Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Ägypten - vergebene Chancen
Nach dem Aufstand der Jugend und dem Sturz von Mubarak keimte Hoffnung auf in Ägypten. Nun dominieren Kämpfe das Land - mit vielen Opfern.

28. Juli 2013

Ägypten: Warnung vor dem Abgrund

Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi haben sich zu ihrem Schutz eine Mauer aufgetürmt.  Foto: dpa

Die USA haben Ägypten eindringlich vor einem Absturz ins Chaos gewarnt. Nach gewaltsamen Zusammenstößen mit Dutzenden von Toten rief US-Außenminister Kerry die Führung in Kairo am Samstag dazu auf, das Land "vom Abgrund wegzuziehen". Die Muslimbrüder bunkern sich derweil mit Mauern ein und rechnen mit allem.

Drucken per Mail

Die USA haben die ägyptischen Sicherheitskräfte nach dem harten Vorgehen gegen Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi zu Zurückhaltung aufgerufen. In einem Telefongespräch mit dem ägyptischen Armeechef Abdel Fattah al-Sissi habe US-Verteidigungsminister Chuck Hagel seine tiefe Sorge wegen der gewaltsamen Zusammenstöße ausgedrückt, teilte Hagels Ministerium am Samstag mit. Ein weiteres Blutvergießen müsse verhindert werden. Mindestens 72 Menschen kamen am Samstag ums Leben als Sicherheitskräfte auf islamische Demonstranten schossen.

Islamisten wollen "Rabaa" schützen

Die Mursi-Anhänger haben etliche Mauern gebaut um ihre Proteststadt "Rabaa" im Kairoer Stadtteil Nasr City vor der Räumung durch die Sicherheitskräfte zu schützen. Es sei nur eine Frage der Zeit bis die Polizei die Zeltstadt der muslimischen Demonstranten stürmt. Am Samstag habe der Innenminister angekündigt, die Polizei und die Armee seien dabei zu klären, wann der beste Zeitpunkt dafür sei. Die Muslimbrüder halten eisern an ihren Forderungen fest: Sie wollen, dass Mohammed Mursi ins Präsidentenamt zurückkehrt.

Mehr dazu

"Entscheidender Moment für Ägypten"

US-Außenminister John Kerry forderte die ägyptische Führung auf, das "Land vom Abgrund wegzuziehen". Er habe in Gesprächen mit Vizepräsident Mohamed ElBaradei und Außenminister Nabil Fahmi seine tiefe Bestürzung über die Gewaltausbrüche in Kairo und Alexandria ausgedrückt, bei denen seit Freitagabend Dutzende Menschen ums Leben kamen. "Das ist ein entscheidender Moment für Ägypten", erklärte Kerry. Die ägyptischen Sicherheitskräfte rief er dazu auf, das Recht auf friedliche Proteste zu respektieren, dazu gehörten auch anhaltende Sitzblockaden.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Kairo wurden am Samstag 65 Menschen getötet, Medien berichten von mindestens 72 Toten. Die Muslimbrüder, die Mursi unterstützen, warfen der Polizei vor, bei einem Protestlager in der Nähe einer Moschee in Kairo gezielt auf die Demonstranten geschossen zu haben. Die Regierung weist das zurück. Es ist bereits das zweite Mal in diesem Monat, dass es zu einem derart schweren Zusammenstoß von Polizei und Unterstützern des inhaftierten Ex-Staatschefs gekommen ist. Am 8. Juli hatten die Sicherheitskräfte 53 Mursi-Anhänger erschossen. Das Militär hatte Mursi Anfang Juli nach Massenprotesten gegen dessen Politik der Islamisierung abgesetzt.

Innenminister Mohammed Ibrahim gab am Samstag offen zu, dass die Staatsgewalt gerne härter gegen die Muslimbrüderschaft vorgehen würde. Hierfür könne die sogenannte Überwachungspolizei für politische und religiöse Angelegenheiten aktiviert werden. Sie war schon unter Mubarak zuständig für die Folter von Islamisten.

Erdogan unterstellt EU Doppelmoral

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte die Gewalt in Ägypten und verlangte von den Sicherheitsbehörden, das Recht auf freie Rede und Versammlungsfreiheit zu akzeptieren. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton appellierte an alle Seiten, die Gewalt zu beenden.

Diese Reaktionen gehen dem türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan nicht weit genug. Er warf der EU eine Doppelmoral vor. "Was ist mit der EU geschehen und den europäischen Werten?", sagte Erdogan in einer Rede vor Geschäftsleuten in Istanbul. "Wo sind die, die sonst umhergehen und Unterricht in Demokratie erteilen?" Erdogan ist ein erklärter Unterstützer Mursis und hatte zuletzt selbst massive Kritik auf sich gezogen wegen des harten Vorgehens türkischer Sicherheitskräfte gegen oppositionelle Demonstranten.

Der Hass vieler Ägypter auf die Anhänger der Muslimbrüder ist groß. Vielerorts wird die Nachricht über die erschossenen islamistischen Demonstranten sogar bejubelt. Ein gewaltvolles Einschreiten der Sicherheitskräfte gegen die Rabaa-Zeltstadt könnte unmittelbar bevorstehen. (mit rtr)

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Spezial

Nach dem Aufstand der Jugend und dem Sturz von Mubarak keimte Hoffnung auf in Ägypten. Nun dominieren Kämpfe das Land - mit vielen Opfern. Das Spezial.


Ägypten
Zeitgeschichte

Wiedervereinigung, Mauerfall, Deutscher Herbst, 1968, der Frankfurter Auschwitzprozess und das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.

Dossier

Der Wahlsieg des iranischen Präsidenten Rohani weckt Hoffnungen auf einen Kompromiss im Atomstreit. Versagt die Diplomatie, droht ein Krieg.

Spezial: Israel-Iran-Konflikt