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Ägypten - vergebene Chancen
Nach dem Aufstand der Jugend und dem Sturz von Mubarak keimte Hoffnung auf in Ägypten. Nun dominieren Kämpfe das Land - mit vielen Opfern.

04. März 2013

Syrien: General ohne Armee

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Von den Rebellen zeigt sich der einstige General enttäuscht.Foto: REUTERS

Omar Asfar war General der syrischen Truppen - und desertierte. Danach kämpft er mit den Aufständischen gegen seinen früheren Chef Baschar Al-Assad - und wendet sich auch von ihnen ab. Nun hat er jede Illusion verloren

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Omar Asfar ist ein kräftiger Mann, den nicht so leicht etwas umwirft. Man darf vermuten, dass er damals, in Syrien, ein recht gutes Leben geführt hat. Jetzt aber, in seiner Wohnung in der jordanischen Hauptstadt Amman, sitzt er zusammengesunken in einer Ecke des Sofas. Unter den Augen liegen tiefe Schatten. Die Erschütterungen der vergangenen Monate sind ihm anzusehen.

Bis Juli vergangenen Jahres diente der 53-Jährige seinem Präsidenten Baschar al-Assad als General der syrischen Armee. Doch dann „machte er sein Video“, wie es im Jargon der Aufständischen heißt: Er desertierte und gab diese Entscheidung in einer Videobotschaft bekannt, die er internationalen TV-Sendern zuspielte. Omar Asfar schloss sich der Freien Syrischen Armee an, aber nicht für lange Zeit. Schon nach wenigen Wochen kehrte er unter Protest auch den Rebellen den Rücken. Jemand mit seinem militärischen Rang, der gleich zweimal von der Fahne gegangen ist, muss vieles erklären. „Wo soll ich anfangen?“, fragt er.

Sohn im Gefängnis

Als 19-Jähriger, erzählt Asfar, sei er in die syrische Armee eingetreten, habe dann Ingenieurswissenschaften studiert und schnell Karriere gemacht. Zuletzt sei er als Brigadegeneral für den militärischen Fuhrpark zuständig gewesen. Die Familie lebte in Damaskus, seine vier Söhne und die Tochter besuchten Schule und Universität. Er hatte ein gutes Auskommen, genoss die Privilegien seines Ranges, Anerkennung. So hätte es weitergehen können.

Doch dann begann im März 2011 auch in Syrien der sogenannte Arabische Frühling – und zwar ausgerechnet in der Provinzstadt Daraa. Von dort stammt die Familie des Generals. „Natürlich haben wir genau verfolgt, was passiert. In einem solch kleinen Ort kennt man einander “, sagt Omar Asfar.

An dieser Stelle mischt sich sein Sohn Mohammed ein, ein schlaksiger 18-Jähriger, der mit einem Laptop auf den Knien das Gespräch verfolgt hat. „Als die Revolution losging, bin ich sofort nach Daraa gefahren“, sagt er. Eilig unterbricht ihn der Vater: Der Junge habe aber nicht demonstriert, versucht er abzuwiegeln. Doch der Sohn schaut ihn nur verständnislos an. „Alle haben sich an den Demonstrationen beteiligt!“, sagt er und ignoriert den warnenden Blick des Vaters. Als er verhaftet wurde, habe er sich eingeredet, als Sohn eines Generals werde ihm nichts passieren. „Doch was dann geschah“, sagt er, „ist so schrecklich, dass ich es nicht beschreiben kann. Alle erdenklichen Arten der Folter wurden mir angetan.“

Nun schildert er doch, was ihm widerfuhr. Er habe Stromschläge bekommen, sei an den Armen aufgehängt worden, habe die Schreie der anderen Gefangenen hören müssen. „Dazu kam die Gewissheit, dass ich mit meiner Verhaftung meinem Vater große Schwierigkeiten bereiten würde.“ Der General seufzt, doch: Genau so ist es gekommen. „Ich wurde kaltgestellt. Man versetzte mich auf eine Stelle, auf der es nichts zu tun gab. Ich blieb einfach zu Hause“, sagt er. Von dort aus verfolgte er, wie eine ganze Reihe seiner Offizierskollegen desertierten und ins Ausland flohen. Er blieb – noch. „Ich konnte nicht gehen, weil Mohammed im Gefängnis war. Außerdem wollte ich abwarten, bis mein anderer Sohn sein Examen bestanden hätte“, sagt er.

        

Omar Asfar, Ex-General und Ex-Rebell.
Omar Asfar, Ex-General und Ex-Rebell.
Foto: julia gerlach

Dann kam Mohammed wieder frei, und im Juli 2012 war es so weit: Omar Asfar flüchtete mit der ganzen Familie nach Jordanien. Er nahm auch die Tochter und ihre drei kleinen Kinder mit, die Syrien auf keinen Fall verlassen wollte. „Ich konnte sie doch nicht dort lassen. Wenn ein General desertiert, werden alle Familienmitglieder verhaftet, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben“, verteidigt er sich.

Asfar hielt es nicht lange in in Amman. Schon nach wenigen Tagen reiste er wieder an die syrische Grenze und begann, mit Jugendlichen aus Daraa eine Miliz aufzubauen. „Ich bat die Kommandeure der Freien Syrischen Armee um Waffen und Geld“, berichtet er. „Sie gaben mir nichts. Sie sagten, ich sei nicht zuständig.“ Nach langen Diskussionen gab der General auf und kehrte zurück nach Amman. Seitdem verbringt er seine Tage im abgedunkelten Wohnzimmer der Drei-Zimmer-Wohnung, die ihm die jordanische Regierung für seine zehnköpfige Familie zur Verfügung gestellt hat, und hängt dunklen Gedanken nach.

So viel Angeberei

„Wenn es in Syrien so weitergeht, dann wird der Kampf noch Jahre dauern“, sagt er. Die Vorstellung, dass die Freie Syrische Armee die Streitkräfte Assads besiegen könnte, hält er für naiv: „Aus meiner Zeit im Fuhrpark und im Lager weiß ich genau, welche Waffenvorräte die Regierungsarmee noch hat. Das reicht für weitere fünf Jahre Krieg. Selbst wenn Russland und China die Waffenlieferungen einstellen sollten, kann Assad noch lange weiterkämpfen.“

Die Rebellen ihrerseits seien sehr viel schwächer und schlechter organisiert, als sie es von sich selber behaupteten: „Die Kommandeure übertreiben, was die Anzahl von Kämpfern angeht. Sie machen das, damit sie mehr Waffen und mehr Unterstützung einfordern können“, sagt er. Viele ihrer Erfolgsmeldungen seien schlichte Angeberei: „Die Kommandeure haben kürzlich behauptet, sie hätten vom Flughafen von Damaskus aus den Regierungspalast beschossen. Dabei hatten sie dort gar keine Waffen mit einer solchen Reichweite!“

Asfar ist nicht der einzige Deserteur der Regierungsarmee, der sich anschließend auch von der Rebellen abgewandt hat. Allein in Amman soll es 40 hohe Offiziere geben, die ihre Zeit mit Nichtstun verbringen. Jordaniens Regierung zahlt ihnen ein Gehalt von umgerechnet zehn Euro am Tag. „Es stammt von Geldgebern am Golf, aber ich kann Ihnen nicht sagen, von wem genau. Ich weiß es nicht“, sagt der General.

„Unsere Erfahrung könnte der Freien Syrischen Armee sehr nutzen. Aber diese Leute können Kritik nicht ausstehen, und sie wollen sich auch nicht ändern“, fasst der General seine Eindrücke zusammen. Und die radikalen Islamisten aus dem arabischen Ausland, die den Rebellen zuströmen? Genervt schüttelt der General den Kopf. „Natürlich gibt es sie, und natürlich spielen sie eine Rolle. Eine große sogar“, sagt er. „Aber woran liegt das denn? Die Syrer wollen Assad um jeden Preis loswerden und hoffen auf Hilfe. Vom Westen kommt nichts. Die Islamisten sind die einzigen, die etwas machen. Deswegen bekommen sie Unterstützung durch die Bevölkerung!“ Wenn man ihn frage: Die einzige Lösung sei eine Militärintervention durch die Nato nach libyschem Vorbild.

Aber man fragt ihn nicht.

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