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Theater

21. November 2010

Theater: Afrika, wir entkommen dir nicht

 Von Peter Michalzik
Hungrig? Oda Thormeyer beißt Matthias Leja in Wilfried Minks’ Berliner Inszenierung von „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“. Foto: Heji Shin

Roland Schimmelpfennigs „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ ist gleichzeitig von Martin Kusej am Deutschen Theater in Berlin und von Wilfried Minks am Thalia Theater in Hamburg zu sehen.

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Wir alle wissen, was in Afrika geschieht. Wenn wir es nicht wissen, liegt es an uns: Wir könnten es leicht erfahren, auch wenn Afrika nicht gerade eines der medialen Top-Themen ist. Und jeder hat die freie Wahl. Entweder hilft er den Opfern von Gewalt oder Krankheit, vor allem Aids, oder er lässt es bleiben.

Martin und Carol haben sich für Hilfe entschieden. Sie waren als Ärzte sechs Jahre in einem afrikanischen Krisengebiet. Sie haben dort ein Mädchen aufgenommen, das keine Überlebenschance hatte, obwohl ihnen abgeraten wurde. Ihre Freunde Liz und Frank, man kennt sich von der gemeinsamen Zeit im Krankenhaus, damals war man sich sehr nah, sind hier geblieben. Sie leben jenes Leben des gehobenen Mittelstands, das fast alle leben wollen: eigenes Kind, eigenes Haus.

Nun sind Martin und Carol zurück aus Afrika, die bürgerkriegsähnlichen Zustände wurden zu bedrohlich, und sie sind bei Liz und Frank zum Abendessen eingeladen. Alle freuen sich. Liz hat trotzdem nur etwas Kaltes zubereitet, sie will nicht die ganze Zeit in der Küche stehen. Ihr Kind wird nicht stören, es ist für den Abend bei den Nachbarn untergebracht. Im Übrigen werden die üblichen, also reichlichen, Mengen Alkohol getrunken.

Unter großen Risiken haben die einen das Moralische getan, die anderen haben unterdessen ihren Wohlstand gemehrt, auch wenn sie regelmäßig Geld für das Mädchen überwiesen haben. Der Konflikt ist also da, er lässt sich nicht aus der Welt reden, auch wenn hier niemand jemand etwas vorwerfen will. Kann man daraus ein gutes Theaterstück machen?

Die erste Antwort, die der Autor Roland Schimmelpfennig gibt, ist seine in eigenartige Schwebe gebrachte Sprache. Er nimmt sehr einfache Sätze, die wir alle dauernd sagen, und macht sie sozusagen nackt. „Ihr seht gut aus“, sagt Frank am Anfang zu den ankommenden Martin und Carol. Worauf Liz, auf einer zweiten Ebene des Stücks, wie wenn sie im Off sprechen würde, kommentiert: „Wobei das nicht ganz stimmte.“ Zuvor hatte Liz geweint. Aus Wiedersehensfreude? Oder weil sie schon Teil einer Tragödie ist? Bald sagt Liz: „Vor sechs Jahren waren wir jung.“ Und nach einer kurzen Pause: „Und jetzt sind wir alt!“ Niemand kann solche Sätze, gewöhnlich bis zur totalen Banalität, vieldeutig bis zur tragischen Abgründigkeit, so ausstellen wie Schimmelpfennig.

Szenenschnipsel wie in einem Film

Durch seine aufmerksame Haltung zur Sprache gelingen ihm Einblicke in Hirnzonen, die bisher unausgeleuchtet waren. Er schaut zugleich amüsiert und trauernd auf sich und uns, ironisch und teilnehmend, vertraut und distanziert. Das aber macht noch kein Theaterstück.

„Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ versucht darüber hinaus, unser glattgebügeltes Gerede zu knacken. Schimmelpfennig zerreißt die Dialoge und lässt die Figuren neben sich stehend sich selbst kommentieren, wie er das schon oft getan hatte. Nur dass dieses Stück in viele Szenenschnipsel zerteilt ist, als ob wir einen Film vor uns hätten, den man beliebig schneiden kann. Es gibt zwei gleichberechtigte Ebenen, Handlung und reingeschnittener Subtext.

Es ist schon erstaunlich, dass ein Autor, der so mit Sprache und Bühne umgeht, der erfolgreichste deutsche Dramatiker ist. Schimmelpfennigs verkaufen sich seit Jahren wie geschnitten Brot, der Autor produziert kontinuierlich immer neue Scheiben und hält dabei Qualität und Niveau. „Peggy Pickit“ war schon in Toronto als Teil einer Afrika-Trilogie zu sehen, an diesem Wochenende zeigten es Martin Kusej am Deutschen Theater in Berlin und Wilfried Minks am Thalia Theater in Hamburg. Im Dezember folgt eine Aufführung am Wiener Burgtheater, dort führt der Autor selbst Regie.

Kommt-doch-erst-mal-rein. Noch-was-zu-trinken? Ich-muss-mich-hier-nicht-streiten. Ulrich Matthes als Frank gibt in Berlin Brüchstücke der handelsüblich-gutgelaunten Zustände an solchen Abenden. Momentweise kippt das Spiel auch ins Komödiantische. Matthes aber kann sich damit nicht durchsetzen, auch nicht gegen sich selbst. Erdrückend oft stehen alle neben sich. Annette Murschetz hat dazu den handelsüblich weißen Kasten inklusive Neonlicht ins Deutsche Theater gesetzt. Da steht er dann, der Mensch. Starr, isoliert, festgefroren im Ungesagten. Oh weh.

So gibt Kusej den Unter-, nicht aber den Vordergrund. Darüber geht der Zusammenhang verloren, und vier Personen suchen ihr Spiel. Man sieht die Risse, nicht aber die Oberfläche. In diesem Untergrund fühlt sich Maren Eggert als Liz am wohlsten. Für Liz in ihrer selbstbezogenen Körperlichkeit wird die emotionale Bindung, die ihre Tochter zu dem fremden Mädchen hat, das Martin und Carol bei sich aufgenommen hatten, das Wichtigste der Welt.

Theater oder doch nur Konstruktion?

Ihre Tochter will ihre Peggy-Puppe an das fremde Mädchen in Afrika schicken. Aber wo ist das Mädchen? Vielleicht schon tot, sicher aber todgeweiht. Was soll Liz nun ihrer Tochter sagen? Martin und Carol haben auch eine Puppe mitgebracht. Die vier nennen sie Annie Abeni. Annie heißt das Mädchen in Afrika. Aus Liz’ Mund beginnen nun Peggy Pickit und Annie Abeni miteinander zu sprechen. So schwer ist es, Afrika und Europa in einen Dialog zu bringen. Peggy Pickit allein erfährt die Gnade, das Andere zu sehen.

Am Ende kommt es zu Handgreiflichkeiten zwischen Liz und Carol, für die Sophie von Kessel ihre Wange hinhält. Nach Maren Eggerts Spiel ist das als zweiter emotionaler Höhepunkt des Abends sehr mager. Ist das überhaupt noch Theater? Oder doch nur Konstruktion? Nach eineinhalb Stunden meint man in Berlin zu wissen, dass „Peggy Pickit“ nicht aus den Puschen kommt.

In Hamburg gibt es neuen Schwung. Die Aufführung von Wilfried Minks im Thalia ist schneller, leichter, aufgedrehter. Nach einer guten Stunde ist man durch. Fragt man sich in Berlin, ob man das überhaupt zusammenhängend spielen kann, ist hier die Antwort klar. „Peggy Pickit“ ist zunächst eine Komödie. Ungezählte Zuschauer werden den Vergleich zu Albees „Virginia Woolf“ und Rezas „Gott des Gemetzels“ ziehen, woran immerhin stimmt, dass es je zwei streitende Paare sind, über die man lachen kann.

In Hamburg zeigt sich, dass „Peggy Pickit“ schnell eine intelligente Bühnenparabel wird, wenn man die Komödie spielt. Vier Personen geben vier Antworten auf den Skandal des afrikanischen Elends, die alle keine Lösungen sind. Und der Streit der vier kommt aus dem Leben, in das sie eingesperrt sind. Matthias Lejas Frank ist ein Kleinbürger, der sich mit seiner Rolle als Depp der Familie abgefunden hat. Oda Thormeyers Liz ist eine Gattin, die sich damit nicht abgefunden hat. Wenn sie sich am Ende über Frank beugt, um ihm ins Ohr zu brüllen, dass er von der Grausigkeit der Welt nichts verstanden hat, ist das sehr abgründig, sehr komisch und sehr vergeblich.

Die Aufführung unterscheidet die Ebenen nicht immer scharf, das gibt ihr Schwung, aber nimmt ihr Klarheit und Witz. Wo in Berlin ein Müllhaufen überflüssig war, ist es hier der Augenstrahl Gottes. Deutlich aber zeigt sich in Hamburg: „Peggy Pickit“ ist richtiges Theater. Und Roland Schimmelpfennig ein postmoralischer Autor, starke Stimme einer vor allem sich selbst gegenüber skeptischen Generation. Es ist eine Generation, die, wenn man ihr böse will, zum Wohlfühleigenheim auch das gute Gewissen haben wollte. Oder die, wenn man ihr gut will, das Engagement nicht aufgegeben hat. „Peggy Pickit“ hält die moralische Verunsicherung aus und gibt keine falschen Antworten.

„Ich kann nichts dafür“, sagt Frank am Ende. Er hat ja Recht. Afrika entkommt er trotzdem nicht.

Thalia Theater, Hamburg: 26. November 2010, 8., 16., 19., 29. Dezember 2010 www.thalia-theater.de

Deutsches Theater, Berlin: 23., 26. November 2010, 1., 9., 13., 16. Dezember 2010 www.deutschestheater.de

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