Finanzkrise

Zur Kasse, bitte!

VON MARIO MÜLLER

Stefan Jentzsch
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Stefan Jentzsch (Bild: dpa)
Josef Ackermann geht zwar nicht in Sack und Asche, aber auf seine Art tut er Buße für die verheerende Finanzkrise. "Wir haben alle Fehler gemacht", räumte der Chef der Deutschen Bank Ende des vergangenen Jahres ein. Und weil "wir unserer Mitschuld anerkennen", wolle der Vorstand des Geldhauses auf die üblichen Bonuszahlungen für 2008 verzichten.

Fragt sich nur, ob sich die gebeutelten Aktionäre mit diesem finanziellen Opfer zufrieden geben. Schließlich könnten sie auch auf den Gedanken kommen, Ackermann und Kollegen vor den Kadi zu zerren und sie persönlich für die erlittenen (Kurs-)Verluste haftbar zu machen.

Für den renommierten Bonner Juristen Marcus Lutter verspricht ein solcher Vorstoß durchaus Erfolg. Die rechtliche Position der geschädigten Anteilseigner sei bei allen betroffenen Banken "sehr gut", schreibt Lutter in einem Aufsatz, der kürzlich in der "Zeitschrift für Wirtschaftsrecht" erschien und nach Meinung des Anwalts Friedrich Graf von Westphalen "wie eine Bombe in der Finanzwelt" einschlug.

Die Krise sei "nicht vom Himmel gefallen", meint Lutter, sondern das "Werk von Menschen, vor allem von Bankiers". Diese hätten aber bei den Geschäften mit US-Ramschhypotheken und deren Ablegern die notwendige Sorgfalt vermissen lassen, auf "Basis unzureichender Informationen gehandelt" und "weit überzogene Risiken" in Kauf genommen. Weil sie damit ihre Pflichten verletzten, müssten die Vorstände mit ihrem persönlichen Vermögen auf Ersatz des von ihnen angerichteten Schadens haften. Gleiches gelte für die Aufsichts- und Verwaltungsräte dieser Banken. Sie haben Lutter zufolge dem "sorgfaltswidrigen Treiben der Vorstände, die sie zu beaufsichtigen hatten, keinen Einhalt geboten."

Das Problem: Entsprechende Schadenersatzansprüche müssten Vorstände und Aufsichtsräte jeweils gegeneinander geltend machen. Da dies nicht zu erwarten ist, lässt sich möglicherweise pflichtwidriges Verhalten von Managern und Kontrolleuren nur mit einer aktienrechtlichen Sonderprüfung aufklären. Dafür müssten allerdings genügend Anteilseigner zustimmen oder vor Gericht klagen.

Die Probe aufs Exempel könnte demnächst bei der Düsseldorfer IKB stattfinden, die nach milliardenschweren Fehlspekulationen mit Ramschpapieren nur mit Hilfe des Staates vor der Pleite gerettet werden konnte. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) jedenfalls fühlt sich durch Lutters Thesen in der Absicht bestärkt, auf einer außerordentlichen Hauptversammlung der IKB am 25. März eine Sonderprüfung durchzusetzen.

Eine entsprechende Untersuchung läuft zwar bislang schon in Düsseldorf. Der US-Finanzinvestor Lone Star als neuer Haupteigentümer des Bankhauses will allerdings die Prüfung stoppen, weil es "nicht im Interesse der Gesellschaft" liege, interne Sachverhalte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Doch der Optimismus der DSW, ehemalige Manager und Aufsichtsräte der IKB wie Jörg Asmussen, inzwischen Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, zur Kasse bitten zu können, ist möglicherweise verfrüht. Zumindest bleibt Lutters Position nicht unwidersprochen. Die Sachverhalte seien "teilweise ganz anders oder jedenfalls sehr viel komplexer gelagert", als von seinem Kollegen dargestellt, meint der Mainzer Rechtsprofessor Peter Mülbert. Konsequenz der teils sehr vereinfachenden Annahmen sei, "dass praktisch alle Vorstände deutscher Banken haften müssten".

Das weise eher auf ein Marktversagen hin, zumal neben den Managern auch die Aufsichtsbehörden und Ratingagenturen versagt hätten. "Gegenüber dieser kollektiven Fehleinschätzung ist das auf individuelles Fehlverhalten zugeschnittene Haftungsrecht keine geeignetes und auch kein gerechtes Korrektiv", sagte Mölbert der Frankfurter Rundschau.

Demzufolge wären Ackermann und seine Branchenkollegen aus dem Schneider: Weil alle Fehler gemacht haben, ist letztendlich niemand für das Debakel verantwortlich.

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Dokument erstellt am 23.02.2009 um 18:00:05 Uhr
Letzte Änderung am 23.02.2009 um 20:33:10 Uhr
Erscheinungsdatum 24.02.2009

URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/?em_cnt=1680281&em_loc=31