Ägypten - vergebene Chancen
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21. Februar 2013

Syrien: Schutzlos zwischen den Fronten

 Von Silvia Perdoni
Syrisch-orthodoxe Messe in der Augsburger Marienkirche.  Foto: BLZ/SILVIA PERDONI

Syrische Christen fliehen nach Deutschland. Sie wollen keine Seite wählen in einem Konflikt, in dem sie nur verlieren können.

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Syrische Christen fliehen nach Deutschland. Sie wollen keine Seite wählen in einem Konflikt, in dem sie nur verlieren können.

Augsburg –  

Für einen kurzen Moment verschwindet aus den Gesichtern der zwei jungen Männer die Härte. Demütig senken sie den Blick. Die Hände ineinander gelegt, stehen sie vor dem prächtigen Altar der syrisch-orthodoxen Marienkirche in Augsburg. Pfarrer Bitris Ögünc überreicht ihnen das gesegnete Brot als Sakrament. „Antun“ und „Ilyas“ – die beiden geben nur ihre Spitznamen preis – haben an diesem Sonntag zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Deutschland an einem Gottesdienst teilgenommen. Ausnahmsweise hat der Geistliche zugestimmt, ihnen die Beichte gleichzeitig abzunehmen.

Zuflucht in der BRD

2012 beantragten in Deutschland 6196 Syrer Asyl. 947 von ihnen waren Christen. 2011 hatten nur 97 syrische Christen hier Asyl erbeten. Die meisten christlichen Flüchtlinge gehören zur Syrisch-Orthodoxen Kirche, andere zur verwandten Chaldäischen Kirche oder zur Apostolischen Kirche des Ostens. Die Syrisch-Orthodoxe Kirche hat in Deutschland rund 100.000 Mitglieder. Ein Kloster steht in Warburg. Die größten Gemeinden finden sich in Gütersloh, Wiesbaden und in Augsburg, wo etwa 4000 Gläubige leben. In Augsburg stammen viele Gemeindemitglieder aus dem Südosten der Türkei, jahrzehntelang Kampfgebiet zwischen den Regierungstruppen und der Kurdenguerilla PKK.



Antun und Ilyas sind beide 26 Jahre alt, beide sind Christen, beide sind vor sieben Monaten aus ihren Dörfern im Norden Syriens geflohen. Um nicht kämpfen zu müssen, wie sie sagen. „Die Regierungsarmee wollte mich einziehen, damit ich gegen die Rebellen kämpfe. Die Rebellen wiederum kamen zu meinem Vater und erpressten ihn: Entweder kämpfe sein Sohn mit ihnen gegen Präsident Assad, oder er zahle ein Lösegeld, erzählt Antun.

Er verkaufte seinen Friseursalon und zahlte 10 000 Dollar an eine Schlepperbande. Im Schutze der Nacht brachte man ihn über die Grenze, tagelang wartete er in einem winzigen Zimmer auf gefälschte Papiere. Schließlich gelangte er nach Griechenland und stieg dort in ein Flugzeug nach München. Auf seiner vierwöchigen Flucht lernte er Ilyas kennen, der sich auf den gleichen Weg gemacht hatte.

„Als Christ muss man sich in Syrien für eine Seite entscheiden. Wer das nicht tut, gerät unter Generalverdacht, der jeweils anderen Seite die Treue zu halten, und muss mit Bestrafung rechnen“, sagt Ilyas. Dass es ihn und Antun nun ausgerechnet nach Deutschland verschlagen habe, sei eher ein Zufall. „Irgendein christliches Land in Europa“ habe er den Schleppern als Ziel angegeben, erzählt Ilyas, „nur in die Türkei oder in den Libanon wollte ich auf keinen Fall. Denn in den Flüchtlingslagern dort haben die Islamisten das Sagen.“

Schutzlos zwischen den Fronten – so beschreibt auch Simon Jacob die Lage der Christen in Syrien. Er ist Integrationsbeauftragter der Syrisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland und hat Antun und Ilyas heute in die Messe begleitet. Jacob war zuletzt im Sommer 2012 in Syrien und hat sich selbst ein Bild gemacht. „Der Kampf gegen den Diktator wird immer mehr zu einem Kampf der Religionen“, schildert der 34-Jährige seine Eindrücke.

Gut 70 Prozent der Syrer seien Sunniten, rund zwölf Prozent Alawiten wie Machthaber Assad, dazu kämen etwa zehn Prozent Christen und etliche kleinere Gruppen, referiert Jacob. Bei den anderen Religionsgemeinschaften definiere oft schon der Glaube die Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen Lager, was auch einen gewissen Schutz durch die jeweilige Seite mit sich bringe. Bei den Christen sei das nicht der Fall.

Antun und Ilyas sind untergebracht in einem als Flüchtlingsherberge genutzten ehemaligen Hotel in dem stillen Städtchen Bobingen, wo eine zwiebelförmige Kirchturmspitze die bunten Häuser überragt. Nach Augsburg, wo eine der größten syrisch-orthodoxen Gemeinden Deutschlands ansässig ist, sind es nur zehn Minuten Autofahrt. Die beiden haben Glück gehabt. Bei anderen hat Daniyel Aküc, Vorsitzender der Augsburger Gemeinde, dem Glück ein wenig nachgeholfen. Er schreibt jedes Mal eine Empfehlung, wenn er hört, dass wieder syrische Christen als Asylbewerber in München eingetroffen sind. „Ich bitte dann darum, sie nach Augsburg und Umgebung zu verlegen. So können sie am Gemeindeleben teilnehmen und fühlen sich weniger allein“, sagt Aküc, der sich auch an diesem Sonntag wieder als Arabisch-Dolmetscher für die Flüchtlinge verdient macht.

Assad ist das kleinere Übel

In den Doppelzimmern des alten Hotels wohnen Christen und Muslime Seite an Seite. Über Politik wird hier nicht geredet. Nur in der Kirche wagen Antun und Ilyas, ihre Meinung zu sagen, und auch erst, nachdem die anderen Besucher gegangen sind. „Wir wissen, dass Assad ein Diktator ist, der jede Opposition mit Gewalt unterdrückt. Aber wenigstens wir Christen konnten unter ihm in Sicherheit leben“, sagt Antun. „Verglichen mit dem, was uns droht, wenn die Islamisten an die Macht kommen, ist er das kleinere Übel.“

Ein Freund von ihm, berichtet Antun, sei von den Rebellen gezwungen worden, zum Islam zu konvertieren. Simon Jacob nickt, auch von anderen Flüchtlingen hat er schlimme Geschichten gehört. „Unter die Aufständischen mischen sich immer mehr islamistische Extremisten. Die Christen fürchten Repressionen und Terror“, sagt er. Trotzdem gelte es zu bedenken, dass in der Opposition gegen Assad auch etliche Christen aktiv seien: „Pauschalisierungen sind in Syrien fehl am Platz.“

Antun und Ilyas wollen in Deutschland bleiben, auch wenn sie ihre Erwartungen längst kräftig herunterschrauben mussten. „Wir dachten, in Europa kommen wir ins geweihte Land, das Christen mit offenen Armen empfängt“, sagt Antun, und ein verbittertes Lächeln huscht über sein Gesicht. „Stattdessen warten wir seit Monaten auf die Asyl-Anerkennung.“ Er und Ilyas wollen endlich arbeiten dürfen. Die Untätigkeit in der Flüchtlingsunterkunft frustriert sie.

Antun wirkt erschöpft, der Besuch der Messe und das Gespräch haben ihn aufgewühlt. Er scheint froh zu sein, dass er gleich wieder in das Städtchen mit dem Zwiebelkirchturm fahren kann, weit weg von allem. Bevor er die Kirche verlässt, tritt er noch einmal vor den Rollwagen vor dem Altar, auf dem eine mit glitzernden Perlen besetzte Bibel liegt. Fast in Zeitlupe beugt er sich zu der heiligen Schrift herunter, küsst sie und drückt im Anschluss seine Stirn auf das Buch.

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