Die Gebirgswelt der rumänischen Karpaten ist bizarr und eindrucksvoll - wahrlich kein Zufall, dass Bram Stoker hier seinen albtraumhaften Dracula angesiedelt hat. In dieser Bergwelt spielt Filip Florians Roman "Kleine Finger", feinfühlig übersetzt von Georg Aescht. Florian analysiert schmerzhaft und genau eine diktaturgeschundene Gesellschaft, erzählt aber gleichzeitig mit Sprach- und Fabulierlust eine phantastische und poetische Geschichte voller eigenwilliger Charaktere, die man so schnell nicht vergisst.
Als in einem Gebirgskurort ein Massengrab entdeckt wird, bricht dort Hysterie aus. Die archäologischen Grabungen werden sofort verboten und am Rand der Grube Untersuchungstische aufgebaut, an denen ein aggressiver Militärstaatsanwalt, ein ehrgeiziger Polizeichef und ein müder Gerichtsmediziner jedes Knöchlein begutachten. Mit den angereisten Bukarester Journalisten - die überall die alten, kriminellen Methoden entlarven wollen - sind sie sich einig: Sie sehen die Reste einer Massenhinrichtung aus den fünfziger Jahren. Daran zweifelt nur der Erzähler, der melancholische Archäologe Petrus; denn an den Skeletten ist keinerlei Gewalteinwirkung erkennbar.
Also befragt er seine Tante Paulina, die ihm ihre Träume anvertraut und aus dem Kaffeesatz weissagt, und er spricht mit den Nachbarn: mit der verrückten Lady Embury, der Königin der Katzen, am liebsten über Politik; mit Dumitru, der in seiner enteigneten Villa in einer Dachkammer wohnt und aus gefangenen Tauben Festmenüs bereitet, über die Schönheiten des untergegangenen, bürgerlichen Lebens.
Von den Gebeinen weiß keiner etwas - aber das fällt kaum auf. Die Lebensgeschichten sind schrecklich und spannend genug, und der Einfallsreichtum, den die Not herbeizwingt, scheint grenzenlos.
Das Buch
Filip Florian: Kleine Finger.
Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 269 S., 22,80 Euro.
Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 269 S., 22,80 Euro.
Aber Filip Florian, der 1968 in Bukarest geboren ist, Geologie und Geophysik studiert hat und als brillanter Journalist bekannt geworden ist, geht es nicht um bizarre Szenarien, sondern um eine menschliche Wahrheit, die sich hinter Lügen, Scham und Misstrauen verbirgt. Anders als Mircea Cartarescu, der seine Helden als Abenteurer in die Windungen ihres eigenen Gehirns schickt und mythische Welten über und unter der Erde erfindet, folgt Florian dem unberechenbaren, postkommunistischen Alltag wie ein Feldforscher und entdeckt hinter dessen ganzem Irrsinn neben Skrupellosigkeit auch überraschend viel Zärtlichkeit.
Günstiger Boden also für eine verschämte Liebesgeschichte, die ruppig beginnt, kaum Zukunft hat und daher den armen Petrus auch nicht von seinen Magenschmerzen erlöst. Doch wird sie mit so viel Zartgefühl und Humor erzählt, als ruhte alle Hoffnung der Welt auf ihr. Dieses Glück ist, genau wie Onufries Eigensinn, ein Balanceakt, der mit bitterem Sarkasmus erkauft ist. Ungetrübte Freude findet der Leser dafür in der funkelnden Prosa dieses Romans, die noch den grausigsten Fund (die Pointe soll hier nicht verraten werden) sehenswert macht.