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Altenhilfe

18. November 2010

Erna W. : Erna W’s Erinnerungen sind alles, das bleibt

Die Rentnerin hat 30 Jahre lang hart gearbeitet. Jetzt kann sie sich noch nicht einmal eine neue Brille leisten.

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Einen Berg Schulden hat Erna W. von ihrem Mann geerbt. Da war sie 26 und ist schließlich vorm Gerichtsvollzieher aus Essen nach Frankfurt geflohen. Fast 30 Jahre hat sie in einer Kneipe im Bahnhofsviertel gearbeitet. „Ich komme aus einer kleinen Arbeiterfamilie, da ist man gewohnt, dass man wenig hat“, sagt sie. Aber mit dem, was die 69-Jährige jetzt hat, kommt auch sie nicht mehr aus.

„Die Krankenkasse streicht doch alles“, klagt sie. Die orthopädischen Schuhe, die sie braucht, kann sie sich kaum leisten. Und dieses Jahr muss sie sich auch noch eine neue Brille kaufen. „Dafür gebe ich das Geld aus, das ich extra bekomme“, erzählt sie. Im vergangenen Jahr hatte sie sich von der Altenhilfe noch etwas Besonderes leisten können. „Auch wenn es noch so knapp war, ich hab’ das Geld gespart“, berichtet sie stolz. Bis zum Sommer, bis zur Einschulung ihrer einzigen Enkelin. Die Rentnerin wollte unbedingt dabei sein und konnte Anfang August nach Dresden fahren.

Viel zu selten sieht sie ihre beiden Söhne und auch sonst hat Erna W. nur wenige Kontakte. Regelrechte Panikattacken bekommt sie, wenn sie unter Menschen geht. Bei ihrem Job im Bahnhofsviertel habe sie nämlich gute Nerven gebraucht – und „jetzt habe ich keine mehr“. Deswegen hat sie auch lieber Tiere um sich. Ihr kleiner Hund ist vor zwei Jahren gestorben, aber jetzt kümmert sie sich um die Tiere von Nachbarn, die nicht allein bleiben können. „Ob ich hier allein sitze oder mit einem Hund, den ich ab und zu streichle, das ist egal“, meint die Rentnerin, aber eigentlich ist es ihr doch ganz recht so.

Den Tod nimmt sie nicht so ernst. Am liebsten will sie anonym begraben werden, Bestattungen seien einfach zu teuer. Nicht mal der Spruch „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“ gelte ja heute noch. „Wenn ich hier noch mal ausziehe, dann mit den Beinen nach vorne“, sagt die Rentnerin. In ihrer Wohnung, in der sie seit 1968 wohnt, stecken alle ihre Erinnerungen. Die sind an den meisten Tagen die einzige Gesellschaft, die sie hat. (pralk)

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