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Ägypten - vergebene Chancen
Nach dem Aufstand der Jugend und dem Sturz von Mubarak keimte Hoffnung auf in Ägypten. Nun dominieren Kämpfe das Land - mit vielen Opfern.

22. Februar 2016

Gefolterter Wissenschaftler: Proteste gegen Polizeigewalt in Ägypten

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Der Polizeiapparat zeigt sich wenig beeindruckt von der Wut der Bevölkerung.  Foto: rtr

Ein italienischer Doktorand soll von der ägyptischen Staatssicherheit zu Tode gefoltert worden sein. In Kairo rächt sich eine wütende Menschenmenge, indem sie einen Polizisten krankenhausreif prügelt und vor der Einsatzzentrale Parolen gegen die Regierung skandiert.

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Vor vier Wochen verschwand Giulio Regeni auf dem Weg zur Metro in Kairo. Tage später fand sich seine übel zugerichtete Leiche in einem Autobahngraben am Stadtrand. Und obwohl die ägyptische Regierung das bisher abstreitet, es mehren sich die Hinweise, dass der italienische Doktorand von der Staatssicherheit zu Tode gefoltert wurde – wahrscheinlich mehrere Tage lang.

Der Fall des jungen Wissenschaftlers empört nicht nur Italien, er brachte auch für viele Ägypter das Fass zum Überlaufen. In Kairo prügelte jetzt eine wütende Menschenmenge einen Polizisten krankenhausreif und skandierte vor der Einsatzzentrale „dreckige Regierung, ihr seid Hurensöhne“. Der Beamte hatte einen 24-jährigen Taxifahrer mit einem Kopfschuss getötet, während beide über den Fahrpreis stritten. Zuvor hatten mehr als 10 000 Mediziner gegen die ständigen Übergriffe von Polizisten in Krankenhäusern demonstriert – das größte Aufbegehren der Bevölkerung seit dem Amtsantritt von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi im Juni 2014.

Doch der Polizeiapparat zeigt sich wenig beeindruckt. Statt die Folterer in den eigenen Reihen zu stoppen, gehen die Sicherheitskräfte erstmals auch gegen das „Nadeem Zentrum zur Behandlung von Opfern von Gewalt und Folter“ in Kairo vor, der einzigen Hilfsadresse für Misshandelte im ganzen Land. Nadeem-Mitbegründerin Aida Seif al-Dawla gilt als mutige Kritikerin von Menschenrechtsverletzungen in ihrer Heimat. Seit dem Beginn ihrer Einrichtung 1993 habe es in Ägypten noch nie solche Zustände gegeben, sagte sie der FR. Die Brutalität der Folter habe extrem zugenommen. In den Gefängnissen gebe es „exzessive sexuelle Gewalt“ – gegen Frauen und Männer gleichermaßen.

Ohne Skrupel und Gewissensbisse

Die heutigen Staatsschläger agierten ohne jede Skrupel und Gewissensbisse. Sie würden sich ganz offen ihrer Untaten brüsten – getragen von einem durch Medien und Regime aufgehetzten öffentlichen Klima, erklärte die Medizin-Professorin, die Psychiatrie an der Ain Shams Universität lehrt. „Wir werden euch die Luft zum atmen nehmen“, habe ein Regimemitglied kürzlich zu ihr gesagt, „und das ist, was sie tun“.

Ägyptens Innenminister Magdi Abdel-Ghaffar bestreitet, dass die Sicherheitskräfte für Giulio Regenis Tod verantwortlich sind. Und so versuchten seine Offiziere zunächst, das Ganze als Autounfall zu deklarieren. Wenig später sprachen sie von „einem gewöhnlichen Verbrechen“ und präsentierten zwei angeblich Verdächtige. Kein Wunder, dass Rom dem Aufklärungswillen Kairos misstraut und eigene Ermittler an den Nil schickte. Ihnen werden bislang wichtige Erkenntnisse vorenthalten wie die Handydaten des Opfers.


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Dagegen zitierten italienische Medien zahlreiche Zeugen, die gesehen haben, wie der 28-Jährige von zwei Zivilpolizisten abgeführt wurde. „Sie haben ihn für einen Spion gehalten“, gaben Beamte anonym gegenüber der „New York Times“ zu Protokoll. „Wer kommt schon nach Ägypten, um sich mit unabhängigen Gewerkschaften zu beschäftigen?“ Das Opfer war in Kairo, um Material für seine Doktorarbeit zu sammeln.

Das Wüten der Polizei scheint auch die ägyptische Militärführung zu beunruhigen: Präsident Sissi kündigte ein schärferes Gesetz gegen Polizeigewalt an. Ob das an den Missständen etwas ändert, ist fraglich. Italien jedenfalls will nicht locker lassen. „Wir wollen die wahren Verantwortlichen wissen“, erklärte Roms Außenminister Paolo Gentiloni. „Wir dulden keine Halbwahrheiten und keine Ausflüchte.“

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