Herr Lauscher. Früher war es üblich, dass Menschen in den eigenen vier Wänden alt wurden. Die Familie übernahm die Pflege. Wie hat sich die Altenhilfe im Laufe der Zeit gewandelt?
Die wesentliche Änderung liegt darin, dass sich die Notwendigkeit der professionellen Pflege erst entwickelt hat. Traditionell war die Pflege Aufgabe der Tochter oder der Enkeltochter. Das hat sich durch die Auflösung der Familienstruktur geändert, die Leute mussten ins Pflegeheim, weil es keine Alternativen gab. Erst durch die Entwicklung der ambulanten Pflege insbesondere nach Einführung der Pflegeversicherung gibt es wieder die Möglichkeit, zuhause versorgt zu werden.
Was bedeutet das für ältere Menschen?
Dass sie heutzutage in der Regel auf professionelle Pflege zurückgreifen. Dabei ist der Anteil derjenigen, die stationär in Pflegeheimen gepflegt werden, gleich geblieben - bei steigender Zahl von Bedürftigen. Bezogen auf die ältere Bevölkerung sind nach wie vor drei bis vier Prozent in Heimen untergebracht, während der Anteil der ambulant Betreuten deutlich gestiegen ist. Den Wunsch, in den eigenen vier Wänden bis zu letzt zu leben und möglichst zu sterben, den gibt es schon immer. Allerdings geht es vielen tatsächlich besser, wenn sie in einer Pflegeeinrichtung betreut werden.
Wäre es dann nicht erstrebenswert, wenn mehr Menschen in Pflegeheimen versorgt würden?
Nein. Ob es objektiv besser ist, im Heim gepflegt zu werden, spielt keine Rolle. Subjektive Befindlichkeiten sind wichtiger. Selbst wenn es vom pflegerischen Aspekt her besser ginge, ist der psychologische Aspekt von großer Bedeutung. Es ist ein enormer Bruch, aus seiner Wohnung ausziehen. Die Menschen lassen alles hinter sich und beginnen sozusagen mit dem "Sterben". Deshalb sollte der Versorgung zuhause Vorrang eingeräumt werden. Ein zentrales Problem ist jedoch, dass die Pflege im Heim billiger ist, wenn man die Intensität betrachtet. Die selbe Leistung in den eigenen vier Wänden wäre zur Zeit etwa doppelt bis dreimal so teuer.
Wo müsste die Altenhilfe ansetzen, um eine langfristige Verbesserung zu bewirken?
Die Fragen, wie lange Pflege und Hilfebedürftigkeit dauert, und wie früh man bedürftig wird, hängt insbesondere von sozialen Faktoren ab. Etwa, ob man in einer Gemeinschaft lebt und soziale Kontakte pflegt. Wichtig ist deshalb die Prävention. Da ist in Frankfurt schon in den 70ern viel geschehen, in den Begegnungsstätten und Altenclubs. Inzwischen hat sich das zu einem differenzierten Angebot für Menschen ab 50 Jahren weiterentwickelt - vom Service-Zentrum bis zu Internet-Cafés für Senioren. Das wird uns am Ende sehr viel Leid und Geld sparen. Inzwischen wird das auch in anderen Städten gemacht, aber nicht in einem solchen Umfang. Wenn man alt wird, gibt es keine bessere Stadt als Frankfurt.
Warum ausgerechnet Frankfurt?
Einmal hat die Stadt durch den Frankfurter Verband die Möglichkeit, solche Angebote zu implementieren. Zum anderen gibt es seit Jahrzehnten den politischen Konsens, dass die Altenhilfe wichtig ist und somit über dem Parteienstreit steht. Man versucht, gute Lösungen zu finden, und spart nicht unnötig. Darüber hinaus gibt es ein gutes Fundament an Stiftungen, wie etwa die FR-Altenhilfe.
Das klingt alles schön. Doch wo hapert es?
Stärker aktiv werden müsste man in der Vernetzung von Dienstleistungen. Erfolgversprechend sind etwa quartiersbezogene Ansätze, wie das Frankfurter Modell in Niederrad, das wir mit der Nassauischen Heimstätte betreiben. In der dortigen Siedlung bieten wir ein Bündel an Leistungen an, von denen viele kostenlos sind oder nur für die Inanspruchnahme gezahlt werden muss. Durch die ortsnahe Beratung und Betreuung kann man Vertrauen aufbauen und versuchen, die Leute früh zu erreichen und auf Problemlagen aufmerksam zu werden.
Warum gibt es entsprechende Angebote nicht in anderen Quartieren mit vielen älteren Menschen?
Derzeit sind wir dabei, das Projekt auch in der Nordweststadt umzusetzen. Das Problem dabei ist die Anschubfinanzierung. Im Moment machen wir das experimentell - ohne gesicherte Finanzierung. Langfristig soll es sich über die Leistungen finanzieren, die die Leute abrufen.
Wie sehen Sie der Zukunft der Altenhilfe entgegen?
Die Entwicklung der Altenhilfe wurde in den letzten zehn Jahren durch die Skandalisierung gehemmt, die letztlich zu einer Überregulierung führt. Zwar müssen Fehler in der Pflege geahndet werden. Doch fehlt ein vernünftiges Maß zwischen Kontrolle und Effizienz der Verwaltung. Die Fälle schaukeln sich immer wieder auf. Jeder Skandal bewirkt ein neues Gesetz - dabei sind es Einzelfälle. Für die Pflegeeinrichtungen bedeutet das bereits, dass sie 30 Prozent ihrer Zeit für Administratives investieren. Das kann nicht unendlich so weitergehen.
Interview: Boris Schlepper
Wie und wo die Aktion "Not gemeinsam lindern" Hilfe im vergangenen Jahr leisten konnte, erfahren Sie hier.
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Die FR-Altenhilfe und die Entwicklung der jungen Bundesrepublik.

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