"Heimat“ heißt das letzte Prosastück, das Bruno Schulz, der geniale Schöpfer phantastisch wuchernder Erzähl- und Bilderwelten, Ende der 1930er Jahre geschrieben und veröffentlicht hat. Der Ich-Erzähler dieser utopischen Geschichte, ein in seinem Geburtsland verkannter Künstler, sucht Zuflucht im „heißersehnten Land seiner Jugendträume“. Dort, in einer von weiten Landschaften umgebenen Stadt, durch die die „warmen Winde des Westens“ wehen, deren „Süße die Erinnerung zum Verblassen bringt“, findet er Asyl und jene Anerkennung, die ihm Vertrauen zum Leben gibt, sein Schaffen beflügelt und ihn glücklich macht.
Dieser Traumort ist das antipodische Gegenstück zu dem galizischen Städtchen Drohobycz, wo Bruno Schulz 1892 als Österreicher geboren wurde, wo er als Pole in Armut und Sorgen lebte und wo er 1942 als Jude von einem SS-Mann erschossen wurde. Die heute zur westlichen Ukraine gehörende Provinzstadt ist der Hauptschauplatz im mythischen Erzählkosmos des zweifach Begabten. Sowohl das dichterische als auch das bildnerische Werk entspringen dem Erinnerungsreich der Kindheit.
Von Schulz’ beiden großen Erzählzyklen ist nun nach den „Zimtläden“ auch „Das Sanatorium zur Sanduhr“ erschienen, ergänzt um einige verstreute Werke. Damit liegen nun beide Zyklen in einer wunderbaren Neuübersetzung von Doreen Daume vor. Wie schon der labyrinthische Geschichtenzyklus der „Zimtläden“ handelt auch das „Sanatorium“ in weiten Teilen vom Niedergang des jüdischen Tuchhändlers Jakub, der Bruno Schulz’ bewundertem früh verstorbenem Vater nachempfunden ist. Der dichtende Sohn schildert ihn aus der Sicht des Kindes. Er lässt ihn in immer neuen Metamorphosen als geschäftigen Kaufmann, phantastischen Magier oder Demiurgen auferstehen und weiterleben. Dabei bietet die Perspektive des Kindes dem Autor die Möglichkeit zu unbegrenzter Phantasie. „Mein Ideal“, so meinte er 1936 gegenüber einem Freund, „ist es, zur Kindheit heran zu ,reifen‘.“
Einholen der verlorenen Zeit
Die längste und titelgebende Erzählung thematisiert, was sich leitmotivisch durch das gesamte Werk zieht: das Einholen der verlorenen Zeit, ihr Anhalten, Sich-Verzweigen und Vergehen. „Das Sanatorium zur Sanduhr“ beginnt mit einem Wettlauf mit der Zeit. Józef, der Ich-Erzähler, dessen Vater in einem Sanatorium liegt, macht sich mit der Eisenbahn auf den langen Weg dorthin in der Hoffnung, den Schwerkranken noch lebend anzutreffen.
Obgleich es Tag ist, schlafen im Sanatorium alle. Als Józef auf den Arzt trifft, gilt seine erste Frage dem Vater. Lebt er noch? „Innerhalb der situationsbedingten Grenzen“, ist die rätselhafte Antwort. Da man die Zeit im Sanatorium zurückgestellt habe, sei der Tod, der seinen Vater in der Heimat bereits ereilt habe, hier noch nicht eingetreten. Der Vater liegt schnarchend im Bett einer eiskalten, staubbedeckten Kammer. Der müde Sohn schlüpft zu ihm unter die Decke. Mit dem nächsten Tag beginnt eine Folge phantastischer Ereignisse, grotesker Szenerien, abenteuerlicher Verwandlungen. Der Vater teilt dem erstaunten Sohn mit, er gehe zu seinem Tuchladen. Als Józef ihm folgt, sieht er ihn kauend und gestikulierend an einem von Speisen überladenen Tisch sitzen. Zurückgekehrt ins Sanatorium, sieht Józef den Vater, ein „erbarmungswürdiges Imitat“ des Lebens, dort im kalten Zimmer liegen. Seit Tagen, klagt er, kümmere sich niemand um ihn.
Der Sohn wundert sich: Wie passt das zusammen? Schuld, so glaubt er, sei „der rasche, von niemandem überwachte Zerfall der Zeit“. War es nicht verwerflich, die Zeit so zu manipulieren, wie es hier geschah? Im Raum darf man umherschweifen und Purzelbäume schlagen. Doch die Zeit ist etwas Unantastbares. Józef hat das Gefühl, einer Täuschung aufgesessen, in einen Hinterhalt geraten zu sein. Ein Wachhund, der ihn anfällt, eine grauenvolle Bestie, ist auf einmal ein Mensch. „Ein Mensch an der Kette, den ich in simplifizierender, metaphorischer, pauschaler Verkürzung unbegreiflicherweise für einen Hund gehalten hatte.“ Dieser Mensch erweist sich als so hündisch anhänglich, dass der Ich-Erzähler flieht, bis er sich schließlich in der Eisenbahn wiederfindet. „Seit dieser Zeit fahre ich, ich fahre ohne Unterbrechung“ – ein Ahasver, ewig unterwegs.
Immer wieder scheinen in Bruno Schulz’ Erzählkosmos Splitter und Sequenzen auf, die aus Mythen, Legenden, Märchen, Träumen vertraut sind. Und doch wirkt alles einzigartig und neu. Es wirkt so dank seiner schwelgerischen Fabulier- und Worterfindungskunst, einer originellen poetischen Metaphorik, eines ausgeprägten Sinns für Paradoxes. Die Ermordung von Schulz bedeutete das Ende auch einer ekstatischen Phantasie. Der flirrende Schatten, der Blick in eine Briefmarkenmappe oder eine Radierung von Rembrandt genügten diesem Autor, um beunruhigend neue Welten erstehen zu lassen.
Bruno Schulz: Das Sanatorium zur Sanduhr. Aus dem Poln. u. mit einem Nachwort von Doreen Daume. Hanser, München 2011, 368 S., 24,90 Euro.