Er liebt es, am Fluss zu stehen, über das Wasser zu schauen und Gedanken nachzuhängen. "Wenn man richtig hinguckt, wird es nie langweilig", sagt Erwin O.. Reihern und Raubvögeln sieht der 65-Jährige nach. Über Stunden ist der passionierte Angler am Main, an der Nidda anzutreffen. Aale, Karpfen, Forellen hat er gefangen: "Das Wasser ist mittlerweile so sauber, dass die alle vorkommen."
Und dann natürlich die Waller. Die majestätisch dahingleitenden Welse, die er besonders mag. Zuhause, an einer Wand seiner kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung im Frankfurter Westen, hängt ein Foto, das ihn mit einem 1,38 Meter langen Waller zeigt, seiner größten Beute.
Für den 65-Jährigen birgt es Vorteile, so viel draußen in der Natur zu sein. "Das hält mich fit", glaubt er. Vor allem aber kostet es nichts, für einen Mann mit 580 Euro Rente und 162 Euro Grundsicherung im Monat ist das sehr wichtig. Wenn er Miete, Strom und Gas bezahlt hat, bleiben ihm 220 Euro zum Leben. Er versagt es sich, mal einen Kaffee trinken zu gehen. Manchmal trifft er sich mit ein paar gleichaltrigen Freunden an einem Imbissstand an der Hauptwache. "Die haben unglaublich gute Würste", erzählt er. Das ist ein besonderer Höhepunkt in seinem Wochenablauf.
Er geht auch gerne über den Flohmarkt an der Jahrhunderthalle, der zweimal die Woche aufgebaut wird. "Nur gucken, nicht kaufen, das ist zu teuer", sagt er.
Erwin O. war Gerüstbauer. "Ich hab mein Leben lang schwer gearbeitet, Arbeit hält fit", glaubt er. Obwohl er heute große Probleme hat: die Herzkranzgefäße, die hohen Cholesterinwerte. Er muss viele Tabletten schlucken. Er hat viel geraucht, zum Glück hat er vor zwei Jahren die Kraft aufgebracht, es sein zu lassen.
Früher, da sei er "wie eine Gazelle gelaufen". Eine schmale Bohle, ein Trittbrett in der Höhe "war für uns wie ein Trottoir", sagt er stolz. Oft war er im Ausland unterwegs, in Frankreich etwa. Heute ist ihm vor allem ein großer Wunsch geblieben. "Ich möchte noch einmal meine Schwestern in den USA besuchen, in Philadelphia." Einmal ist ihm das schon gelungen. "Ich werde einfach eisern sparen." (jg)
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