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Ägypten - vergebene Chancen
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25. Juli 2012

USA schreckt zurück: Einsatz gegen Syriens Chemiewaffen zu teuer

 Von Bettina Vestring
Gespannt blicken Israelis über die Grenze nach Syrien.  Foto: afp

Die Kämpfe in Syrien toben weiter. Betroffen ist vor allem die syrische Wirtschaftsmetropole Aleppo. Derweil schrecken die USA vor einem Einsatz gegen die syrische Chemiewaffen zurück - zu gefährlich, zu teuer.

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In der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo haben sich Aufständische und Regierungstruppen heftige Gefechte geliefert. Mit Hubschraubern und Kampfflugzeugen versuchten die Streitkräfte, die Millionenstadt wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Unterdessen besetzte Präsident Baschar Assad mehrere Schlüsselpositionen in seinem Sicherheitsapparat neu.

Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von schweren Luftangriffen auf Aleppo. Die amtliche Nachrichtenagentur SANA meldete, Soldaten hätten den Rebellen bei Kämpfen in den Vierteln Salaheddine und Sukkari schwere Verluste zugefügt. Zudem weiteten sich die Gefechte auf vormals friedliche Stadtteile wie Firdus im Süden und Arkub nahe dem Zentrum aus. „Es ist wie in einem Kriegsgebiet. In großen Teilen der Stadt gibt es Straßenkämpfe“, sagte der Aktivist Mohammed Said per Telefon aus Aleppo. Im Hintergrund waren Gewehrfeuer und Explosionen zu hören. „Aleppo hat sich Homs, Hama und anderen revolutionären Städten angeschlossen.“

Die Hauptstadt Damaskus hingegen schien wieder unter der Kontrolle von Assads Truppen zu stehen. Dort hatten die Rebellen in der vergangenen Woche eine Großoffensive gegen die Streitkräfte gestartet.

Streit und Verluste

Der Syrische Nationalrat streitet über eine Übergangsregierung. Zuerst kündigte mit Georges Sabra einer seiner Sprecher an, man sei einverstanden mit einer Übergangsregierung unter einem Assad-Vertrauten. Die Sprecherin Bassma Kodmani aus Paris dementierte, das käme nicht in Frage.

In der Wirtschaftsmetropole Aleppo sollen sich syrische Rebellen am Dienstag weiter heftige Kämpfe mit Regierungssoldaten geliefert haben. Die Kämpfe hätten das UN-Weltkulturerbe der Altstadt von Aleppo erreicht. Die syrischen Rebellen würden bei den Kämpfen um Aleppo schwere Verluste erleiden, berichten Augenzeugen. Damaskus soll wieder vom syrischen Militär kontrolliert werden.

Auseinandersetzungen bahnen sich zwischen syrischen Flüchtlingen und ihren Gastgebern an. In jordanischen Lagern brachen Tumulte aus, in türkischen Flüchtlingslagern gab es Aufstände. In einer Containerstadt in Öncüpinar kamen 15.000 Flüchtlinge unter, sie klagen über Hunger und Durst sowie Wucher und Erpressung.

Die Welt passt auf

Derweil wächst die Sorge um Syriens Chemiewaffen wächst. US-Präsident Barack Obama warnte die syrische Regierung vor dem Einsatz von Chemiewaffen. „Angesichts des Chemiewaffenarsenals des Regimes werden wir Assad und seine engsten Mitarbeitern weiter vor Augen halten, dass die Welt aufpasst“, sagte Obama.

Die oppositionelle Freie Syrische Armee meldet, Regierungstruppen hätten C-Waffen an grenznahe Flughäfen des Landes verlegt Man habe genaue Kenntnisse über die Standorte der Waffen und die Anlagen zu ihrer Herstellung, teilten die Rebellen mit. Nach israelischer Einschätzung hat das Regime von Bashar al-Assad das Giftgas-Arsenal derzeit noch unter Kontrolle. Aber wie lange noch?

Vorräte aus geheimen Fabriken

Syrien besitzt nach Einschätzung westlicher Experten eines der größten und modernsten Chemiewaffen-Arsenale der Welt. Dazu gehört Senfgas, das im Ersten Weltkrieg eingesetzt wurde, aber auch das Nervengas Sarin, mit dem Terroristen 1995 Anschläge in der Tokioter U-Bahn verübten. Möglicherweise verfügt Syrien sogar über VX-Gas. Die Vorräte wurden seit den 80er Jahren offenbar mit russischer Hilfe in geheimen Fabriken hergestellt.

Die syrische Führung bestätigte am Montag zum ersten Mal selbst, dass sie über chemische und biologische Waffen verfüge. Sie würden aber nur im Falle einer Aggression von außen eingesetzt. Doch diese Versicherung ist von zweifelhaftem Wert: Nach Auffassung der Regierung wird der Aufstand ohnehin aus dem Ausland gesteuert.

Angst vor Terroristen

Noch mehr Angst macht westlichen Experten die Vorstellung, das Giftgas könnte radikalen Islamisten in die Hände fallen. In Syrien seien Kämpfer des Terrornetzwerks Al Kaida und der libanesischen Hisbollah aktiv. Sie könnten versuchen, C-Waffen gegen Israel oder Ziele im Westen einzusetzen.

„Es steht außer Frage, dass Syrien riesige Vorräte besitzt. Wenn sie in die falschen Hände fallen, stellen sie eine Bedrohung für die Sicherheit nicht nur der Region, sondern auch der USA dar“, sagte US-Verteidigungsminister Leon Panetta bereits im März. Das Chemiewaffen-Problem in Syrien sei „hundertmal“ schlimmer als in Libyen, wo es westlichen Soldaten nach dem Sturz Gaddafis dank einer großen Anstrengung gelang, die Giftgasvorräte unter ihre Kontrolle zu bringen.

USA greifen nicht ein

Aus der Luft lässt sich das syrische Arsenal nicht zerstören. Die Gefahr einer großflächigen Kontamination wäre groß, viele Lager sind tief in der Erde verbunkert und schwer zu treffen, und zudem verfügt die syrische Armee noch immer über eine leistungsstarke Luftabwehr. Um die Chemiewaffen wirklich unter Kontrolle zu bringen, bräuchte es Bodentruppen – und zwar zahlreiche. CNN berichtete im Februar, der Pentagon veranschlage dafür bis zu 75.000 Soldaten.

Die US-Regierung schreckt vor einem Eingreifen zurück – zu groß, zu gefährlich, zu teuer. Aber es mehren sich die Spekulationen, dass jordanische Spezialeinheiten mit Unterstützung Israels und der USA versuchen könnten, die Lagerstätten zu sichern, falls Syrien im Chaos versinkt. Im Juni hielten 19 Staaten, unter ihnen die USA, in Jordanien die Übung „Eager Lion 12“ ab, an der mehr als 12.000 Soldaten beteiligt gewesen sein sollen. Dort soll auch geübt worden sein, den Schmuggel von Chemiewaffen aus Syrien heraus zu verhindern.

Leonard Spector, Direktor des James Martin Center, machte jetzt einen ungewöhnlichen Vorschlag: Man solle den syrischen Spezialeinheiten, die die Chemiewaffen-Lager bewachen, Schutz und sogar eine Belohnung versprechen. So könnten sie davon abgehalten werden, zu desertieren oder die Waffen gar selbst weiterzuverkaufen. (mit dapd)

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