Das Schönste an Super 8 war das Auspacken der belichteten Spulen, wenn sie nach langer Wartezeit aus den Labors von Kodak, Agfa oder Quelle kamen. In den berühmten Tagebuchfilmen des Hamburgers Jan Peters hielt diese Freude an, denn er fügte die Röllchen tageweise aneinander. Das Kino wurde vorübergehend wieder zu dem, was die Brüder Lumière vor hundert Jahren darin sehen mochten: Einem Album der sonst verlorenen Zeit. Peters’ filmende Selbstbespiegelungen waren ebenso hemmungslos wie charmant. Etwa wenn die Kamera in „Dezember 1 – 31“ aus ihrem Fahrradkörbchen fiel, anstatt den Radler Peters zu porträtieren, der sich seinen Weg durch Paris bahnte, wo die oft erwähnte Freundin lebte: Dann wurde Kino tatsächlich eins mit dem Leben.
Jetzt hat Peters einen abendfüllenden Film in der Frankfurter U-Bahn gedreht, das ist eine gute Nachricht. Auch die Idee ist liebenswert: Da seine ominöse Freundin (ist es noch dieselbe?) versehentlich mit seinem Portemonnaie verreist ist, will er sich sechs Wochen lang mit einer kuriosen Geschäftsidee durchschlagen: Mit einer Gruppenkarte der Verkehrsbetriebe will er Passanten billig ans Ziel bringen. Die schlechte Nachricht: Jan Peters ist nun auch auf Video umgestiegen.
Nicht nur der fotografische Zauber ist dahin. Auch der Zwang des Materials zur Beschränkung, die seine Filme bei aller dadaistischen Freiheit strukturiert hatte. So muss nun der Schauplatz Frankfurt für die Schönheit sorgen.
Etwa mit dem 1873 erbauten Südbahnhof. Hier findet Peters seinen wahren Filmhelden, Jürgen Schank, der dort einen Stand betreibt und mit erfindungsreichen Ideen Geld für Obdachlose sammelt. Zu Recht sieht Peters in ihm das Ideal des sozialen Unternehmers. Mit dem eigenen Geschäft läuft es weniger gut, zumal er übereifrig die Ideen eines alternativen Unternehmensberaters umsetzt, um sich und seiner nützlichen Fahrkarte einen professionellen Auftritt zu verschaffen. Endlos darf sich sein Berater vor der Kamera verbreiten ebenso wie eine Frau mit Krauskopf, die bedingungslos für das bedingungslose Grundeinkommen plädiert.
Peters, der Regisseur, tappt derweil in die Falle seiner Filmfigur: Indem er sorgsam ausgewählte Interviewpartner zu sozialen Themen als Zufallsbekannte ausgibt, opfert er sein eigentliches Kapital: Die Authentizität des Selbsterlebten. So wie eben ein Fahrkarten-Verleiher an Glaubwürdigkeit verliert, wenn er wie ein Unternehmer auftritt.
So präsentiert sich auch der ganze Film in einem klinischen Allerweltsdesign, beginnend mit dem schicken Vorspann: Da putzen Arbeiter bei Sonnenaufgang das Euro-Zeichen vor der Europäischen Zentralbank. Wie mögen sie wohl sonst ihren Lebensunterhalt bestreiten? Läge hier vielleicht der Schlüssel zu der Sozialdokumentation, die Jan Peters die ganze Zeit im Kopf hatte?
Nichts ist besser als gar nichts, Regie: Jan Peters, D 2010, 89 Min.