"Wir brauchen Geld und Experten"

Rolf Richter zur schwierigen Lage der Schulbibliotheken im Main-Taunus-Kreis
Herr Richter, Studien belegen, dass Schüler von Schulen mit guten Bibliotheken bei Leistungstests deutlich besser abschneiden als Schüler anderer Schulen. Was ist eine gute Schulbibliothek?

Für eine gute Schulbibliothek braucht man natürlich erst mal eine Menge guter Bücher - zehn pro Schüler wären ideal, und dazu die Möglichkeit, den Bestand laufend zu erneuern. Wichtig sind außerdem lange Öffnungszeiten und gut ausgebildetes Personal - Bibliothekare, die in den Schulen arbeiten und Lehrer, die entsprechend ausgebildet sind. Südtirol ist in dieser Hinsicht vorbildlich. Dort hat jede Schule zumindest eine Bibliotheksfachkraft, außerdem funktioniert die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und Schulbibliotheken sehr gut.

Wie läuft das in Deutschland und konkret im Main-Taunus-Kreis?

Zur Person
Rolf Richter ist stellvertretender Schulleiter der Hofheimer Gesamtschule am Rosenberg. Er engagiert sich außerdem im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen. Seit 1990 wird unter seiner Leitung die Schulbibliothek am Rosenberg aufgebaut. 49 Schulbibliotheken gibt es insgesamt im Main-Taunus-Kreis. Für die Anschaffung neuer Bücher stellt der Kreis im Jahr 88 000 Euro zur Verfügung.
Bei uns gibt es noch relativ wenige Ansätze, Bibliotheksfachpersonal in die Schulen zu holen. Hier am Rosenberg wird die Bücherei von Honorarkräften geführt - einem Buchhändler und einer Mutter ehemaliger Schüler. Außerdem kümmern sich zwei Lehrer um die Organisation. Und es gibt eine Schülerarbeitsgruppe, die sich in der Bibliothek engagiert, Neuerscheinungen bewertet und Wunschzettel schreibt. Dabei geschieht aber vieles auf Zuruf, wir machen sicher Fehler. Speziell ausgebildet ist niemand für den Job.

Warum wäre es denn so wichtig, dass Bibliothekare in den Schulbüchereien arbeiten?

Weil das Fachkräfte sind, die wissen, wie man eine Bibliothek konzipiert, wie man sie aufbaut, den Bestand pflegt, für die Nutzer erschließt und Geld auftreibt, um neue Bücher zu kaufen. Auch Hinweise zur Organisation von Autorenlesungen oder Unterstützung bei anderen Aktionen zur Leseförderung könnten wir auf diese Weise bekommen.

War eine solche Zusammenarbeit mit Fachstellen bisher nie Thema im Kreis?

Es gibt zu wenige, nur eineinhalb Stellen für Bibliotheksfachpersonal im Kreis. Die sind an der Bücherei der Hofheimer Main-Taunus-Schule, die gleichzeitig Kreisbibliothek ist. Aber eigentlich brauchen alle 49 Schulbibliotheken anteilig dieses Fachpersonal. Außerdem fehlt ein Konzept, wie die Zusammenarbeit mit anderen Schulen laufen kann. Beides haben wir bereits mehrfach angeregt. Bislang standen da allerdings immer die Kosten im Weg.

Apropos Kosten: Wie finanzieren Sie die Schulbibliothek am Rosenberg?

Die Kosten für den Neubau, der zu Beginn des Schuljahres eröffnet wurde, hat der Main-Taunus-Kreis übernommen. Ansonsten bekommen wir pro Jahr 800 Euro vom Kreis für die Anschaffung neuer Bücher. Das ist nicht besonders viel Geld. Damit können wir unseren Bestand um gerade mal 60 Bücher im Jahr aufstocken. Bei insgesamt 6000 Büchern und Medien bräuchten wir im Grunde zehn Mal so viel Geld, um den Bestand zu aktualisieren und langsam auszubauen. Schule und Förderverein helfen uns zwar finanziell, aber beim Fundraising stehen wir aber noch am Anfang.

Was könnte das Argument für Politik und Wirtschaft sein, sich mehr für Schulbibliotheken finanziell zu engagieren?

Die Schulbibliothek ist eine einzigartige Lernwerkstatt, in der alle Kompetenzen rund ums Lesen gebildet und gefördert werden. Wir schaffen es hier, alle Schüler ans Lesen zu führen, auch Kinder aus bildungsfernen Schichten. Gut 50 Prozent der Bücher in unserer Bibliothek sind übrigens Sachbücher, die die Schüler für selbständiges Arbeiten sowie Recherchen für Referate und Abschlussarbeiten nutzen können.

Interview: Andrea Rost

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Dokument erstellt am 28.10.2008 um 17:48:02 Uhr
Erscheinungsdatum 29.10.2008

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