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Ägypten - vergebene Chancen
Nach dem Aufstand der Jugend und dem Sturz von Mubarak keimte Hoffnung auf in Ägypten. Nun dominieren Kämpfe das Land - mit vielen Opfern.

12. August 2012

Syrien: Assads Niedergang macht den Iran gefährlich

 Von Gil Yaron
Ein syrischer Rebel im Kampf gegen Regierungstruppen. Foto: AFP

Wenn Assad stürzt, verliert auch der Iran an Einfluss. Am Ende könnte das Land den einzigen Ausweg darin sehen, das eigene Atomprogramm zu beschleunigen.

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Im Nahen Osten ist man sich selten einig. Doch in einem Punkt kommen die meisten Kommentatoren zu derselben Ansicht: In Syrien wird nicht nur um Freiheit gekämpft. Niemand formulierte das präziser als Said Jalili, Berater von Irans „Höchstem Führer“ Ajatollah Ali Khamenei. Bei einem Blitzbesuch in Damaskus sagte Jalili: „Was hier in Syrien geschieht, ist keine innere Angelegenheit, sondern ein Konflikt zwischen der Achse des Widerstands und ihren Feinden in der Region und in der Welt.“

Jalili wiederholte damit die These des jordanischen Königs Abdallah II., der seit 2004 vor den Gefahren eines „schiitischen Halbmonds“ warnt. Wie Jalili und Abdallah mit seiner Theorie erkennen die Machthaber in Nahost einen Kampf zweier Lager: Das eine ist sunnitisch, moderat und pro-amerikanisch, das andere besteht aus Islamisten, Schiiten und ethnischen oder religiösen Minderheiten, die vom Iran unterstützt werden. Im Libanon, in Palästina, im Jemen, Bahrain oder im Irak: Überall führen die USA und der Iran seit Jahren einen Stellvertreterkrieg.

In diesem Kampf der Titanen verbuchten die Iraner bislang Gewinne: Während die USA an Macht verloren, sich aus dem Irak zurückzogen und mit Hosni Mubarak einen treuen Verbündeten verloren, mehrte Teheran mit der Förderung bewaffneter Gruppierungen in schwachen Staaten seinen Einfluss. Die Hisbollah regiert den Libanon, die Hamas den Gazastreifen, Schiiten sind im Irak tonangebend, sunnitische Herrscher rund um den Persischen Golf halten schiitische Minderheiten nur mit Gewalt in Schach.

Doch diese Erfolge würden zunichtegemacht, stürzte Teherans Vasall Baschar al-Assad. Syrien spielt in Irans Plänen zur Erlangung regionaler Hegemonie eine Schlüsselrolle. Der Flughafen von Damaskus war Hauptumschlagplatz für Zehntausende Raketen, mit denen der Iran die Hisbollah ausstattete. Von Syriens Hauptstadt aus dirigierten palästinensische Terrororganisationen ihre Attentate, die den Friedensprozess mit Israel behindern. Die Grenze zum Irak war Nachschublinie der Kämpfer, die Amerikas Bemühungen sabotierten, Mesopotamien zu stabilisieren.

Irans Strategie steckt in einer Sackgasse

Saudi-Arabien weiß, dass es für Teheran keine außenpolitische Alternative zum Knotenpunkt Damaskus gibt. Riad liefert Syriens Opposition Waffen, umso die Macht der Ajatollahs in der gesamten Region zu brechen. Teheran wird von den eigenen Praktiken heimgesucht. Irans Strategie steckt in einer Sackgasse. Das Land kann seine Verbündeten ohne Assad kaum noch unterstützen, im Libanon regen sich bereits die Feinde der Hisbollah.

Teheran verliert jeden Tag, an dem Assad mordet und dennoch schwächer wird, an Einfluss. Die Ajatollahs wollen nicht tatenlos zusehen, wie ihre Investitionen und Strategien scheitern und versuchen, Verluste mit bedrohlicher Rhetorik wettzumachen. Jalili warnte im Klartext: „Iran wird in keiner Form einen Zusammenbruch dieser Achse, von der Syrien ein wesentlicher Teil ist, hinnehmen“. Teheran droht der Türkei, Israel und den USA offen mit Konsequenzen für eine Einmischung in Syrien. Jalilis Sprachgebrauch ähnelt zunehmend Teherans Wortwahl zum Atomprogramm. In einer ohnehin instabilen Region fühlt Iran sich bedroht und isoliert. Er könnte sich deshalb gezwungen sehen, sein Heil in der Beschleunigung des Atomprogramms zu suchen. Laut Berichten amerikanischer und israelischer Geheimdienste ist das bereits der Fall.

Interessen der Bürger geraten ins Hintertreffen

Gleichzeitig verfolgt Teheran eine zweigleisige Politik gegenüber sunnitischen Staaten. Die Ajatollahs wünschen sich einen Schulterschluss mit dem neuen Regime in Kairo. Seit der islamischen Revolution betrachten sich Ägypten und Iran als Erzfeinde. Doch nun lud Vizepräsident Hamid Bakaei Ägyptens Präsident Mursi zum Gipfel der Blockfreien Staaten nach Teheran ein. Es wäre der erste Besuch eines ägyptischen Präsidenten in Teheran seit 1979, dem Jahr der islamischen Revolution. Gleichzeitig wird die Gangart gegenüber den arabischen Golfanrainern, also Amerikas Verbündeten, verschärft. Iranische Parlamentarier, Militärs und staatliche Medien sprechen vor dem Hintergrund eskalierender Proteste saudischer Schiiten immer häufiger vom baldigen Untergang des saudischen Königshauses. Bahrain vermutet iranische Agenten hinter den Aufständen im eigenen Land.

Für die konservativen Verbündeten der USA geht aber nicht mehr nur vom iranischen Lager her Gefahr aus: Sie fürchten inzwischen auch die Folgen von Ägyptens Revolution. Dubais Polizeichef Hani Khalfan warnte vor „Hunderten“ Muslimbrüdern, die in den Golfanrainern Umstürze planten: „Je mehr Geld wir in westliche Banken investieren, desto größer werden die Komplotte, unsere Staaten zu übernehmen“, so Khalfan. Umso wichtiger wird es für Riad, die Revolution in Syrien in eine Richtung zu lenken, die nicht den Fortbestand des Königshauses infrage stellt.

Fast jeder Konflikt in der Region, davon sind die Akteure in Nahost überzeugt, wird maßgeblich durch den Ausgang der Straßenkämpfe in Aleppo und Damaskus mitentschieden werden. Die Interessen des einfachen syrischen Bürgers geraten dabei ins Hintertreffen.

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