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09. März 2016

Bildung: Inklusion statt Exklusivität

 Von Susanne Gölitzer
In der Schule müssen Werte auch gelebt werden.  Foto: dpa

Solidarität sollte ein Grundwert in den Schulen sein. Doch ab der 5. Klasse beginnt die Entsolidarisierung insbesondere an den Schulen, die wie die Gymnasien auf Exklusivität setzen. Der Gastbeitrag.

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Schulen repräsentieren gesellschaftliche Werte, die die Basis unseres Zusammenlebens ausmachen. Sie institutionalisieren diese Werte und hauchen ihnen Leben ein. Deshalb sollten wir darüber reden, welche Werte in der Schule den Ton angeben. Die UNESCO hat (vor langer Zeit) Leitlinien für gute Schulen herausgegeben. Dazu gehören: mit Vielfalt konstruktiv umgehen, das Selbstbestimmungsrecht jedes Menschen ernst nehmen, Ressourcen nachhaltig nutzen, an gesellschaftlichen und politischen Prozessen teilhaben. Damit Werte zu alltäglichen Orientierungen und Handlungen werden können, müssen sie im Tagesablauf, in der Stundenplangestaltung, der Fächerkombination, der Haltung der Pädagogen, der Zusammenarbeit von Eltern und Lehrkräften, dem Curriculum ablesbar sein. Ein Schild an der Tür reicht nicht.

Es gibt viele Schulen, die genau diese Werte umsetzen, indem sie inklusiv arbeiten, Schüler demokratisch an Schulentwicklung beteiligen, Möglichkeiten zu differenzierten Lernerfahrungen anbieten, fachliche Themen mit der Realität verknüpfen und sich verschiedenen Lebenswelten öffnen. Es gibt aber auch noch viele Schulen, die ab dem fünften Schuljahr auf Exklusivität, fachliche Borniertheit und Entmündigung setzen. Wir sprechen im Jahre 2016 zwar viel von Vielfalt, in vielen Schulen finden wir sie aber nicht. Die Teilhabe von behinderten Menschen in der Schule ist nicht realisiert. Wir reden viel über Schule, nicht aber darüber, welche Erfahrungen unsere Kinder in der Schule wirklich machen sollten.

Eltern fragen nach nur Gymnasien

Auch Eltern fragen selten danach, welche Schule gut im Sinne der oben genannten Werte ist. Sie fragen allein nach dem Gymnasium. Mit dem fünften Schuljahr beginnt eine Entsolidarisierung. Was im Kindergarten und in der Grundschule an Inklusion, kultureller und sprachlicher Vielfalt geschätzt oder geduldet wird, ist mit dem zehnten Lebensjahr zu Ende. Unsere Kinder werden bewertet, beurteilt und auf die verschiedenen Schulformen hin empfohlen.

Mit dem Gymnasium entledigt man sich scheinbar der Auseinandersetzung mit der großen Gruppe von Menschen, die migrationsbedingt eine andere Sprache als Deutsch spricht, man muss nicht mehr darüber nachdenken, wie das Leben und Lernen mit behinderten Kindern gemeinsam gelingen kann und man muss nicht mehr aushalten, dass andere Kinder schlechter rechnen oder schreiben können. Die Angst vor Niveauverlust und Abstieg hängen zusammen.

Wir müssen uns jedoch entscheiden, welche Art zu leben, zu denken, zu arbeiten unsere Kinder lernen sollen und dabei spielt die Schulform eine Rolle, denn exklusive Schulformen können Inklusivität und Offenheit kaum vermitteln.

Mit Vielfalt umgehen lernen kann nur der, der auch in Vielfalt lebt. Kinder und Jugendliche müssen täglich damit umgehen lernen, dass es hoch- und tiefbegabte Köpfe gibt. Eine solche Vielfalt braucht im Unterricht verlässliche individualisierte Phasen und Phasen des gemeinsamen Lernens gleichermaßen, denn nur so erleben Kinder, wie sie ihre unterschiedlichen Fähigkeiten entfalten lernen und was sie zum Gelingen gemeinsamen Handelns beitragen. Viele Probleme unserer Gegenwart (Krieg, Flucht, Umwelt, Technologien und so weiter) machen ein gemeinsames Handeln notwendig.


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In vielen Schulen gibt es Zeiten für selbstorganisiertes Lernen, in denen Kinder und Jugendliche in ihrem individuellen Tempo erfolgreich arbeiten und auch Tests zu einem individuellen Termin schreiben. Auch politische Partizipation lernt man nur, wenn es die Möglichkeit dazu gibt. Dafür braucht es offene Handlungs- und Spielräume. In Projektphasen können eigene Fragestellungen entwickelt werden, in leeren Räumen finden Schüler Möglichkeiten, einen Raum zu gestalten, in Phasen, in denen sie ins Leben müssen, können sie sich geschützt ausprobieren und dann wieder an den „sicheren“ Ort Schule zurückkehren, um dort ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

Lehrerinnen und Lehrer spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie sind als Fachexperten und als Menschen mit Erfahrung gefragt. Die meisten Menschen brauchen zum Lernen eine gute Beziehung. Eine solche entwickelt sich über eine lange Zeit und braucht verbindliche Absprachen. Was braucht eine gute Schule noch? Einen komplexen Zusammenhang differenziert zu betrachten und zu beurteilen, ist das Gebot der Stunde. Kindern und Jugendlichen ist es zuzumuten, sich mit den komplexen Fragen der Welt zu beschäftigen.

Damit das gelingt, müssen Schulen kontinuierlich und nicht nur einmal im Jahr fachübergreifende Themenstellungen und lebenspraktische Fragen aufnehmen und fachliche Zugangsweisen als Instrumente des Verstehens vermitteln. Experten, die zeitweise in die Schule kommen, aber auch außerschulische Projekte und Lehrkräfte, die sich leidenschaftlich einer Sache widmen: das brauchen Kinder und Jugendliche, um unsere Welt zu verstehen, zu schützen und zu gestalten.

Viele Schulen haben sich auf den Weg gemacht, um inklusiv, ganzheitlich, demokratisch und offen zu werden oder sie sind es bereits. Sie gestalten anregende Lernräume und verändern den Tagesablauf, sie bieten regelmäßig Projekte an und sorgen für individuelle Herausforderungen. Die Erfahrung zeigt, dass solche Schulen weder besonders chaotisch sind, noch die Leistungen auf der Strecke bleiben.

Wenn wir das, was wir für wichtig halten, nicht alltäglich in der Schule leben, dann gehen die wichtigen Dinge wieder verloren. Wir sollten uns keine Schulen mehr leisten, die exklusiv, nicht ganzheitlich, nicht demokratisch und unreflektiert traditionsbewusst sind.

Susanne Gölitzer ist Privatdozentin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur und Rektorin an der Integrierten Gesamtschule (IGS) West in Frankfurt-Höchst Sie blogt unter: http://learningbyliving.de/blog

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