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Altenhilfe

02. Dezember 2010

Annegret F.: Keine Rente für die Zeit als Bäuerin

Sie kommt aus Schlesien, aber nicht als Flüchtlingskind. Erst 1989 folgte sie samt Mann ihren Kindern in den Westen. Heute ist Annegret F. allein.

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Sie sieht mindestens 15 Jahre jünger aus. Für 70 würde sie glatt durchgehen, Annegret F., die kerzengrade im kleinen Flur ihrer Erdgeschosswohnung in einer Altenwohnanlage im Frankfurter Westen steht. Die Haare sorgfältig frisiert, ein frisches, leicht schelmenhaftes Lächeln auf den Lippen. Ein bisschen kommt da vielleicht das junge Mädchen durch, das auf einem großen Bauernhof in Schlesien aufwuchs, dort, wo es schön war. „Das war früher deutsch“, sagt sie und lächelt. Sie kam nicht nach dem Krieg mit den Flüchtlingstrecks, sondern hielt es aus, „dass die Russen uns alles nahmen“. Auch das Pferd, mit dem der Vater nach dem Krieg zum Kartoffeln stecken aufs Feld gefahren war, „nichts haben wir gehabt“, sagt sie. „Wir mussten Polnisch sprechen, heute lernen die Kinder in der Schule Deutsch.“

1989, also schon im Rentenalter, ist sie mit ihrem Ehemann nach Deutschland gekommen, die Kinder waren nach der Lehre schon vorausgegangen, weil sie dort eine bessere Zukunftsperspektive sahen. „Wir kamen zu Besuch und sind geblieben“, sagt Annegret F. einfach. Heute lebt nur noch ihre jüngere Schwester in Schlesien, die drei Kinder, fünf Enkel und das Urenkelchen wohnen alle in ihrer Nähe: „Die verlassen mich nicht“, sagt sie und lächelt wieder.

Sparsam lebt sie, denn für die Arbeit in der Landwirtschaft, die sie auf dem eigenen Hof nach dem Krieg wieder aufnehmen konnte, bekommt sie keine Rentenzeiten angerechnet. „Nur für die Kindererziehung“. Und ihr Mann, der vor sieben Jahren verstarb, erhielt eine Kriegsschadensrente. So wartet sie im Dezember „immer bis der Brief von der Altenhilfe der FR kommt, dann kaufe ich mir was, und den Rest spare ich“.

Man hört es ihrer leicht singenden Sprache noch an, wo sie herstammt. Und sie ist nicht die einzige in ihrem Umkreis: „Am Sonntag in der Kirche ist die Hälfte von dort.“

Jeden Vormittag „macht sie ihren Weg“, strickt, kocht sich gerne Nudelsuppe, und kann Leute nicht verstehen, die jeden Tag Essen gehen. In ihrer Altenwohnanlage mit Notrufsystem und Aufzug leben fast nur noch Frauen. „Wenn jemand Geburtstag hat, kommen die immer.“ Das wird bei Annegret F. bald der Fall sein. Und Fahrrad fährt sie auch noch, im Alter von 85 Jahren. (ssl)

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