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Ägypten - vergebene Chancen
Nach dem Aufstand der Jugend und dem Sturz von Mubarak keimte Hoffnung auf in Ägypten. Nun dominieren Kämpfe das Land - mit vielen Opfern.

25. Januar 2014

Ägypten: Ägypten braucht eine neue Revolution

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Die Revolution hat in Ägypten noch nicht viel erreicht.  Foto: dpa

Ägypten erinnert an den Jahrestag des Aufstandes vor drei Jahren gegen Hosni Mubarak. Doch viele Helden des Arabischen Frühlings fürchten wieder Repressionen und planen eine neue Revolution. Ein Interview mit Amal Scharaf und Amer Mahrous.

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Donnerstagabend kurz vor 22 Uhr: Die 38-jährige Amal Scharaf und der 31-jährige Amer Mahrous sitzen in einem Straßencafé in Kairos Innenstadt. Bittersüßer Kaffee und eine Zigarette nach der anderen: Den beiden ist die Anspannung anzumerken. Vor drei Jahren bereiteten sie den Aufstand vom 25. Januar vor. Sie gehörten zum innersten Kreis der Aktivisten der Revolution, die auf dem Tahrir-Platz den Aufstand koordinierten. Inzwischen sind Scharaf und Mahrous quasi die Letzten aus der Führungsclique der Jugendbewegung, die noch nicht verhaftet wurden.

Wie werden Sie den Jahrestag der Revolution begehen?

Scharaf: Wahrscheinlich im Gefängnis. Wir rechnen jeden Moment damit, dass wir verhaftet werden. Ich habe alles Notwendige schon hier in meiner Tasche.

Mahrous: Die Regierung will unsere Bewegung zerschlagen. Wir sollen zum Jahrestag nicht daran erinnern, dass die Ziele der Revolution noch nicht erreicht sind.

Amer Mahrous (l.) und Amal Scharaf.
Amer Mahrous (l.) und Amal Scharaf.
 Foto: Gerlach

Die Anhänger der Regierung wollen auf dem Tahrir-Platz feiern und dabei Verteidigungsminister Abdelfattah al-Sisi dazu auffordern, als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Die Mursi-Anhänger wollen dagegen demonstrieren. Wozu rufen Sie auf?

Mahrous: Wir machen eigene Demos. Gegen die Regierung, aber getrennt von den Muslimbrüdern. Sie haben 2011 mit dem hohen Rat des Militärs gemeinsame Sache gemacht, um an die Macht zu kommen, und dann haben sie uns ausgebootet. Wir wollen die Ziele der Revolution fortführen. Nichts wurde bisher erreicht. Es ist sogar noch schlimmer als unter Mubarak. Mindestens 3000 Menschen wurden in den vergangenen sechs Monaten getötet und 21 000 verhaftet.

Scharaf: Ich mache mir große Sorgen, dass es viele Tote geben wird. Wenn ich doch nicht verhaftet werde, will ich auf jeden Fall demonstrieren und du, Amer, kannst aufhören, zu versuchen, mir das auszureden.

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Aber Sie gehen doch auch, warum sollte Amal dann nicht gehen?

Mahrous: Amal ist besonders in Gefahr, weil sie so bekannt ist. Die Verhaftungen der letzten Wochen zeigen: Sie haben es gezielt auf unseren harten Kern abgesehen.

Würden Sie denn sagen, dass die Revolution gescheitert ist?

Mahrous: Gescheitert ist sie nicht. Es gibt keine Revolution in der Geschichte, die in nur drei Jahren ihr Ziel erreicht hat. Dann muss man doch auch einmal die Kräfteverhältnisse anschauen: Die andere Seite hat alle Waffen und die Medien in der Hand. Derzeit haben sie die Oberhand. Es wird eine dunkle Zeit kommen, aber dann wird es auch wieder aufwärts gehen. Wir waren schon mehrfach in sehr aussichtslosen Situationen und immer ging es dann wieder bergauf. Wir starten gerade eine neue Initiative, die revolutionären Kräfte zusammenzubringen.

Ich habe in den letzten Tagen viele Aktivisten angerufen, die ich 2011 auf dem Tahrir-Platz kennengelernt habe: Viele von ihnen haben sich inzwischen frustriert zurückgezogen. Denken Sie auch manchmal ans Aufgeben?

Scharaf: Nee, wenn, dann hätte ich das schon getan. Meine Tochter weint jeden Tag und meine Mutter bekommt bald einen Herzanfall, aber ich habe ein Ziel und muss es erreichen. Es verletzt mich, wenn ich von Menschen auf der Straße beschimpft werde, weil sie die Revolution verantwortlich machen für Ägyptens Krise. Manchmal weine ich, aber ich tröste mich damit, dass die Menschen mir irgendwann dankbar sein werden für die Opfer, die ich meinem Land gebracht habe.

Als wir uns das letzte Mal im August trafen, hatten sie noch Hoffnung. Damals haben Sie mir erklärt, dass es sich bei der Absetzung Mursis nicht um einen Militärputsch, sondern um einen Neuanfang handelte.

Scharaf: Damals hatte ich tatsächlich noch Hoffnung. Die habe ich endgültig aufgegeben, als Ahmed Maher und einige andere unserer Aktivisten im November verhaftet wurden.

Aber im August wurden doch auch schon Tausende verhaftet und wir trafen uns direkt nach der Räumung der Protestlager der Mursi-Anhänger: Damals hielten sie das Vorgehen der Sicherheitskräfte noch für gerechtfertigt, um die Ziele des Neuanfangs zu erreichen.

Scharaf: Ich muss ganz ehrlich zugeben: Ich habe mich getäuscht. Ich habe damals geglaubt, dass die Gewalt von den Muslimbrüdern ausging. Inzwischen habe ich Videos gesehen, die belegen, dass auch unbewaffnete Demonstranten erschossen wurden.

Nun scheint es keinen Ausweg zu geben: Al-Sisi wird Präsident. Das liegt aber auch daran, dass die Opposition versäumt hat, einen Gegenkandidaten aufzubauen.

Mahrous: Die Wahlen haben keine Bedeutung. Wir müssen erst einmal die Grundlagen hinbekommen. Wenn wir uns unter den derzeitigen Bedingungen an Wahlen beteiligen, legitimieren wir die Rückkehr eines autoritären Regimes. Was wir brauchen, ist eine neue Revolution.

Interview: Julia Gerlach

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