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Altenhilfe

01. Dezember 2010

Annafried G. : Keine Kraft mehr für Träume

Die Rentnerin blickt auf ein hartes Leben voller Arbeit zurück. Mit ihrer winzigen Rente kommt sie kaum über die Runden.

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Vielleicht fährt sie Weihnachten zu ihrer Schwester nach Niedersachsen. Wenn sie kommt wieder auf die Beine. Zu Weihnachten in die Heimat – wobei Annafried G. schon lange nicht mehr von Heimat sprechen kann. Was sie erzählt, klingt eher nach Flucht. Nach Jahren der Schinderei und Misshandlungen ihres Mannes. „Irgendwann hat der Arzt zu mir gesagt, ich solle meinen Mann verlassen, sonst überleb’ ich das nicht.“ Depressiv, nur Haut und Knochen, ein nervliches Wrack und nach zwei Bandscheiben- Operationen körperlich am Boden, so beschreibt sich die 72-Jährige, ehe sie endlich den Absprung fand. „Ich wollte warten, bis alle eine Kinder aus dem Gröbsten raus waren.“ Sieben hat sie im Jahresrhythmus zur Welt gebracht, „kam mir vor wie eine Gebärmaschine“. Nebenbei hat sie in einer Wäscherei gearbeitet und ging putzen. Gearbeitet hat sie immer. Schon als Mädchen, „die Dritte von sieben Geschwistern“. Die Eltern hatten eine Tischlerei, als der Vater aus dem Krieg kam, mussten alle mitanpacken. Als junge Frau lernte sie ihren Mann kennen und heiratete schnell. Der hatte von den Eltern einen Bauernhof – hoffnungslos überschuldet, sagt Annafried G. Sie haben ihn aufgegeben, „aber die Schulden sind uns überallhin nachgelaufen“. Der Lohn ihres Mannes war verpfändet, ehe er ihn bekam. Aber irgendwie ging es doch aufwärts, sie haben ein Haus gebaut, wieder Schulden aufgehäuft. Neue Arbeit aufgebürdet, über die Grenzen der Kraft. Der Mann trank, schlug zu. 2001 ist sie zu einer ihrer Töchter nach Süddeutschland gezogen und hat ihr Enkelchen versorgt. Auch die Tochter war geschieden, konnte die Mutter gut brauchen. Annafried G. erholte sich, engagierte sich in der Gemeinde – bis die Tochter mit dem Sohn wegzog. Seit 2008 lebt sie nun in Frankfurt, wo eine weitere Tochter lebt. 560 Euro Rente hat sie im Monat, gut die Hälfte frisst die Miete. Viel bleibt nicht für ein Leben voller Arbeit. Früher hatte sie viele Träume, sagt Annafried G. Heute nicht mehr – selbst dafür fehlt die Kraft. ( ana)

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