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Ägypten - vergebene Chancen
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09. Juni 2012

Syrien: Syrische Wahrheiten, syrische Lügen

 Von Steffen Hebestreit
Auch in diesem Fall gilt: Die Authentizität ist nicht nachzuweisen. Es soll sich um eine Anti-Assad-Demonstration in Kfar Nebel handeln.  Foto: dapd

Die derzeitige Situation in Syrien stellt für Journalisten ein ziemliches Dilemma dar. Das Problem: Informationen über mögliche Verbrechen in Syrien sind nicht unabhängig überprüfbar.

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Es ist ein kleiner Satz, rasch überlesen, eher der Vollständigkeit halber in seriösen Zeitungen angefügt. „Von unabhängiger Stelle konnten diese Berichte zunächst nicht bestätigt werden.“ Dieser Satz steht seit Monaten in den Meldungen über schreckliche Ereignisse in Syrien – wenn über Angriffe von Assad-Truppen berichtet wird, wenn von Massakern die Rede ist. In der Regel sind es syrische Oppositionsgruppen im Ausland, die solche Meldungen herausgeben und stets Assads Regime als Urheber nennen.

Der einschränkende Satz ist womöglich von zentraler Bedeutung. Wenn das erste Opfer im Krieg die Wahrheit ist, so läuft auch die Berichterstattung jederzeit Gefahr, zum Opfer des Krieges zu werden, weil sie zwangsläufig Informationen transportiert, die sie oft genug nicht überprüfen kann. Der Journalismus droht, unfreiwillig, der Propaganda der Konfliktparteien aufzusitzen. Es ist ein Dilemma, das sich nicht auflösen lässt.

Viele offene Fragen

Das „Massaker von Hula“ ist ein Beispiel für die Schwierigkeiten. Fakt ist, von unabhängigen UN-Beobachtern überprüft, dass am 25. Mai im Städtchen Hula bei Homs etwas mehr als 100 Menschen getötet wurden, darunter 32 Kinder. Fakt ist auch, dass etwa ein Fünftel von ihnen durch Granaten- oder Mörserangriffe starben. Die anderen wurden aus kleinkalibrigen Waffen erschossen. So haben es die UN-Fachleute bei einem Besuch in Hula am 26. Mai festgestellt.

Überdies schilderten Augenzeugen der Organisation Human Rights Watch, dass zunächst Bewaffnete zwei Kontrollpunkte des syrischen Militärs in der Stadt angegriffen hätten, woraufhin die Militärs stundenlang mit schweren Waffen geantwortet hätten.

Am späten Nachmittag seien Uniformierte gekommen, die die anderen Menschen töteten. Allein 60 Personen gehörten einer Familie an – einer Familie, die als regimetreu galt. Unklar ist, wer die Männer in Militärkluft waren. Regierungstruppen, die Aufständische bekämpfen wollten? Regimetreue Milizen mit gleichem Auftrag? Anhänger einer der etwa 200 Oppositionsgruppen, die es inzwischen gibt? Sunniten, Schiiten, Alawiten, Kurden? Niemand weiß es.

Wer ist verantwortlich?

Der UN-Sicherheitsrat hat das Massaker von Hula völlig zu Recht verurteilt und verlangt, die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen. Nur: Wer sind diese Verantwortlichen? Öffentlich hat sich die Lesart durchgesetzt, es könne nur einen Verantwortlichen geben, schließlich sei Syrien eine Diktatur: Baschar al-Assad.

Die USA, Großbritannien und viele andere Mächte haben ihn aufgefordert, die Gewalt zu beenden. Ob die Morde von Hula tatsächlich im Auftrag oder mit Billigung Assads geschahen, daran zweifelt selbst die Bundesregierung. Sie verfügt zumindest über Informationen, wonach Assad überrascht reagiert habe, als das Massaker bekannt wurde. Als Beleg für seine Unschuld ist das zu dürftig. Doch wie steht es um die Belege für seine Schuld?

Längst kontrolliert das syrische Regime nicht mehr alle Landesteile. Aufständische, darunter die wohl 4000 bis 7000 Mann der „Freien Syrischen Armee“, marodieren durchs Land. Aber auch Assad-Milizen, die rücksichtslos gegen Regimegegner vorgehen sollen, voran die Schabiha-Miliz, die einem Cousin Assads unterstellt sein soll. Klar ist auch, dass der Diktator mit großer Härte gegen die Aufständischen vorgehen lässt. Die Lage bleibt unübersichtlich, vieles scheint möglich. Die Berichterstattung muss aber stets deutlich machen, wie wenig sie weiß und mit wie viel Vorsicht alle Informationen zu genießen sind.

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