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Ägypten - vergebene Chancen
Nach dem Aufstand der Jugend und dem Sturz von Mubarak keimte Hoffnung auf in Ägypten. Nun dominieren Kämpfe das Land - mit vielen Opfern.

18. April 2014

Christen in Ägypten: Ein Leben in Angst

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Koptische Christen besuchen am Osterwochenende einen Gottesdienst in Kairo.  Foto: REUTERS

Die Angst vor neuer Gewalt verdirbt vielen Christen in Ägypten die Freude auf das Osterfest. Schon Tage vor Ostern stehen vor vielen Kirchen vermummte Sicherheitskräfte in gepanzerten Fahrzeugen, Maschinenpistole im Anschlag.

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Es wird voll werden morgen bei der Ostermesse in den Kirchen von Al-Minia. Die Menschen müssen eng zusammenrücken. Das liegt nicht daran, dass die Christen in Ägypten frommer geworden sind. Die Platznot ist eine Folge des „Schwarzen Mittwochs“, bei dem im August 2013 sechs der 20 Kirchen von Al-Minia durch einen wütenden Mob zerstört wurden.

Auch sonst ist die Erinnerung allgegenwärtig, die Wunden heilen nur langsam und die Angst vor neuer Gewalt verdirbt vielen hier die Freude auf das Osterfest. In den vergangenen Jahren hat es häufiger Angriffe auf Kirchen gegeben, oft suchten sich die Angreifer Festtage aus.

Die Polizei, die seit der Übernahme der Macht durch die militärgeführte Regierung wieder eine sehr viel tatkräftigerer Rolle spielt als in den vergangenen Jahren, hat zugesagt, mit besonders vielen Einsatzkräften die Messen zu schützen. Schon Tage vor Ostern stehen vor vielen Kirchen vermummte Sicherheitskräfte in gepanzerten Fahrzeugen, Maschinenpistole im Anschlag.

Allerdings löst ihr Anblick mulmige Gefühle aus: Denn derzeit sind es weniger Anschläge auf Christen, die Schlagzeilen machen. Die Islamisten haben den Sicherheitskräften den Krieg erklärt. Täglich werden Angriffe, Überfälle und Explosionen gemeldet. Aus Angst, aus Versehen getroffen zu werden, meiden deswegen viele Ägypter Polizeieinrichtungen weiträumig. Das gilt ganz besonders für Al-Minia.

In der 100.000-Einwohner-Stadt am Nil südlich von Kairo ist der Kampf zwischen Sicherheitskräften und den Anhängern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi besonders erbittert.

In Al-Minia wohnen viele Christen. Machen sie sonst in Ägypten rund zehn Prozent der Bevölkerung aus, sind es in Al-Minia geschätzte 35 Prozent. Zugleich ist die Stadt seit je auch eine Hochburg der Muslimbruderschaft und der radikaleren „Gamaat al Islamiya“. In den frühen 90er Jahren lieferten sich Islamisten und Militär hier einen blutigen Kampf und der Gewaltausbruch im August ließ die Erinnerungen an damals wach werden.

Die Angst vor neuer Gewalt verdirbt vielen Christen in Ägypten die Freude auf das Osterfest.  Foto: REUTERS

Am Morgen des 14. August 2013 hatten in Kairo Sicherheitskräfte mit der Räumung der Protestlager der Mursi-Anhänger begonnen. Als Reaktion darauf und aufgestachelt von den hetzerischen Reden der Anführer der Muslimbruderschaft kam es in ganz Ägypten zu heftigen Demonstrationen, Polizeiwachen und Kirchen wurden angegriffen und zerstört.


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„Es war ein schrecklicher Tag“, sagt Magdy Ibrahim, Lehrer in Al-Minia. „Wir waren zwar gewarnt, dass sich die Muslimbrüder an uns rächen würden. Aber dass es so schlimm werden würde, dachten wir nicht.“ Hossam Ibrahim Nissim, Sprecher des Bischofs von Al-Minia ergänzt: „Sie griffen unsere Kirchen an, weil sie dachten, dass wir zurückschlagen würden und dass es zu einem Kampf zwischen Christen und Muslimen kommen würde.“ Die Christen hätten jedoch den Plan durchschaut und seien ruhig geblieben. „Unsere Kirchen sind das Opfer, das wir gebracht haben, um Ägypten vom Joch der Islamisten zu befreien“, sagt er. Nun sei es an der Zeit, dass die Christen etwas zurückbekämen.

Unweit der Kathedrale ist eine große Baustelle zu sehen: Das Erdgeschoss ist schon fertig, gerade mischen die Bauarbeiter den Zement für die Kuppel. „Die Streitkräfte der Republik Ägypten bauen hier die zerstörte Kirche der Heiligen Jungfrau wieder auf“, steht auf einem großen Schild daneben. „Darüber freuen wir uns“, sagt Zakaria, fügt dann aber hinzu, dass es sich dabei ja um eine Selbstverständlichkeit handele: „Nach dem Opfer, das wir gebracht haben, erwarten wir nun noch etwas mehr.“

Ganz oben auf seiner Forderungsliste steht mehr Sicherheit, vor allem im Alltag. Was den Christen besonders zu schaffen mache, seien die vielen Entführungen. Es handele sich um Erpressungen – sobald das Lösegeld bezahlt sei, kämen die Entführten frei. Die Opfer seien ausschließlich Christen. „Das Schlimme ist, die Polizei weiß, wer dahinter steckt. Aber sie kann oder will nichts gegen sie unternehmen.“

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