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Altenhilfe

29. Juni 2010

Aufruf von Karl Gerold: "So leben Menschen unter uns an Weihnachten 1949"

 Von Karl Gerold
Karl Gerold (1906-1976) war die Macht der demokratischen Presse bewusst. Er nutzte sie, um seine Leser zur tätigen Mithilfe zu bitten. Mit Erfolg. Er beschrieb nicht nur, wie alle anderen Journalisten der Nachkriegszeit, die Probleme des Alltags sondern setzte dort an, wo die Not mit den Händen greifbar war. Foto: FR

Während für viele von uns in diesem Jahr die Vorweihnachtszeit wieder erfüllt ist von liebevollen Besorgungen und heimlichen Vorbereitungen, leben zahllose Menschen vor dem Winter und den Weihnachtstagen in höchster Not. Der Originalaufruf von Karl Gerold vom 13. Dezember 1949.

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Während für viele von uns in diesem Jahr die Vorweihnachtszeit wieder erfüllt ist von liebevollen Besorgungen und heimlichen Vorbereitungen, leben zahllose Menschen vor dem Winter und den Weihnachtstagen in höchster Not. Alte Leute, Invaliden, Erwerbslose, Kranke, Witwen – wie viele sind es, für die auch in diesem Jahr kein Tannenbaum mit Lichtern erstrahlt! – Und wieviel Kinder sind es, zu denen der Weihnachtsmann eben nicht kommt! Wollen wir nicht gemeinsam versuchen, wenigstens in einige Häuser Weihnachtsfreude zu bringen?
Die "Frankfurter Rundschau" bittet ihre Leserinnen und Leser, die es vermögen, sich an diesem Hilfswerk zu beteiligen. Wir haben uns durch viele Besuche in bedürftigen Familien davon überzeugt, dass dringend Haushaltsgegenstände, Kleidung usw. benötigt werden. Wir haben festgestellt: hier fehlen 220 DM für das Notwendigste, dort nur 71 DM. Aus vielen Feststellungen hier nur einige:

Vier Menschen ohne Matratzen

An der Tür eines Hauses auf der Eschersheimer Landstraße drücken wir auf den Klingelknopf der vierten Etage. Oben finden wir Frau G. Sie führt uns in die Küche, in der sie mit ihrer 81jährigen Mutter und der kleinen Hannelore, die 1945 auf der Flucht aus Breslau geboren wurde, beim Frühstück sitzt. Obgleich zwei Zimmer vorhanden sind, schläft die Familie, zu der auch noch der Ehemann gehört, in einem Raum. "Das zweite Zimmer mussten wir erst herrichten lassen", erklärt uns Frau G., und Möbel haben wir ja auch noch nicht."

Bis auf die zwei Bettgestelle erhielten sie die wenigen Einrichtungsgegenstände geschenkt. Die Lagerstätte der Oma ist geliehen. In keinem der Betten befindet sich eine Matratze. Auch das Kind schläft auf dem Holzrahmen, über den ein Tuch gespannt wurde. Und dabei hat sich gerade jetzt herausgestellt, dass Hannelore an einer Drüsentuberkulose leidet. Was Familie G. braucht, sind: Drei große Matratzen und eine für das Kinderbett. Ferner fehlt es dem Kind, das eine Kleiderlänge von 50cm hat, an Unterwäsche und Strümpfen (Gr. 25). Frau G. erwähnt noch, dass es ihr nicht einmal möglich ist, einen Anzug vom Färben abzuholen, den ihr Mann geschenkt bekommen hat. Das kleine Mädchen hat noch niemals einen brennenden Weihnachtsbaum gesehen...

Frau K. in der Steuernagelstraße. Ihre Zwillinge von vier Monaten haben noch fünf Geschwister bis zum Alter von vierzehn Jahren. Auch hier fehlen Matratzen, ferner Winterkleidung für die vier Mädchen und ein Paar Jungenschuhe, Größe 36. Frau K. lässt sich von den Lebensverhältnissen in der immer noch nicht völlig hergerichteten Wohnung nicht unterkriegen, auch sie hat Wünsche: einen Kühlschrank.

Sieben Personen – vier Teller

Der schwerbeschädigte August St. lebt mit Frau und fünf Kindern im Alter von eins bis neun Jahren in zwei Zimmern und Küche in Sossenheim. Alles ist dunkel und naß – die Möbel verfaulen. Einer der Jungen ist tbc-gefährdet, muss aber trotzdem mit seinem Bruder im gleichen Bett schlafen; im zweiten schläft die Mutter mit der Tochter.
"Alles zum Anziehen ist sehr knapp", sagt Frau St. "Besonders Schuhe fehlen: Für Mädchen in Größe 35, für Jungen in 27 bis 28 und in 22." Die Bettwäsche, die wir sehen, ist mehr als mürbe, und der Mann, 1,76 m groß, braucht Unterwäsche. Im Küchenschrank stehen nur vier tiefe Teller für sieben Personen, Messer gibt es sogar nur drei. Daß auch Frau St. keine persönliche Wäsche mehr besitzt, erfahren wir erst nach direktem Fragen. "Mutti, was bringt das Christkind?" fragte kürzlich eines der Kinder...

Der Vater vermisst – der Junge braucht ein Federbett

Frau Sch. in Bockenheim sitzt an der Nähmaschine, obgleich sie sehr mit der Schilddrüse zu tun hat. "Ich wollte keine Fürsorgeunterstützung mehr, denn sie muss ja eines Tages zurückgezahlt werden. Und das will ich meinem Mann nicht antun." Sie wartet nämlich noch immer auf den seit 1945 Vermissten. So schlägt sie sich also mit ihrem sprachbehinderten fünfjährigen Buben durchs Leben. "Ein Federbett und eine Kolter braucht der Junge und Schuhe in Größe 31." Das ist ihr erster Gedanke und ihr zweiter: Neues Inlett für das eigene Bett.

Eine richtige Drehbank fehlt

In der Mörfelder Landstraße lebt der schwer kriegsbeschädigte Rudolf K. mit seiner Frau und zwei Kindern in einem einzigen Raum, der gleichzeitig als Küche dient. Vor dem Fenster steht ... ein altes Nähgestell montiert – eine primitive Drehbank, auf der Rudolf K. kleine Drechselarbeiten herstellt. Sie reicht aber zu richtigen Holzarbeiten nicht aus. Das Mädel von fünf und der Junge von sieben Jahren haben fast nichts anzuziehen. "Auch an Bettwäsche fehlt es uns, und das Geld ist knapp".

Lumpen als Bettwäsche

Georg W. in Sachsenhausen ist ein fast 70jähriger Rentner, der einmal Ersparnisse hatte. Heute zeigt er uns als zweimal Ausgebombter nur Lumpen als Bettwäsche. Seine Frau, bei Luftangriffen halb erblindet, außerdem schwer körperbehindert, trägt ein Kleid, das aus zahllosen Flicken besteht. Mit sehnsüchtigem Gesicht sagt der alte Mann: "Ich würde mir so gern mal ein bisschen Bohnenkaffee kaufen, aber..."

Im Zimmer ohne Fenster

In der Oskar-von-Miller-Straße wird in einem Teil des Hauses gebaut, im anderen lebt heute die Flüchtlingsfamilie L. mit fünf Kindern zwischen vier und vierzehn Jahren. Die Mauern sind völlig unverputzt, das Zimmer hat überhaupt kein Licht. Drei großen Betten und ein kleines Bett stehen darin. Aus den Wollmatratzen hat man sich für den Winter Zudecken geschaffen. "Es gibt so billige amerikanische Steppdecken, wenn wir die hätten und Bettwäsche dazu –", meint der Schreiner L. Und auch an Tassen und Tellern mangelt es, vor allem aber an einem Werkstattraum für den Mann.

Aber noch mehr Hilfe ist nötig!

Soweit unser Tatsachenbericht. Ein kleiner Ausschnitt aus sieben Besuchen! Uns liegt aber noch eine Reihe von Schreiben vor, wo Hilfe jeder Art dringend erforderlich ist. Allein die "Vereinigung der Verfolgten des Naziregime" nannte uns 40 Familien, die trotz jahrelanger Leiden auch heute noch zu den Bedürftigen zählen. Die "Arbeiterwohlfahrt" schilderte uns elf Fälle, in denen Betten, Kleidung, Einrichtungsgegenstände, Lebensmittel und Geld fehlen. Drei ältere Schwestern, die ihre Leben der Fürsorge für Kranke und Notleidende widmeten, stehen jetzt selbst vor dem Nichts und wandten sich hilfesuchend an uns. Eine alte Frau aus Schwanheim schreibt uns als sehnlichsten Weihnachtswunsch: "Wo kann ein armes Mütterchen am Bescherungsabend teilnehmen?" Zwei Schwestern – beide Heimkehrerinnen aus Sibirien- haben nur den einen Wunsch: ein Leerzimmer, das nicht zu viel kostet. Ein kleiner Junge aus Idstein schrieb: "An den Weihnachtsmann der Frankfurter Rundschau" und bat um Spielzeug und Kleidung. Auch ihm soll geholfen werden...

Wir wollen uns nicht an die Weihnachtstische setzen, ohne anderen eine kleine Freude bereitet zu haben! Über den Eingang der Spenden an Geld und Waren werden wir berichten und mitteilen, wem sie zugute kamen.

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Karl Gerold

Sieben Personen – vier Teller, Lumpen als Bettwäsche: Auch das war Weihnachten 1949. Der Original-Spendenaufruf des FR-Mitherausgebers und späteren Chefredakteurs Karl Gerold.

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