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Ägypten - vergebene Chancen
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08. März 2012

Peter Scholl-Latour: Assad-Regime "ist auch nicht schlimmer als andere"

Assad-freundliche Demonstration in Damaskus.  Foto: afp

Nicht nur das Volk, auch führende Funktionäre gehen dem syrischen Machthaber Assad mittlerweile von der Fahne. Peter Scholl-Latour warnt im Interview: Die Syrer sollten sich überlegen, ob einem Umsturz etwas Besseres folgen würde.

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Herr Scholl-Latour, das Überlaufen führender Funktionäre zur Opposition gehört zur Dramaturgie des Niedergangs diktatorischer Regimes. Ist in Syrien jetzt die Endzeit der Assad-Herrschaft angebrochen?


Peter Scholl-Latour: Die Signale sind widersprüchlich. Denn entgegen solchen Auflösungserscheinungen hat sich militärisch das Blatt offenbar eher wieder zugunsten Assads gewendet. Ob er sich behaupten kann, steht aber dahin: Syrien ist von Feinden umgeben, die geschworen haben, Assad zu Fall zu bringen. Es ist ja bezeichnend, dass die Hochburgen der Aufständischen in der Nähe der Grenzen liegen, über die Waffen ins Land kommen.


Das klingt fast, als stünden Sie auf der Seite Assads.


Das Regime in Damaskus ist eine abscheuliche Diktatur. Aber es ist auch nicht schlimmer als andere. Darum verstehe ich auch die Einseitigkeit im Westen nicht. Ist Saudi-Arabien denn ein demokratisches Regime? Ein Land, in dem jeden Freitag Köpfe abgeschlagen und Frauen gesteinigt werden – was in Syrien nicht passiert! Ähnliches gilt für andere Länder. Wer redet über die blutige Unterdrückung der Schiiten in Bahrain? Wer redet darüber, dass die Saudis die Freiheitsbewegung in Bahrain mit Panzern niedergewalzt haben? Kein Mensch! Diese Tugend-Attitüde gegenüber Syrien ist deshalb blanke Heuchelei.


Wäre es denn besser, das Regime Assad bliebe an der Macht?


Es ist zumindest das letzte säkulare System in der islamischen Welt. Da sollten sich nicht nur die Syrer überlegen, ob sie nach einem etwaigen Umsturz etwas Besseres bekämen. 70 Prozent der Syrer sind sunnitische Muslime, die sich seit langem gegen die Alleinherrschaft Assads auflehnen, der zur Minderheit der Alawiten gehört, einer bei den Muslimen verhassten und verketzerten Gemeinschaft. Trotzdem liegt ein Bürgerkrieg nicht im Interesse der meist recht gut situierten Sunniten. Und für die christliche Minderheit, sie macht zehn Prozent aus, wäre er die Katastrophe. Viele müssten fliehen. Es wundert mich schon, dass sich die Christen im Westen offenbar keinen Deut um das Schicksal ihrer syrischen Schwestern und Brüder scheren.


Man sollte doch meinen, der Kampf der Syrer für Freiheit verdiente die Unterstützung des Westens.


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Sie setzen voraus, wovon im Westen immer so leichthin die Rede ist, dass es den Aufständischen um Demokratie und Freiheit gehe. Für viele junge Leute stimmt das – wie in Tunesien, Ägypten und Libyen auch. Aber die Aufstandsbewegung ist völlig zersplittert. Und machen wir uns keine Illusionen: Eine freie Wahl in Syrien brächte nicht die demokratischen, westlich orientierten Kräfte an die Macht, sondern Islamisten wie die Muslimbrüder. Die in Syrien übrigens weitaus radikaler sind als etwa in Ägypten.


Welche Folgen hätte der Sturz Assads für die Region?


Beim besorgten Blick auf Syrien allein verliert man leicht den geheimen Masterplan aus dem Auge: Der große Drahtzieher ist Saudi-Arabien. Es will das Regime der Alawiten, dieser „abscheulichen Ketzer“, zu Fall zu bringen. Den Türken, die die Aleviten früher massakriert haben, käme das auch zupass. Regionalstrategisch wollen die Saudis eine schiitische Achse vom Iran über die schiitisch dominierten Provinzen des Irak bis zur Hisbollah im Libanon zerschlagen – und dem Iran so den Zugang zum Mittelmeer abschneiden. Diesem Ziel wären sie mit einem von ihnen gelenkten Salafisten-Regime in Damaskus sehr nahe. Letztlich geht es also gar nicht um Syrien selbst, sondern um den Konflikt mit dem Iran.


US-Präsident Obama lässt entgegen früheren Berichten nun doch militärische Optionen gegen Damaskus prüfen. Wie beurteilen Sie das?


Die USA werden mit Sicherheit nicht militärisch eingreifen. Spätestens der Libyen-Einsatz hat sie gelehrt, dass damit nichts zu gewinnen wäre. Aber sie brauchen es auch gar nicht. Blieben die Aufständischen auf sich gestellt blieben, könnten sie das Regime nicht stürzen. Aber über die weithin offenen Grenzen zum Irak kommen Waffen, vor allem aus Saudi-Arabien. Auch aus der Türkei gelangen Waffen ins Land. Nach Schätzungen von „Aktivisten“ gibt es derzeit mehr als 7000 Tote in Syrien. Schlimm genug. Nur: Im Verlauf eines Bürgerkrieges wären es mindestens 70 000. Das ist die Alternative.

Das Gespräch führte Joachim Frank

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