Wirtschaftsprofessor

Der Crash-Prophet

VON JOACHIM WILLE

Krisen-Guru
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Krisen-Guru (Bild: privat)
"Wer hat noch keinen Crash?" Der Mann am Bücherstand erntet ein paar gequälte Lacher. 80 Exemplare seines Bestsellers hat er mitgebracht, eines ist noch übrig. "Na, das letzte wird doch noch jemand haben wollen", sagt er. Und behält recht.

Max Otte, 44, hat "Der Crash kommt" vor zwei Jahren geschrieen. Der Wirtschaftsprofessor an der Fachhochschule Worms sagt darin die Implosion des globalen Finanzwesens voraus. Weil die Ankündigung eintraf, ist aus dem nüchternen Otte inzwischen ein Medienstar mit einem Interviewschnitt von zwei pro Tag geworden. Auf dem Cover wurde die "neue Weltwirtschaftskrise" bereits angekündigt, als während des jüngsten Aufschwungs keiner von so etwas wissen wollte. Nun hoffen viele, dass der Professor ihnen sagt, wohin das alles führen wird. Und vor allem: Wie sie sich die persönliche Rettungsweste schneidern können.

Voller Terminkalender


500 Leute haben sich an diesem Abend in die Aula der Fachhochschule in der alten Kaiserstadt am Rhein gequetscht. Eigentlich passen nur 380 rein, also müssen sich viele auf die Treppen setzen. "Ein Sit-in", wird der neue Finanzguru später sagen, "so'n bisschen der Geist von 68.

Die Dame links in der ersten Zuhörerreihe, im Bürokostüm, so um die 50, ist Kassenfrau bei der Volksbank. Sie spielt nervös mit ihrem Namensschild, das sie eben noch am Revers trug. Viele Kunden, erzählt sie, verkaufen ihre Fonds, manche ziehen sogar ihr Geld ab. Und das bei der seriösen Volksbank. "Die Berater verkaufen fast nichts mehr", berichtet sie, "wo soll das hinführen?"

Der Herr rechts, Wormser alten Schlags, sitzt noch auf seinen Aktien. "Verkaufen hat keinen Sinn mehr, hab' zu lange gewartet", sagt er und schüttelt den Kopf. Er will die Krise aussitzen. Muss ja. Zum Glück braucht er das Geld jetzt nicht. Aber was, wenn sich die Börsen nicht erholen? "Ja, was dann?"

Otte kommt. Er genießt, obwohl müde und abgekämpft vom langen Tag, sichtlich die neue Rolle als Mann, der nicht nur etwas zu sagen hat, sondern dem man auch zuhört. Er hat einen langen Tag hinter sich, Termine eng getaktet, ist aus Köln, wo er wohnt, schon früh nach Frankfurt gefahren zu einer Anlegerkonferenz, dann Termin im Hessischen Rundfunk, nun Heimspiel in Worms. Morgen geht es nach Wien, wo der ORF eine TV-Diskussion mit ihm macht.

"Es war eine Finanzwelt auf Koks", sagt Dozent Otte zu seiner ersten Folie. Sie zeigt die Entwicklung der US-Wirtschaftsleistung binnen 25 Jahren - plus 300 Prozent. Und dazu die des Dow Jones-Index - plus 1200 Prozent. Viermal so viel. Finanz-und Realwelt, erläutert der Professor, entkoppelten sich immer mehr. "Alan Greenspan hat sehr viel Geld drucken lassen", sagt er über den einst legendären ehemaligen Boss der US-Notenbank, der die Kreditzinsen Richtung Nulllinie drückte. Die Finanzwelt sei mit Billiggeld aufgeputscht worden, "und die brauchte immer mehr von dem Zeug". Bis zum Kollaps, wie bei einem Junkie. Die Geldblase, doziert Otte, musste einfach irgendwann platzen.

Ein Haufen Frager in der Aula


Der Professor läuft zur Form auf. Erzählt Dinge, die unglaublich sind, aber wohl wahr. Von "liar loans" zum Beispiel. Lügenkrediten, die US-Hypothekenbanken Immobilienbesitzern einräumten - einfach nur aufgrund von ungeprüften Angaben über ihr Einkommen. Und von Krediten ohne Tilgung, bei denen die Zinsen gleich mitfinanziert wurden, der Kreditnehmer also am Ende höher verschuldet ist als am Anfang.

Oder die, leider wahre, Anekdote von einem US-Politiker, der als probates Mittel zur Behebung der ökonomischen Krise nach 9/11 und dem Platzen der Internet-Blase ausrief: "Lasst uns alle einander an der Hand nehmen und einen SUV kaufen", einen jener monströsen Geländewagen für die Stadt. Was man dann auch tat. Auf Pump natürlich. Ja, überhaupt, die US-Konsumenten, jene unerschrockene "Infanterie des Kapitalismus", die kauft, kauft, kauft - trotz Schulden. Das heißt: kaufte. Nun ist alles anders.

Der Professor trifft den Nerv der Leute. Spricht über die Gier, die auch in Deutschland grassierte. Klagt jene Managerkaste an, die "à la Schrempp" nur noch ans Abkassieren denkt. Höhnt über die Politiker, die den Bank-Bossen mit ihren überzogenen Renditevorstellungen und Forderungen nach Deregulierung auf den Finanzmärkten auch noch hinterhergelaufen seien. Auch Lafontaine, der Cheflinke, der im Verwaltungsrat der angeschlagenen KfW-Bank saß, kriegt sein Fett ab. Und die Zuhörer haben auch mal Grund zu lachen. Otte blendet zurück ins 18. Jahrhundert, erzählt vom berühmten Naturforscher Isaac Newton, der sich anno 1720 mit Südsee-Aktien verspekulierte - und feststellte: Er könne zwar die Bewegung der Himmelskörper berechnen, aber halt nicht "den Wahnsinn der Menschen".

Nur sind die Leute heute ja nicht zum Lachen gekommen, sondern weil sie Angst haben. Um ihre Spargroschen, um ihre Aktien, um ihre Rente. Als Ottes Vortrag fertig ist, bricht sich die Nervosität Bahn. Fragen? Jede Menge. Droht ein Staatsbankrott? Kommt eine neue Weltwirtschaftskrise? Wird der Euro verschwinden? Soll ich Gold kaufen - und wie viel von meinem Geld reinstecken? Jetzt in Aktien einsteigen - oder lieber nicht? Besser in Immobilien gehen? Und: Wird das Öl bald wieder teurer? Otte weiß fast immer eine Antwort. Aber nicht die Anwort.Das Platzen der Finanzblase konnte er zwar mit einer Zielgenauigkeit von ein, zwei Jahren voraussagen. Aber wie es nun weitergeht? Das sei weit weniger klar zu sehen. Otte rettet sich in die Wahrscheinlichkeitsrechnung. "Die Gefahr, dass es zu einem neuen 1929 kommt, liegt bei 20 Prozent." Die "erste Phase" der Rettungsaktion für die Banken sei "halbwegs vernünftig gelaufen", und auch auf die Merkel-Garantie für die Sparguthaben könne man sich verlassen. Jetzt komme es darauf an, wie die Realwirtschaft reagiere. Eigentlich sei eine Rezession ja etwas "Normales", sagt Otte, ein natürlicher Heilungsprozess. Bloß sei eben auch eine gefährliche Spirale nach unten möglich.

Otte macht Schluss. Er muss noch nach Köln. Drei Stunden Autobahn, Ankunft um Mitternacht. Er ist übermüdet. Zum Glück wird er gefahren. Auf dem Weg nach draußen gibt er zu: Die 20 Prozent waren wohl etwas optimistisch. "Könnten auch 33 Prozent sein", dass die Superkrise kommt.

Wer sein "Crash"-Buch gelesen hat, weiß: Ottes Sorgen sind größer, als er den Leuten ins Gesicht sagt. Sein gedrucktes Horrorkabinett: zweistellige Inflation, radikale Entwertung von Sparvermögen und Lebensversicherungen, Benzin für fünf Euro, Wohnungsmieten von 20, 30 Euro pro Quadratmeter, drastische Einschränkungen bei Rente, Krankenversorgung, Schulen und Hochschulen. Otte schreibt: "Wenn Sie sich das nicht vorstellen können, haben Sie wahrscheinlich wichtige Entwicklungen bisher nicht in Erwägung gezogen , die Ihre Lebensplanung massiv verändern könnten."

Ottes Lebensplanung immerhin steht. Er, der auch mit Anlegerberatung Geld verdient, hat sich für drei Jahre ohne Bezüge beurlauben lassen: "Ich habe kleine Kinder, deswegen." Sorgen machen muss er sich nicht. Der Professor aus der Provinz ist einer der wenigen Gewinner der Krise. Sein "Crash" ist ein Bestseller geworden, 180 000 Stück sind verkauft. Und er wird wissen, was man mit dem Geld am besten macht.

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Dokument erstellt am 31.10.2008 um 17:28:01 Uhr
Letzte Änderung am 31.10.2008 um 23:37:01 Uhr
Erscheinungsdatum 01.11.2008

URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/reportage/?em_cnt=1622763&em_loc=1773