Kunst

08. Oktober 2010

Albertina Wien: Eingezogene Bäuche

 Von Arno Widmann
Studie einer männlichen Aktfigur, separate Studie ihres Kopfes (1534 – 1536).  Foto: Teylers Museum, Haarlem

Die Albertina in Wien bietet die bislang größte Schau mit Michelangelo-Zeichnungen: Er gehört zu den Künstlern, die, bei aller Akribie der Naturdarstellung, das Ideal noch höher stellten. Was haben also Bäuche bei Michelangelo zu suchen?

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Auch wen man hat prügeln müssen zu dieser Ausstellung – er wird stehenbleiben und genauer schauen wollen. Entweder vor einer Kreuzigung, bei der ihm das demonstrativ ins Bild gehaltene Geschlechtsteil des zur Rechten Christi ans Kreuz gebundenen Schächers auffällt. Der Schächer links von Christus trägt ein Tuch um die Lenden, und auch bei Christus selbst ist kein Penis zu entdecken. Schlägt man nach, so entdeckt man, dass zur rechten Christi traditionell der Schächer hängt, der Reue zeigte und Jesus um Fürbitte bat. Ihm weissagte Jesus, so jedenfalls beim Evangelisten Lukas: „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Dismas heißt dieser Schächer der Legende zufolge. Die katholische Kirche und die orthodoxe gedenken heute noch immer seiner im März. Aber warum sieht man Dismas’ Penis?

Der Katalog beschweigt dieses Kuriosum. Weil die Kunsthistoriker es schon kennen? Nein. Üblich ist diese Unterscheidung nicht. Man weiß, dass die Demonstration des nackten Gliedes des Jesusknaben ein für viktorianische Augen gar zu drastischer Hinweis auf die menschliche Natur des Gottessohnes war. Aber was bedeutet Dismas’ entblößter Penis?

Michelangelo (1475–1564) gehört zu den Künstlern, die bei aller Akribie der Naturdarstellung, bei aller Freude am Körper, das Ideal noch höher stellten. Was haben also, fragt das moderne Bewusstsein, Bäuche bei Michelangelo zu suchen? Sie sind da. Überall. Noch die athletischsten Männer – es gibt fast nur Männer in dieser Ausstellung – haben Bäuche. Das Ideal scheint nicht die Bauchlosigkeit gewesen zu sein.

Freilich darf der Bauch – sieht man einmal von einem Entwurf zu einem fliegenden Engel ab – auch nicht hängen. Er muss eingezogen werden. Und zwar so, dass die Brust deutlich hervorsteht, dass aber der Unterbauch es ebenso markant tut. Wir sind Lichtjahre weit vom Ideal des flachen Bauches entfernt. Freilich auch von allem, was an Fettgewebe erinnert. Was hier nach unten weggedrückt wird, gibt sich für Muskelmasse aus.

Es gibt keine Epheben auf diesen mehr als 100 Zeichnungen. Von ein paar sehr späten Zeichnungen zu einer Muttergottes und einer Heiligen Familie abgesehen, sieht man fast ausschließlich erwachsene, muskulöse Männerkörper. Und bei einer nackten Maria von 1533/34 fällt dem Laien vor allem auf, dass die Brust wie aufgesetzt wirkt – ein Mann mit Busen.

Der hervorragende Kurator der Ausstellung, Achim Gnann, der den Katalog fast im Alleingang geschrieben hat, spricht hier von einem „großartigen Entwurf“. Der Blick in den Katalog lohnt sich hier immer, weil Gnann auch ihm widersprechende Ansichten zitiert. Der Leser wird eingeladen, teilzunehmen an der Auseinandersetzung um Qualität und Bedeutung dieser Zeichnungen.

Natürlich geht es dabei – schon aus finanziellen Gründen – immer zuerst um die Frage der Echtheit. Viele der hier als Michelangelo-Zeichnungen vorgestellten Arbeiten gelten manchem Forscher als Kopien, als Arbeiten anderer Maler. Für den Laien ist interessant, wie diese Debatte geführt wird. Sie zu verfolgen wird ihm helfen, seinen Blick zu schärfen. Vor allem aber zeigt sie ihm, wie brüchig, wie extrem subjektiv die Argumente immer wieder sind, ja sein müssen.

Vielleicht ist Wissenschaft ja im strengen Sinne die Kunst, Kennerschaft überflüssig zu machen. Hier ist aber ohne Kennerschaft nichts zu erkennen.

Eine vergleichbare Michelangelo-Ausstellung hat es noch nicht gegeben, und es wird sie so bald nicht wieder geben. Man kann hier von der – wahrscheinlich – frühesten Zeichnung von 1490–1492, auf der Michelangelo einen Ausschnitt eines Giotto-Gemäldes kopiert, bis zu den drei Blättern aus den Jahren 1555–1564 aus allen Schaffensperioden schönste Blätter sehen. Auf dem frühen Blatt wirkt die Kopie des Giotto-Mannes, als zeichne Michelangelo eine Steinplastik ab. Dabei hat er den linken Fuß des Mannes – Giotto korrigierend – nach vorne gesetzt, so dass jetzt „das Körpergewicht der Figur anschaulicher“ wird. Schöner lässt sich das Widerstrebende von Idealgestaltung und Naturnachahmung und das Scheitern daran kaum beobachten.

Es fehlen in der Ausstellung nicht die Entwürfe zur Sixtinischen Kapelle, nicht die erotisch anzüglichen Arbeiten, die der 57-jährige Michelangelo dem 17-jährigen Tommaso de Cavalieri zuschickte. Aber man spare sich Kraft für die allerletzten Blätter: Maria und Johannes in sich verschränkt – Henry Moore hat so die Menschen gezeichnet, die in den Schächten der Londoner U-Bahn Schutz vor den deutschen Luftangriffen suchten. Auf dem letzten Blatt schmiegen sie sich ans Kreuz. Johannes scheint mit Jesus zu sprechen. Beide sind nackt. Sie sind Bedürftige. Sieht man näher hin, entdeckt man, dass auch diese gebeugten Körper gewaltige Brustkästen haben.

Es sei hier noch auf den Bauch des Johannes und den auffällig hochgezogenen Jesu Christi hingewiesen. Das hat etwas Komisches. Wie die Ästhetik, die ja doch Modesache ist, den später Geborenen immer ein wenig überspannt und ein klitzekleinwenig selbst – ja gerade – im Erhabensten ridikül vorkommt.

Albertina, bis 9. Januar 2011. Der umfangreiche Katalog kostet 29 Euro.www.albertina.at

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