Finanzkrise

Der Deregulierungsrat

VON ROBERT VON HEUSINGER

Die Krise an den Hörnern packen
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Die Krise an den Hörnern packen (Bild: rtr)
Sechs Männer, ein Bekenntnis: Der freie Markt wird es schon richten. Das war zwar gestern, bevor der unregulierte Kapitalmarkt seine wahre Zerstörungskraft gezeigt hat. Doch so richtig Vertrauen erweckend ist die durch und durch wirtschaftsliberale Truppe nicht, die die Regierung zusammengestellt hat. Keines der Mitglieder kann sich rühmen, in den vergangenen Jahren den ungezügelten Finanzkapitalismus hörbar kritisiert zu haben.

Besondere Meriten bei der Deregulierung hat sich Jörg Asmussen verdient. Asmussen, inzwischen Staatssekretär im Finanzministerium und Minister Steinbrücks wichtigster Mann, handelte bislang nach der Maxime: Was gut für die Finanzindustrie ist, ist auch gut für Deutschland. Der Beamte, der schon seit 1996 dem Ministerium angehört, geriet erstmals als Aufsichtsratsmitglied der Mittelstandsbank IKB in die Kritik.

Die IKB hatte sich mit hochspekulativen Engagements am US-Immobilienmarkt verzockt. Auch seine Begeisterung für die modernen Finanzprodukte bescherten ihm bereits öffentliche Prügel. Weniger bekannt ist, dass er den Anlagezertifikaten, die die deutschen Sparer derzeit quälen, stets Rückendeckung gab. Dabei waren sie nichts anderes als reine Regulierungsarbitrage.

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Während die Fonds strikten Regeln unterliegen, sind die Banken bei der Auflage der Zertifikate völlig frei, können selbst versteckt zehn Prozent Gebühren verlangen. Und wie geht es weiter, wenn mal kein Platz im Ministerium sein wird? Er könne sich auch eine Anstellung bei einer Bank vorstellen, sagte Asmussen mal ganz freimütig.

Otmar Issing dagegen hätten weder Freund noch Feind je einen Beraterjob bei einer Bank zugetraut, nachdem er wie kaum ein Zweiter jahrzehntelang dem Staat als Chefvolkswirt erst der Bundesbank und später der Europäischen Zentralbank gedient hatte.

Doch nur wenige Monate nach seinem Ausscheiden aus der Zentralbank heuerte er bei Goldman Sachs an, der blaublütigen US-Investmentbank, dem größten Hedgefonds der Welt. Issing, der die Kommission leitet, hat als einer der ersten das Thema Blasen an den Finanzmärkten für die Geldpolitik entdeckt.

Finanzmarktarchitektur
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hofft nach dem ersten Treffen der von der Bundesregierung berufenen Expertenkommission auf schnelle Vorschläge zur Reform der internationalen Finanzmärkte. "Die Zeit drängt", sagte Merkel. Es gehe darum, beim Weltfinanzgipfel in Washington am 15. November bereits einen Auftrag für weitere Verhandlungen zu erteilen. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) sagte, der Problemdruck zur Regulierung der Finanzmärkte sei noch nie so groß gewesen. Am 13. November soll die Gruppe einen ersten Bericht vorlegen.

Das Gremium mit dem Namen "Neue Finanzmarktarchitektur" soll Vorschläge zur Verhinderung von Finanzmarktkrisen unterbreiten. Ziel sei "ein Ordnungsrahmen, der Fehlentwicklungen so weit wie möglich verhindert". Dazu könne die Erhöhung der Transparenz, die Sicherstellung nachhaltiger Anreizstrukturen für Banker, die Schärfung der europäischen und internationalen Aufsichtsstrukturen sowie eine Verbesserung der Strukturen internationaler Kooperation gehören. Grundlage soll eine umfassende Analyse der Krise sein.
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Seine Sympathie galt der Vorstellung, die Notenbank müsse sich gegen den Wind lehnen und bei Übertreibungen an den Märkten eine restriktivere Geldpolitik betreiben – zulasten freilich der Realwirtschaft. Die viel zu schwachen Regulierung war für ihn kein Thema.

In die gleiche Kategorie wie Issing gehört Klaus Regling. Auch er ein Makroökonom deutscher Tradition. In der Öffentlichkeit ist er als Mister Stabilitätspakt bekannt. Als EU-Generaldirektor für Wirtschaft und Währung hat er Deutschland mitten in der konjunkturellen Flaute 2002 bis 2004 einen strikten Sparkurs verordnet, weshalb später der Stabilitätspakt aufgeweicht wurde. Regling, der inzwischen an der Uni in Singapur lehrt, hat auch schon mal bei dem Hedgefonds Moore Capital Strategy Group gearbeitet.

Jens Weidmann blickt auch auf eine steile Karriere zurück. Leiter des Stabs im Sachverständigenrat, danach Vize-Leiter der Abteilung Volkswirtschaft in der Bundesbank und seit Frühjahr 2006 Wirtschaftsberater der Kanzlerin. Der pragmatische Ökonom sei lernfähig, heißt es in seinem Umfeld. Konnte er sich vor drei Jahren noch nicht vorstellen, dass der Staat Finanzinvestoren bremsen darf, die ein Unternehmen zerschlagen wollen, so bastelte er später kräftig am Gesetz zum Schutz vor ausländischen Investoren mit.

Ein Glücksfall ist ohne Zweifel Jan Pieter Krahnen, der Frankfurter Finanzprofessor. Er kennt die Märkte wie kaum ein Zweiter in Deutschland. Sein neuestes Paper zur Regulierung von verbrieften Wertpapieren gilt weltweit als Referenz. Sein Charme: Er lasse sich von seinen Forschungergebnissen leiten, weiß ein enger Mitstreiter. Er gebe zwar den Liberalen, wenn er über Gott und die Welt plaudere. Doch je besser er sich auskenne, desto entschiedener arbeite er die Schwachpunkte des unregulierten Kapitalmarktes heraus.

Ebenfalls als Überraschung darf William White gelten, Ex-Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Unter seiner Regie hat die BIZ als erste Regierungsorganisation relativ klar auf die Gefahren für das weltweite Finanzsystem durch die neuen Spieler und Produkte hingewiesen. Allerdings macht auch White eher die laxe Geldpolitik für die Krise verantwortlich, als die laxe Regulierung.

Hoffen wir, dass sich die liberalen Kommissionsmitglieder des großen Ökonomen John Maynard Keynes erinnern. Er sagte mal: Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was würden Sie tun, mein Herr?

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Dokument erstellt am 28.10.2008 um 17:44:02 Uhr
Letzte Änderung am 29.10.2008 um 16:44:53 Uhr
Erscheinungsdatum 29.10.2008

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