Ägypten - vergebene Chancen
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23. August 2012

Flüchtlinge aus Syrien: Flucht der Minderheiten aus Syrien

 Von Viktor Funk
Flüchtlingslager an der syrisch-jordanischen Grenze. Foto: dpa

Machthaber Assad konnte sich auf die Loyalität der Minderheiten in Syrien verlassen. Zu ihnen gehört auch das Volk der Tscherkessen, das nun wegen des Krieges nach Russland zurückkehrt. Doch die Menschen erinnern Moskau an ein dunkles Kapitel seiner Geschichte.

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Machthaber Assad konnte sich auf die Loyalität der Minderheiten in Syrien verlassen. Zu ihnen gehört auch das Volk der Tscherkessen, das nun wegen des Krieges nach Russland zurückkehrt. Doch die Menschen erinnern Moskau an ein dunkles Kapitel seiner Geschichte.

Die zuständige russische Behörde ließ nicht lange auf eine Antwort warten - und dementierte: „Es gibt keine tscherkessischen Flüchtlinge aus Syrien bei uns im Kaukasus“, antwortete eine Sprecherin des Föderalen Migrationsdienstes am Donnerstag auf die Frage, wie viele Tscherkessen genau bisher aus Syrien gekommen seien. Dass sie da sind, davon zeugen Bilder und Berichte Betroffener.

Die Kämpfe speziell in Aleppo treiben kleine Minderheiten aus dem Land. Einige Dutzend Tscherkessen sind dieser Tage in Russland gelandet. Sie kommen vor allem nach Naltschik, in die Hauptstadt der Kaukasus-Republik Kabardino-Balkarien. Manche nehmen schon an Russischkursen teil.

Sicherheitskräfte in Naltschik an einem Hotel mit tscherkessischen Flüchtlingen.
Sicherheitskräfte in Naltschik an einem Hotel mit tscherkessischen Flüchtlingen.
Foto: dapd

Verlierer der Russischen Expansion

Dass die Tscherkessen in Russland offiziell keine Nachricht sind, liegt zum einen an der Sensibilität des Themas. Das Volk aus dem nördlichen Kaukasus gehört zu den Verlierern der russischen Expansion im 18. und 19. Jahrhundert. Bis zum Ende des russisch-kaukasischen Krieges 1864 starben Tausende Tscherkessen im Kampf gegen die Truppen des Zaren. Wer überlebte, floh auf die Gebiete der heutigen Türkei, Syriens und des Kosovo. In Syrien sollen etwa 100.000 Nachfahren jener Flüchtlinge leben.
Zum anderen suchen lokale Behörden im Kaukasus nach Lösungen außerhalb des komplizierten Weges, den offizielle Flüchtlinge gehen sollen. „Wir wissen, dass die Ankommenden wohlwollend empfangen werden. Man ermöglicht ihnen temporären Aufenthalt, der auch verlängert wird“, sagt die Leiterin des UN-Flüchtlingshilfswerks in Moskau, Gesche Karrenbrock, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Nach Angaben des UNHCR sind in diesem Jahr rund 360 Tscherkessen aus Syrien dauerhaft nach Russland gekommen sein. Auch sei die Zahl der Asylanträge gestiegen: Hätten in den vergangenen Jahren 20 Syrer in Russland Asyl beantragt, seien es allein im August 33 gewesen.
Seit Ende des vergangenen Jahres bitten syrische Tscherkessen Moskau ganz offiziell, in ihre angestammten Gebiete zurückkehren zu dürfen. Es sind der nördliche Kaukasus und Regionen am Schwarzen Meer. Anfang des Jahres nahmen Vertreter der Minderheit aus Syrien an einem Kongress der Tscherkessen in Russland teil und beeilten sich ihre Loyalität Moskau gegenüber zu versichern.

Tscherkessen sind Assad treu

Gleichzeitig berichteten die Menschen, dass sie in Syrien gefährdet seien. Familien erhielten Drohungen, dass Unterstützer Assads „vernichtet“ würden. Ähnlich wie viele Christen in Syrien verhalten sich die Tscherkessen treu zum Regime.
Assad, dessen Familie selbst zur Minderheit der Aleviten gehört, konnte sich auf diese Minderheiten bisher verlassen. Zunehmend aber verlassen sie das Land. Insgesamt sind aus Syrien etwa 200.000 Menschen infolge des Krieges geflohen.

Russland hatte schon einmal flüchtende Tscherkessen aufgenommen: 1998 und 1999 kamen rund 180 von ihnen aus dem Kosovo, sie waren vor aufständischen Albanern geflohen. Dieser Präzedenzfall lässt die Angehörigen der Volksgruppe in Syrien nun hoffen, dass auch sie kommen können. Ende Juli bat der Vorsitzende der internationalen Vereinigung der Tscherkessen Russlands Präsident Wladimir Putin in einem offenen Brief, „alles erdenkliche für die Rettung des Landsleute in Syrien“ zu tun. Bisher schweigt der Kreml.

Tscherkessen sind für die russische Staatsspitze noch aus einem anderen Grund ein heikles Thema: Die Olympischen Winterspiele 2014 finden dort statt, wo einst das Volk lebte: bei Sotschi am Schwarzen Meer. An die Vertreibung aus jener Region erinnerten Diaspora-Gruppen, nachdem Sotschi für die Spiele ausgewählt worden war. Wenn die Winterspiele beginnen, ist das Ende des russisch-kaukasischen Krieges genau 150 Jahre her.

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