Peking. Chinas Konjunkturbarometer steht auf Sturm. Auf der Kanton-Messe in Guangzhou, die als wichtigstes Treffen der Exportindustrie und viel beachteter Indikator für die Gesamtwetterlage gilt, herrscht Krisenstimmung. "Wir haben nur noch halb so viele Aufträge wie im vergangenen Jahr", klagt der Vertreter einer Elektronikfirma, die Werbegeschenke wie individuell bedruckte USB-Sticks oder MP3-Spieler ausstellt. "Gemessen an den letzten Jahren ist nur ein Bruchteil der ausländischen Einkäufer gekommen."
Hatten 2007 noch 22 US-Großimporteure einen eigenen Stand, sind es diesmal nur vier. Wurden voriges Jahr Bestellungen im Wert von 30 Milliarden Dollar unterzeichnet, wird jetzt ein deutlicher Rückgang erwartet. "Die Finanzkrise macht unser Geschäft kaputt", sagt der Aussteller. "Für viele Unternehmen geht das an die Substanz."
China schien vom internationalen Börsenschmelzen zunächst weitgehend unbetroffen, doch nun machen sich die realwirtschaftlichen Folgen bemerkbar. Am Freitag meldete mit Smart Union einer der größten chinesischen Spielzeughersteller Konkurs an. Die Firma, die unter anderem die Marken Mattel und Disney belieferte, beschäftigte zuletzt 7000 Menschen. Anfang Oktober hatte der Möbelproduzent Omena, der vor allem für den US-Markt fertigte, seine Zahlungsfähigkeit erklärt. Viele Konzerne haben konjunkturbedingte Entlassungen oder Kurzarbeit angekündigt, darunter der Elektronikhersteller TCL oder die Autobauer Toyota und General Motors.
Mehr zur Finanzkrise
Ständig aktualisierter Ticker, Kommentare, Fotostrecken und Hintergründe im FR-Spezial.
Zwar ist China selbst weit von einer Rezession entfernt, doch dürfte die Wirtschaft nach jüngsten Schätzungen der Zentralbank 2008 nur um knapp zehn Prozent wachsen, nachdem es 2007 noch 11,9 Prozent waren. Für 2009 sind neun Prozent zu erwarten. Gemessen an den trüben Aussichten für westliche Industrieländer klingt das nicht dramatisch.
Doch die Wachstumszahlen in Schwellenländern sind nicht direkt mit denen entwickelter Volkswirtschaften vergleichbar. So bescheren das niedrige Ausgangsniveau, die in die Städte drängende Landbevölkerung und die günstige Demografie China ein Grundwachstum von fünf bis sechs Prozent, wie Experten der Chinesischen Akademie der Wissenschaften schätzen. Sollte China diesen Wert unterschreiten, wäre mit Rezessions-Symptomen zu rechnen, insbesondere mit einem starker Anstieg der Arbeitslosigkeit und einem deutlichen Konsumrückgang. Es gibt hier und da bereits beängstigende Anzeichen: So ergab im August eine Umfrage unter Uniabsolventen, dass 80 Prozent von ihnen keine Arbeit finden.