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Kolumne: Ai Weiwei

Offenbar fürchtet auch der chinesische Despotismus, der am Sonntagmorgen den Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei verhaften und an einen unbekannten Ort verschleppen ließ, das Individuum als Ultima Ratio der Unabhängigkeit.

Christian Thomas ist Ressortleiter des Feuilletons der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Diktaturen demonstrieren immer wieder ihre Fixierung auf das Subjekt. Fortdauernd in ihrem Fokus steht der Einzelne – doch diese Hörigkeit beschränkt sich nicht nur auf die Verherrlichung des Despoten. Abhängig zeigt sich die schiere Willkür von der Fixierung auf den unabhängigen Geist.

Die Regimes der UdSSR und der DDR, ebenso wie jetzt die Diktatur Chinas, ließen sich durch Köpfe irritieren, die Namen lauteten Biermann oder Havemann, Sacharow oder Solschenizyn. Es gab zahllose Köpfe, die Opfer von Bespitzelung und Einschüchterung wurden, von Psychoterror, von Verschleppung und Folter. Im Fadenkreuz der Despoten war es der Oppositionsgeist des Einzelnen, der sich, bei aller Angst um Leib und Leben, nicht beirren ließ.

Offenbar fürchtet auch der chinesische Despotismus, der am Sonntagmorgen den Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei verhaften und an einen unbekannten Ort verschleppen ließ, das Individuum als Ultima Ratio der Unabhängigkeit. Mit der Freiheitsberaubung Ai Weiweis veranschaulicht das chinesische Regime in den Tagen, in denen in Peking die Schau „Die Kunst der Aufklärung“ in Szene gesetzt wird, welche Auffassung es von der Kunst, der Meinungsfreiheit, von Aufklärung hat.

Mit dieser schlug die historische Stunde des souveränen Subjekts. Dass sich Chinas Diktatur von einem Einzelkämpfer dermaßen herausgefordert sieht, mag mit der Fixierung auf Köpfe zu erklären sein – mit einer für Ai erbarmungslosen Projektion. Allein Ais weltweite Prominenz dürfte ihm einen gewissen Schutz verschaffen, auf dass Ai, anders als tausende Opfer der chinesischen Diktatur sonst, die Haft einigermaßen unversehrt übersteht.

Vor der Eröffnung der Ausstellung „Die Kunst der Aufklärung“ war intensiv über die politische Indienstnahme durch das chinesische Regime diskutiert worden. Jetzt steht die Indienstnahme der Schau durch die Verantwortlichen in Deutschland an, angefangen von den beteiligten Museen aus Berlin, München, Dresden bis hin zum Kanzleramt. Es geht bei der Indienstnahme um nichts weniger als den Artikel 1 der Aufklärung: die Menschenrechte.

Autor:  Christian Thomas
Datum:  4 | 4 | 2011
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