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Abschied von Claudia Michels

17. Dezember 2014

Abschied: FR-Redaktion trauert um Claudia Michels

Claudia Michels im Frankfurter Stadtwald.  Foto: Christoph Boeckheler

Sie stellte sich stets auf die Seite der Schwachen. Sie war Journalistin mit Leidenschaft, sorgfältige Rechercheurin und unbequeme Interviewerin. Und sie war die gute Seele der FR-Redaktion: Zum Tod von Claudia Michels, FR-Reporterin von 1972 bis 2014.

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Es ist eine Nachricht, die alle bestürzt und aufwühlt. Claudia Michels ist tot. Die langjährige Redakteurin der Frankfurter Rundschau starb in ihrer Wohnung im Frankfurter Westend. Sie wurde 66 Jahre alt. Das sind die dürren Fakten, die für alle noch immer unfassbar sind. Für die vielen Menschen in der Stadt und darüber hinaus, die Claudia kannten. Für uns in der FR-Redaktion, die wir zum Teil seit Jahrzehnten mit ihr zusammenarbeiteten. Für die sie viel mehr war als nur eine Kollegin.

Claudia Michels hat 42 Jahre lang über Frankfurt und die Menschen in der Stadt geschrieben. Die Stadt, die sie so sehr liebte.

42 Jahre: Das ist, gerade im Lokaljournalismus, eine unfassbar lange Zeit. Gerade in Frankfurt, der Kommune, die sich so rasch verändert wie keine andere in Deutschland. Als die junge freie Mitarbeiterin 1972 ihre ersten Texte für die Frankfurter Rundschau verfasste, da gab es viele Fixpunkte in der Stadt, die heute lange verschwunden sind: das Theater am Turm, das Zürich-Hochhaus, das alte Historische Museum, die Hoechst AG und vieles mehr. Und natürlich das alte, 2006 abgerissene Rundschau-Haus am Eschenheimer Turm. An dem hing sie sehr. Einen Buchstaben aus der alten Leuchtschrift „Frankfurter Rundschau“ – das „c“ – nahm sie aus den Trümmern mit: Er liegt neben ihrem Schreibtisch. Wir haben oft mit einer gewissen Wehmut über den raschen Wandel gesprochen, über das, was auf der Strecke blieb.

Die junge Reporterin bezog 1989 deutlich Position.

clau, so ihr Kürzel, ist sich in all dieser Zeit treu geblieben. Claudia stand unbeirrt an der Seite der Menschen. An der Seite der Schwachen, Benachteiligten, der Leute auf der Schattenseite der glänzenden Banken-Metropole. In den 70er Jahren besuchte sie die Hausbesetzer im Westend, die dagegen kämpften, dass Wohnraum für Bürotürme geopfert wurde. Vor wenigen Tagen noch berichtete sie aus einem Haus, das skrupellose Geschäftemacher mit Migranten vollgepfercht hatten.

So schließt sich ein großer Kreis. Claudia war zur Stelle, wenn Mieter von Spekulanten aus ihren Wohnungen verdrängt werden sollten. Wenn der Baulärm unerträglich wurde. Sie kämpfte um das Grün, selbst um einzelne Bäume in einer dichteren Stadt. Mit dem Fahrrad und zu Fuß streifte sie durch die Quartiere – und fand ihre Themen.

Diese präzise, sorgfältige Recherche vor Ort, die Gespräche mit den betroffenen Menschen ließ sie sich nicht nehmen. Sie waren ihr Markenzeichen. Claudia ging immer einer zentralen Frage nach: wie sich eine lebenswerte Stadt erhalten lässt – auch gegen mächtige wirtschaftliche Interessen. Sie hatte ein sehr feines Gespür für haltlose Ausreden, für das Werbe-Geplapper von Investoren. In Interviews verblüffte sie ihr Gegenüber durch offenherzige Interventionen: Aber das ist doch Unsinn! Das glauben Sie doch selbst nicht! Die Überrumpelten entlarvten sich dann oft durch ihre Worte. Das freute sie. Denn sie war ein warmherziger Mensch mit Humor, mit dem man herzlich lachen konnte.

Die FR-Lokalredaktion in den 80er Jahren, Claudia ist im Zentrum zu sehen.

Als Autorin besaß Claudia ein untrügliches Gefühl für Sprache. Sie schrieb langsam und überlegt. Sie stemmte sich gegen die immer größere Beschleunigung, die wachsende Arbeitshetze im journalistischen Alltag. Unvergessen ist, dass sie 1986 die Umstellung auf die Computer-Technik in der Redaktion zunächst nicht mitmachte. Sie arbeitete weiter an ihrer Schreibmaschine – das ließ sich natürlich nicht lange durchhalten.

Abschied von Claudia

Eine Seite im Internet vereint Nachrufe, Erinnerungen, Fotos sowie eigene Texte von Claudia Michels. Das Portal ist zu erreichen unter: www.fr-online.de/claudiamichels

Wer einen Nachruf oder Erinnerungen dazu beitragen will, schickt diese per Mail mit Betreff „Claudia Michels“ an stadtredaktion@fr.de

Für ihre Arbeit, für ihre Reportagen insbesondere wurde Claudia schon früh mit dem Theodor-Wolff-Preis geehrt, einer der wichtigsten journalistischen Auszeichnungen in Deutschland.

Sie schrieb mit Leidenschaft. Auch gegen das Vergessen. Und für die Erinnerung. Ein besonderes Anliegen war ihr, dass die Verbrechen der nationalsozialistischen Terrorherrschaft im Gedächtnis bleiben. Dass jüdisches Leben und seine Spuren in der Stadt nicht buchstäblich verschüttet werden. Als der damalige Oberbürgermeister Wolfram Brück und der CDU-geführte Magistrat sich 1988 anschickten, die Überreste des jüdischen Ghettos am Börneplatz unter dem Neubau der Stadtwerke zu begraben, stand sie an der Seite des Protestes.

Mit der Zeit ist Claudia selbst zum Gedächtnis für die Stadt geworden. In der Redaktion baute sie eine immer größere Bibliothek zur Geschichte Frankfurts auf. Diese Bücher hütete sie, die Bände überstanden alle Umzüge in der jüngeren, wechselvollen Rundschau-Historie.

Die Reporterin im Getümmel: Claudia Michels mitten im Polizeieinsatz.  Foto: Georg Kumpfmüller-Jahn

Tatsächlich war sie gar nicht so glücklich darüber, immer häufiger zurückzublicken. „Ich bin doch hier nicht die Geschichts-Tante“, hat sie manchmal trotzig ausgerufen. Und sich dann immer wieder mit Vehemenz in die aktuellen Konflikte gestürzt.

Kaum zu ermessen ist, was Claudia für die Redaktion bedeutete, insbesondere für uns im Lokalen. In unseren Konferenzen meldete sie sich immer wieder mit klugen Ideen, mit unerschöpflich vielen Vorschlägen zu Wort. Sie war eine gefürchtete, scharfzüngige Blattkritikerin. Sie konnte sich maßlos ärgern über Fehler in der Zeitung: falsche Orte, Namen. Aber auch über mangelndes Wissen zur Stadtgeschichte.

Zugleich gab es niemanden, der sich mit größerer Geduld und Ausdauer als sie der Texte von jüngeren Kolleginnen und Kollegen annahm. Generationen von Volontären und Praktikanten haben Claudia viel zu verdanken. Aber wir lernten alle von ihr.

Wir haben sie geliebt und verehrt. Sie war eine gute Freundin. Sie war die gute Seele der Redaktion. Wie lässt es sich weiterarbeiten ohne Seele? Wir werden es versuchen müssen, auch wenn sich das niemand von uns jetzt vorstellen kann. Leb wohl, Claudia. Du bleibst in unseren Herzen.

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Dossier

Es ist eine Nachricht, die alle bestürzt und aufwühlt. Claudia Michels ist tot. 42 Jahre hat sie für die Frankfurter Rundschau geschrieben - immer aus Frankfurt. Sie wurde 66 Jahre alt. Wir trauern.

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