffentlichung verbinden, bleibt ebenfalls im Dunkeln. Vielmehr geht man davon aus, nur den reinen Inhalt, eben Dokumente zu veröffentlichen – die traditionellen Medien werden dann schon alles überprüfen. Das aber geschieht nicht automatisch. Die Geschichte der „Afghan War Logs“ und von „Cablegate“ zeigt, dass Wikileaks sehr wohl mit den traditionellen Medien zusammenarbeitet, um die eigene Glaubwürdigkeit zu sichern. Das zeigt aber auf der anderen Seite, dass Wikileaks selbst nicht in der Lage ist, mit seinem Material angemessen umzugehen, obwohl man dort nicht umhinkommt, seine Informationen nach irgendwelchen Kriterien zu filtern.

These 6

Wikileaks ist eine typische SPO („Single Person Organisation“ – Einzelpersonen-Organisation). Initiative, Entscheidungsfindung und Ausführungsprozess sind weitgehend zentralisiert: Sie liegen in der Hand eines einzigen Individuums. Ähnlich wie in kleinen und mittelständischen Unternehmen kann ihr Gründer nicht abgewählt werden, und anders als in vielen Kollektiven, gibt es keine Rotation auf der Führungsebene.

Das ist nichts Ungewöhnliches für Organisationen, unabhängig davon, ob sie im Bereich der Politik, Kultur oder Zivilgesellschaft operieren. SPOs haben einen hohen Wiedererkennungswert, sind aufregend, inspirierend, und medial leicht darstellbar. Ihre Nachhaltigkeit hängt aber stark von den Handlungen ihrer charismatischen Führungsfigur ab, und ihre Funktionsweise ist schwer mit demokratischen Werten in Einklang zu bringen. Deshalb sind sie auch schwer zu reproduzieren und wachsen nur langsam. Der souveräne Hacker Julian Assange ist die Galionsfigur der Plattform Wikileaks, deren notorischer Ruf sich mit dem seinen mischt. So verfließen die Grenzen zwischen dem, was Wikileaks tut, für was es steht, und Assanges eher unruhigem Privatleben und seiner etwas ungehobelten politischen Meinung.

These 7

Wikileaks wirft die Frage auf, was Hacker mit Geheimdiensten gemeinsam haben, denn eine punktuelle Affinität zwischen beiden ist unübersehbar. Ihre Hassliebe reicht zurück bis zu den frühen Anfängen des Informations-Zeitalters. Man braucht kein Anhänger des deutschen Medientheoretikers Friedrich Kittler zu sein – oder spezieller: von Verschwörungstheorien – um anzuerkennen, dass Computer ein Geschöpf der Militär-Industrie sind.

Wikileaks ist auch stark beeinflusst von der Hacker-Kultur der 80er Jahre und den politischen Werten des in den 90ern aufkommenden Technoliberalismus. Um ihre Werte und Aktionen zu verstehen, ist es unabdingbar darauf zu verweisen, dass Wikileaks von Hardcore-Nerds gegründet wurde und auch heute noch größtenteils von ihnen betrieben wird. Dazu kommt bedauerlicherweise eine kräftige Dosis wenig appetitlicher Aspekte der Hacker-Kultur. Der Weltverbesserungs-Idealismus von Wikileaks ist nicht von der Hand zu weisen, ganz im Gegenteil. Aber dieser Idealismus (man könnte auch sagen: Anarchismus) ist gepaart mit einem Hang zu Verschwörungen, einer elitären Attitüde und Geheimhaltungskult (herablassendes Benehmen ist kein Problem). All dies ist der Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten wenig dienlich. Sie werden reduziert auf die Rolle von Konsumenten der Wikileaks-Veröffentlichungen.

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Autor:  Geert Lovink und Patrice Riemens
Datum:  6 | 12 | 2010
Seiten:  1 2
Kommentare:  9
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