Kolumne

Deutscher Irrwitz

Gegen die Rezession gibt es ein Rezept: Nicht wundern, sondern handeln. Dann klappt's auch mit der Nachfrage.
VON MARIO MÜLLER

Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben", lästerte Kurt Tucholsky. Wenn es demnächst noch mehr Leuten an Geld mangelt, weil es mit der Konjunktur weiter bergab geht, sollten sie sich indes nicht über die Nationalökonomie wundern. Sondern über den hierzulande in wirtschaftspolitischen Angelegenheiten herrschenden Irrwitz.

Er zeigt sich beispielsweise als Wahrnehmungsstörung. Was, die Wirtschaft ist geschrumpft und droht in eine Rezession abzugleiten? Alles halb so wild, schließlich ist das erste Halbjahr doch "recht ordentlich" gelaufen, meint Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Immerhin scheint der CSU-Politiker aber mit Schlimmerem zu rechnen und hat deshalb schon einmal eine Art staatlichen Impuls ins Gespräch gebracht. Die SPD übt sich derweil in Verdrängen. Man möge doch bitte nicht mit Kanonen (Ankurbelungsprogrammen) auf Spatzen (die Konjunktur) schießen, findet die Partei-Linke Andrea Nahles zu einem Vergleich, der die manische Depression der Sozialdemokraten schön widerspiegelt.

Den Vogel schießt jedoch Norbert Walter ab. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank rechnet zwar mit einer Rezession; gegen den Abschwung gebe es aber kein Mittel, er sei eine notwendige Korrektur und jeglicher Versuch, mit Geldspritzen dagegen zu halten, von Übel, behauptet Walter. Einmal in Fahrt, empfiehlt er der Europäischen Zentralbank, die Leitzinsen zu erhöhen, falls die Lohnabschlüsse in den bevorstehenden Tarifrunden "so hoch bleiben".

Der Wahnsinn hat Methode. Dahinter steht nicht nur der Glaube, dass es die Märkte schon richten, wenn sich der Staat nur heraushält, sondern auch die Vorstellung von der notwendigen, weil reinigenden Krise: Erst müssen Produktionskapazitäten und damit Arbeitsplätze vernichtet werden, damit es dann "ballastfrei" aufwärts gehen kann. Diese Haltung könnte man als Sado-Masochismus bezeichnen, würde sie nicht überwiegend von jenen Leuten vertreten, die gegen finanzielle Schmerzen immun sind und Qualen gern anderen überlassen.

Zum Glück gibt es Stimmen, die die ökonomischen und gesellschaftlichen Kosten des Nichtstuns für untragbar und deshalb ein Eingreifen des Staats für erforderlich halten. Sie kommen sogar aus der Deutschen Bank, wenn auch aus deren Büros in London, wo die hiesige Phobie vor Keynes\' Rezepten auf Unverständnis stößt. Man müsse kein überzeugter Keynesianer sein, um Konjunkturspritzen als Teil einer pragmatischen Wirtschaftspolitik zu befürworten, meint Walters Kollege Thomas Mayer und schlägt vor, ähnlich wie in den USA den privaten Konsum mit Hilfe von Steuerschecks anzukurbeln.

Das trifft den Punkt: Der vorausgegangene "Aufschwung" wurde in erster Linie vom Export getragen. Der private Verbrauch, der fast 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, kam dagegen nicht in die Gänge. Die hohe Arbeitslosigkeit, Lohndumping, stagnierende Einkommen sowie der Aufschlag auf die Mehrwertsteuer führten dazu, dass alle Beschäftigten im Schnitt noch weniger Geld in der Tasche haben.

Eine vernünftige Wirtschaftspolitik würde alles daran setzen, die Nachfrageschwäche zu beheben. Sie würde dafür auch höhere Schulden in Kauf nehmen. Denn die jetzt durch Untätigkeit drohenden Wachstumsverluste sind nie mehr wettzumachen. Dann braucht sich der Finanzminister nicht zu wundern, warum er kein Geld hat.

Mario Müller ist freier Autor.

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Dokument erstellt am 17.08.2008 um 16:20:20 Uhr
Letzte Änderung am 18.08.2008 um 11:21:56 Uhr
Erscheinungsdatum 18.08.2008

URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/?em_cnt=1546318&em_loc=31