Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Aktuelle Kommentare

17. Februar 2016

Regierungserklärung: Merkels Botschaft der Schwäche

 Von 
Bundeskanzlerin Angela Merkel im Deutschen Bundestag während ihrer Erklärung vor dem EU-Gipfel.  Foto: dpa

Angela Merkels Regierungserklärung vor dem EU-Gipfel soll Entschlossenheit zeigen. Dabei nimmt Merkel ihre eigene Niederlage vorweg, weil sie vor europäischer Abschottungspolitik kapituliert. Unser Kommentar.

Drucken per Mail

Eins steht fest: Sie kämpft. Wer Angela Merkels Regierungserklärung zum bevorstehenden EU-Gipfel gehört hat, erlebte eine Kanzlerin, die sich entschlossen und standfest gibt. Auch selbstbewusst im Auftreten, ganz anders, als das sonst bei mancher dumpf vorgelesenen Bundestagsrede erscheint.

Das ist die Botschaft, die sich auf den ersten Blick erschließt. Da steht keine, die sich umhauen lässt von rechten Umtrieben und schlechten Umfragen. Und so, wie der Medienbetrieb oft läuft, könnte es Merkel gelungen sein, vor allem diesen Eindruck zu hinterlassen. Gute Performance, sagt man wohl heute.

Man kann aber auch den Inhalt nehmen, und man kann ihn ins Verhältnis setzen zu den realen europäischen Zerwürfnissen in der Flüchtlingsfrage. Tut man das, dann sieht das Bild etwas anders aus.

Erstens: Das Ziel, die Verantwortung für Flüchtende (meistens einseitig "Lasten" genannt) auf Europa zu verteilen, hat die Kanzlerin zumindest vorläufig aufgegeben. Diese krachende Niederlage gegen die harten Abschotter Europas bemäntelt sie mit dem Argument, dass es darum ja gar nicht gehe. Richtig! Sie verschweigt allerdings, dass es darum deshalb nicht geht, weil Deutschland derzeit nicht den Hauch einer Chance hat, sich durchzusetzen. Merkel wiederholte im Bundestag, es wäre "lächerlich", jetzt größere Kontingente zu fordern, da die längst beschlossenen nicht auch nur im Ansatz erfüllt sind. Das stimmt. Genau daran zeigt sich allerdings, wie weit Deutschland von seinen europäischen Zielen entfernt ist. Die Kanzlerin hat nichts anderes getan, als diese Ziele einer traurigen Wirklichkeit anzupassen. Sie hat also ihre Niederlage vorweggenommen, um sie nicht auf dem Gipfel zu erleiden. Wer zum Finale nicht antritt, kann es nicht verlieren - hat aber schon verloren.

Zweitens: Als neues Gipfel-Ziel gibt Angela Merkel den Wunsch aus, die europäische Mauer gegen Flüchtlinge in der Türkei zu errichten statt zwischen Mazedonien und Slowenien. Wer genau hinhörte, konnte ahnen, dass sicher auch die Kanzlerin ahnt: Es wird nicht helfen. "Zumindest" diese Außengrenze wolle sie "sichern", wie das immer so schön heißt. Aber an anderer Stelle rutschte ihr hinaus: Das habe auch den Zweck, "beim nächsten Mal" - zum Beispiel auf dem Mittelmeer - gerüstet zu sein. Verschämter kann man die traurige Tatsache kaum benennen, dass all diese angeblichen "Sicherungs"-Maßnahmen kaum jemanden hindern werden, den Weg nach Europa zu suchen. Welchen auch immer.

Mehr dazu

Drittens: Dass die Kanzlerin auch Richtiges über die Bekämpfung von Fluchtursachen sagte, ist erfreulich. Das gilt, obwohl in all den Bekenntnissen - etwa zu besserer Versorgung in der Türkei oder in Jordanien und im Libanon - ein unausgesprochenes Eingeständnis eigener Schuld an der jetzigen Lage steckte. Denn all das hat Merkels Deutschland, manchem Appell aus der Gesellschaft zum Trotz, über Jahre versäumt.

Viertens: Klar leierte die Kanzlerin auch die Litanei der neuen und neuesten Asylverschärfungen herunter. Aber das wird ihr nichts nutzen, wenn es dabei bleibt, dass sich "lächerlich" macht, wer das Thema wenigstens ansatzweise europäisch angehen will. Insofern enthielt diese Regierungserklärung trotz allem auch eine Botschaft der Schwäche: Von Europa haben wir derzeit so gut wie nichts zu erwarten.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Brexit

Letzte Chance für die Europäische Union

Von  |

Der Brexit könnte der Anfang vom Ende der EU sein. Um das zu verhindern, müssen die Verantwortlichen die Politik radikal ändern und endlich ein demokratisches und gerechtes Europa schaffen. Der Leitartikel. Mehr...

Fall Niels H

„Es handelt sich um keinen Einzelfall“

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. muss sich wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs vor dem Oldenburger Landgericht verantworten.

Der Fall Niels H. zeigt: Klinische Leichenschauen sind in Deutschland rar. Weil die Kosten dafür niemand tragen will, bezahlen die Patienten von Fall zu Fall mit ihrem Leben. Mehr...

Leitartikel

Das Ende der Volksbühne

Von Ulrich Seidler |

Theaterchef Frank Castorf soll gehen. Das ist in Ordnung. Nachfolger Chris Dercon wird das bisherige Gesamtkunstwerk verändern. Das ist schade.  Mehr...

EZB

Der Frust der Sparer bleibt

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).

Das Bundesverfassungsgericht stärkt mit seiner bemerkenswerten Zurückhaltung die Währungsunion. Was bleibt, ist der Frust der Sparer über die dürren Zinsen. Der Leitartikel. Mehr...

SPD

Überlebenskampf der Sozialdemokratie

Oft scheint bei SPD-Chef Gabriel derzeit die Symbolik im Vordergrund zu stehen.

SPD-Chef Gabriel nährt Spekulationen über eine linke Machtoption. Nur auf die Frage, wozu die SPD wirklich gebraucht wird, gibt ihr Vorsitzender keine Antwort. Der Leitartikel. Mehr...

Brexit-Debatte

Die Insel-Tragödie

Von Barbara Klimke |
Auf dem Spiel stehen Austausch, Ausgleich und Aussöhnung auf dem Kontinent.

Großbritannien läuft Gefahr, sich vom Kontinent nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich und intellektuell zu entkoppeln. Mehr...

Spanien

Das Ende der Siesta

Pablo Iglesias übt sich schon in der Rolle des Staatschefs.

So geht es nicht weiter. Spaniens Politiker haben sich ein halbes Jahr Pause gegönnt. Nach den Neuwahlen am 26. Juni müssen sie sich endlich an die Arbeit machen. Der Leitartikel.  Mehr...

Syrien

Assads blutiger Plan

Der syrische Diktator nutzt im Bürgerkrieg die Zurückhaltung der USA und die Ohnmacht der EU. Iran und Russland unterstützen ihn. Die Folge: Der blutige Konflikt geht weiter. Der Leitartikel.  Mehr...

Wirtschaftskrise

Warnsignal vom Finanzmarkt

Wirtschaftsstandort London. Die Weltwirtschaft steckt in einer tiefen Krise.

Dass Sparer draufzahlen und der Staat für das Schuldenmachen Geld bekommt, hat es in Deutschland noch nicht gegeben. Die Entwicklung zeigt eine tiefe Krise der Weltwirtschaft. Der Leitartikel. Mehr...

Sexualstrafrecht

Nein heißt Nein

Gina-Lisa Lohfink sollte eine Geldstrafe wegen Falschaussage zahlen. Dagegen hat das Modell Berufung eingelegt.

Der Fall Gina-Lisa Lohfink zeigt: Das deutsche Sexualstrafrecht muss endlich reformiert werden. Dann ist jeder nicht-einvernehmliche Sex strafbar. Der Leitartikel.  Mehr...

Anzeige